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Ende einer Unerträglichkeit "Wetten, dass...?" ist Geschichte

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Der Showklassiker wird nach fast 34 Jahren eingestellt: "Wetten, dass..?"-Moderator Markus Lanz (l. mit Kati Witt und Hermann Maier) beerdigt die Reihe mit einer gnadenlos überzogenen Abschlusssendung.

(Foto: picture alliance / dpa)

Cheerleader, Hunde und Komiker: Zum letzten und "längsten Kindergeburtstag" der Welt will das ZDF Vollgas geben - und vergisst, die Handbremse zu lösen. Was übrigbleibt, sind Erinnerungen an Frotteeanzüge und das Gefühl selbst als Zuschauer, dringend den Flieger kriegen zu müssen.

Es ist vollbracht. Das längste Leiden der deutschen TV-Landschaft ist vorüber. Das ZDF hatte mit seinem lahmenden Zugpferd "Wetten, dass..?" endlich Erbarmen und verpasste ihm den längst überfälligen Gnadenschuss. Doch von Gnade keine Spur! Stattdessen windet sich die Show in einem Todeskampf, der dreieinhalb Stunden andauern sollte.

Wer geglaubt hat, beim letzten Flimmern des Fernseh-Dinosauriers über das heimische TV-Gerät so etwas wie einen nostalgischen Hauch vergangener Jahrzehnte zu spüren, wurde enttäuscht. Denn in der ZDF-Zentrale scheint man es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, den schmerzgeplagten Zuschauer auch noch bei der 215. Ausgabe der Samstagabend-Show an die Grenze der Erträglichkeit zu führen.

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"Eigentlich ein Hammer-Mensch": Markus Lanz in der Abschiedsshow.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zum Auftakt hopsen ein paar rappende Teletubbies, besser bekannt als "Die Fantastischen Vier". Eigentlich ganz passend, weil die "Jungs" ihren Zenit so ziemlich zum selben Zeitpunkt überschritten haben wie das 1981 von Frank Elstner entwickelte Format. Als Lanz die Bühne in Nürnberg betritt, verspricht er eine tolle Sendung: "Wir haben viel vor", sagt er und will es "richtig krachen lassen".

Schnell aber ist klar, dass Feingeist Lanz nur wieder leere Worthülsen verschießt. Und tatsächlich: Nach 220 Minuten "Wetten, dass...?" fühlt es sich nicht so an, als wäre man "Teil einer Generation", die stolz ist, "mit der Sendung groß geworden" zu sein. Nein, es fühlt sich eher an, wie vergeudete Lebenszeit, für die die Verantwortlichen beim ZDF den Zuschauern, die sie offenbar für die letzen Flitzpiepen halten, eigentlich Schmerzensgeld in Form von Rückerstattung der Rundfunkbeiträge zahlen müssten.

Omi und die unendliche Salzstangen-Flut

Das Stelldichein der Promo-Promis und Ex-Teilnehmer beginnt. Eisprinzessin Katarina Witt und Skirennläufer Hermann Maier schlagen auf. Witt war die erste DDR-Bürgerin der Sendung. Ausgestattet mit dem unnatürlichsten Dauergrinsen der Sportwelt schwelgt sie in Erinnerungen. Eigentlich war sie damals ja auch zur Emmy-Verleihung eingeladen, gab dann aber doch "Wetten, dass..?" den Vorzug.

Skirennläufer Hermann will von einem Moment erzählen, bei dem er Michael Jackson auf der "Wetten, dass..?"-Couch kennengelernt hat, doch Frau Witt drängt sich in den Mittelpunkt und gibt ihre Hobby-Analyse zur damaligen geistigen Verfassung des "King of Pop" zum Besten. Lanz findet, dass der arme Michael "eigentlich ein Hammer-Mensch" war oder ist. Da scheinen sich die drei nämlich nicht einig zu sein und sprechen von der Musik-Ikone permanent im Präsens.

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"Lass uns teilhaben an deinem Leben": Samuel Koch stellt sich Lanz und der Vergangenheit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ex-Außenreporter Olli "Dittsche" Dittrich gesellt sich dazu und bringt Charme in die Bude. Lanz findet, dass er und Olli in ihren Anzügen "aussehen wie Versicherungsvertreter", was in seinem im Fall leider vornehmlich auf seine Art zu moderieren zutrifft. "Dittsche" wird zur Außenwette verdonnert und das langsame Show-Sterben nimmt seinen Lauf.

