Bücher

Rettende Menschen Am Ende bleibt Dankbarkeit

imago0068571724h.jpg

Für Michka ergeben die Wörter immer weniger Sinn.

(Foto: imago/epd)

"Alt werden heißt verlieren lernen." Diese Erfahrung macht Michka Seld, als ihr immer mehr Wörter entfallen und sie in ein Seniorenheim umziehen muss. In ihrer immer enger werdenden Welt gibt es nur Marie und Jérôme als Lichtblick und die Hoffnung darauf, einen letzten Dank auszusprechen.

Michka Seld ist alt, so alt, dass ihr die Wörter zunehmend verloren gehen und die Angst sie anspringt, bis sie einfach umfällt. Ihr ganzes Leben hat sie selbstbestimmt geführt. Sie war viel unterwegs, hat Fotoreportagen für Zeitschriften gemacht und später als Korrektorin gearbeitet. Nun hilft ihr Marie, in ein Seniorenheim umzuziehen.

ANZEIGE
Dankbarkeiten: Roman
14,99 €
*Datenschutz

Wie in einem Kammerspiel sind die Figuren in Delphine de Vigans Roman "Dankbarkeiten" aufgestellt. Lediglich Jérôme kommt noch hinzu, der Logopäde, der Michka helfen soll, ihre Wörter etwas weniger schnell zu verlieren. Trotzdem entfaltet sich auf den gut 160 Seiten eine äußerst komplexe Geschichte.

Marie ist die Tochter, die Michka nie hatte. Das Mädchen lebte jahrelang mit ihrer psychisch kranken Mutter im gleichen Haus und wenn deren Mütterlichkeit in den Depressionen unterging, klopfte Marie bei Michka. Zuerst nur für eine warme Mahlzeit, später für Tage oder Wochen in einem beinahe normalen Alltag. Das Jugendamt erfuhr nie von diesem Kind.

Jérôme hat sich ebenso zufällig wie zwangsläufig auf die Betreuung von Senioren spezialisiert. Er sieht ihnen zu, wie sie um jede einzelne Fähigkeit zäh kämpfen, um sie dann doch in unausweichlicher Brutalität zu verlieren. Voller Zärtlichkeit sucht er in den Senioren nach den jungen Frauen und Männern, die sie einmal waren. Seine eigene Mutter ist schon lange tot, zum Vater hat er keinen Kontakt - eine Wunde, die Michka sofort erkennt.

Rettung in Menschen und Worten

Michka, die einst meisterhaft mit Worten umgehen konnte, kann die Lücken, die das Vergessen reißt, fast mühelos mit ähnlich klingenden Satzteilen füllen. Vor allem aber weiß sie, wie wichtig die anderen für das eigene Überleben sind. Sie selbst verdankt ihr Leben einem Ehepaar, das sie schon ihr ganzes Leben vergeblich versucht ausfindig zu machen. Nun, wo das Sterben unausweichlich näher rückt, ist dieser Wunsch noch stärker als der, dass die verfliegenden Wörter bleiben mögen. Marie unternimmt deshalb mit Zeitungsannoncen einen letzten Versuch, die beiden Menschen ausfindig zu machen.

Die in Paris lebende Autorin Vigan gilt längst als eine der wichtigsten Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur. Ihr 2007 erschienener Roman "No & Ich" wurde verfilmt und gehört inzwischen in Deutschland bereits zur Schullektüre. Das liegt auch an der scheinbaren Leichtigkeit, mit der Vigan sich den durchaus schweren Themen des Lebens zuwendet: Kindlicher Alkoholismus in "Loyalitäten", Obdachlosigkeit in "No & Ich", Magersucht in "Tage ohne Hunger".

Auch in Michkas Zimmer im Seniorenheim geht es um die ganz großen Fragen: Was kann ein einzelner Mensch für den anderen sein? Wie wichtig ist es, Dankbarkeit zu zeigen? Was bleibt von der menschlichen Existenz, wenn sie sich nicht mehr sprachlich ausdrücken kann? Vigan erzählt das weitgehend dialogisch; wenn der Austausch im Zwiegespräch nicht mehr ausreicht, wechselt sie in den inneren Dialog. Übersetzerin Doris Heinemann findet für Michkas sprachliche Aussetzer deutsche Entsprechungen, die beim Lesen immer wieder für Irritation oder ein Lächeln sorgen. Nur manchmal wünschte man sich als Leser, dass die verschiedenen Personen auch in ihrem Sprechen ein bisschen mehr Kontur gewinnen.

Am Ende ist Michka tot und Marie schwanger. Jérôme denkt darüber nach, seinem Vater zu schreiben. Die Worte sind vergangen, der Dank gesagt.

Quelle: ntv.de