Nun rücken die Erinnerungen der Zuschauer ins Visier. Es fallen Worte wie: Familiensendung, Omi und Salzstangen. Wer hätte gedacht, dass nicht nur Kati Witt und der Berufsjugendliche Smudo, sondern auch die nach und nach eintrudelnden Stars wie die atemlose Helene Fischer, der Ottifantenzeichner Waalkes, Raabs Ex-Showpraktikant Elton und der Ex-Punker Wotan Wilke Möhring Großmütter haben? Und alle haben sie immer "Wetten, dass..?" geschaut. Und immer schön dazu Salzstangen gegessen. "Wahnsinn!" Als Otto eine Handpuppe des Faultiers Sid aus "Ice Age" hervorzaubert, um im schlechtesten Playback der TV-Historie einen Song seiner neuen CD zu promoten, schaltet nicht nur Skirennläufer Maier in Stand-by-Modus.

"Leckt zart, leckt wild"

"Wir veranstalten immer einen ungeheuren Aufwand, um unsere Gäste hierher zu kriegen", resümiert Lanz. Und so rappelt sich der Wett-Dino zum letzten Mal auf und fügt der Monotonie noch ein paar neue Facetten hinzu. Lanz jedoch findet alles "prima" und unterbricht den finalen Akt der Dauerwerbesendung gelegentlich mit ein paar Wetten. Cheerleader aus Elmshorn hängen Wäsche in fünf Metern Höhe auf, ein Parkourläufer gibt den Spider-Man und ein Mann zählt Buchstaben und sieht dabei aus, als würde er Luftgitarre spielen. "Totaler Hammer."

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"Dann wollen wir mal sehen, ob das Leben gut zu dir war oder möglicherweise auch nicht": Helene Fischer und Ben Stiller waren auch da.

(Foto: picture alliance / dpa)

Für Aufsehen sorgt ein blinder Wettkandidat, der mit dem Schnalzen der Zunge per Echoortung seine Umgebung wahrnimmt und so Puzzleteile zusammensetzt. Auch die Kinderwette sorgt für Lunte. Ein Junge erkennt Hunde daran, wie sie ihm die Leberwurst vom Handrücken lecken. Mit trockenen Überlegungen wie: "Leckt zart" und "leckt wild" bringt er den Saal zum Lachen.

Schlitzohr Lanz ruiniert diesen Moment aber sofort, indem er Leonardo DiCaprio erwähnt, der bei diesem Spiel die Hunde durch Models ersetzt. Erneut beweist der gewiefte Fragensteller auch sein spezielles Händchen für Kinder. Ein Mädchen, das als ehemaliger Wett-Gast geladen ist, entlässt er mit den Worten: "Schön, dass wir uns nochmal gesehen haben, vielleicht sehen wir uns ja später, wenn du groß bist, nochmal und dann wollen wir mal sehen, ob das Leben gut zu dir war oder möglicherweise auch nicht."

"Keine Träne soll uns begleiten"

Auftritt Samuel Koch. Mit Til Schweiger im Schlepptau promotet er dessen neuen Film. Der bei "Wetten, dass..?" verunglückte Schauspieler muss sich nun peinlichen Fragen und Bemerkungen stellen. Es fallen Sätze wie: "Lass uns teilhaben an deinem Leben" und "Wir umarmen uns immer, wenn wir uns sehen". Diese eklatante Schmierigkeit lässt beim Zuschauer vor Wut den Blutdruck steigen.

Markus Lanz entgleitet die Situation vollends, als er den querschnittsgelähmten Koch zu gernervten Antworten nötigt. Schweiger macht die Sache dann richtig rund und ringt der gesamten "Wetten, dass..?"-Couch eine Beteiligung an der Samuel-Koch-Stiftung ab. Ist ja für den guten Zweck. Dass Hollywood-Star Ben Stiller und "Tatort"-Börne Liefers auch noch da waren, hat man da längst schon wieder vergessen.

Die Lanz-Vorgänger Elstner, Lippi und Gottschalk sind dem Spektakel vorsichtshalber ferngeblieben. Nach über drei Stunden TV-Martyrium erlöst "Der Graf" von Unheilig mit seinem Lied "Zeit zu gehen" und der vielsagenden Strophe: "Keine Träne soll uns begleiten", den Zuschauer nach über 1000 Wetten und 33 Jahren endlich aus dem Unterhaltungs-Delirium.

Quelle: n-tv.de

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