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Lauter, dreckiger, geiler Der Berliner Herzschlag der Neunziger

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"Berlin Heartbeats"-Coverfoto: Peaches vor einem Auftritt im Club "Maria am Ostbahnhof", 2010.

(Foto: Ben de Biel / bobsairport)

Eine besondere Atmosphäre herrschte in Berlin in den Jahren nach dem Mauerfall - der Leerstand vieler Häuser und die Leere, die der zusammenbrechende Staat hinterließ, bedeuteten auch große Freiheit. Was ist davon noch übrig?

Berlin lebt von seinen Mythen, sei es der "goldenen" 1920er-Jahre, des aufregenden Westberlins der Achtziger, des wilden Ostens oder des Anarcho-Berlins der Wende- und Nachwendezeit. Wer in den Neunzigern dabei war und jung genug, erinnert sich häufig mit glänzenden Augen daran - an die große Freiheit, an die vielen Möglichkeiten, die sich auf einmal auftaten. Im neuen Foto-Text-Band "Berlin Heartbeats - Stories from the wild years 1990 - present" äußern sich zehn Berlin-Protagonisten dazu, Künstler und sogenannte Kulturschaffende, und so unterschiedlich ihre Sichtweisen sind, ein Thema kommt immer wieder: die neu entstandene, faszinierende Leere, die Leerstellen, die man mit Kreativität, mit Ausprobieren ohne großes finanzielles Risiko ausfüllen konnte.

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Mai 1993, Kino im Gleimtunnel: Kinder sehen einen DEFA-Film an. Im Oktober 1993 wurde der Tunnel, durch die Mauer seit 1961 gesperrt, wieder für den Autoverkehr geöffnet.

(Foto: Rolf Zöllner / bobsairport)

Die Texte (deutsch und englisch) reichen von schwärmerisch bis kritisch und stammen von der Autorin Judith Hermann; Klaus Biesenbach, Kurator und Museumsmacher (MOMA, Kunstwerke); Robert Lippok, Theatermacher, Musiker, Produzent; Sven Marquardt, Fotograf und "Berghain"-Türsteher; Flake, Keyboarder bei Rammstein; Dimitri Hegemann, Clubbetreiber ("Tresor"), Veranstalter, Kulturmanager; OL Schwarzbach, Cartoonist; Frank Castorf, Theaterregisseur und -Intendant; Christiane Rösinger, Musikerin, Autorin, Veranstalterin; und schließlich Sasha Waltz, Choreografin und Tänzerin. Zufall oder nicht - die zehn stammen je zur Hälfte aus Ost und West, was eine ausgewogene Sichtweise auf die Zeit nach dem Mauerfall mit sich bringt. Im hinteren Teil werden alle Beteiligten in einer Kurz-Biografie vorgestellt.

Erzählen von früher

Den Texten ist ein langes Vorwort von Journalist und Architekturkritiker Niklas Maak vorangestellt - auch er ist Zeitzeuge, kam 1990 nach Berlin und erinnert sich zuerst an den typischen Geruch der Stadt, nach Kohleöfen und Zweitakter-Abgasen. Wie er berichtet jeder der beitragenden Autoren, wie er oder sie Berlin damals erlebt hat, die besondere Situation, wie war es, was war möglich, was hat sich geändert - zum Teil auch weit in die Vergangenheit hinein, bis in die Kindheit. Wenn Flake "von früher" erzählt und wie etwa seine Bands Feeling B und Rammstein entstanden sind, dann hat das nicht allzu viel mit den Jahren 1990 bis heute zu tun; es ist eher eine Vorgeschichte. Allerdings eine unterhaltsame.

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"Berlin Heartbeats" ist bei Suhrkamp erschienen, 256 Seiten, gebunden, viele Fotos, 29,90 Euro.

(Foto: Suhrkamp)

Wie auch schon im Vorgänger-Band "Berlin Wonderland" sind viele der darin enthaltenen Fotos von Ben de Biel, Hendrik Rauch, Philipp von Recklinghausen und Rolf Zöllner; hinzu kommen Bilder von Harald Hauswald, Ute Mahler und Markus Werner. Alle schwarz-weiß, zeigen sie ein raues, unschickes Berlin, Nachtleben, die Räumung der Mainzer Straße und der Wagenburg am Engelbecken; das Obdachlosen-Theater Ratten 07 wird begleitet und auch ein Polizeiteam, neu zusammengesetzt aus Ost- und Westberliner Kollegen. Und Revierpolizist Hans-Udo Hüttenrauch erzählt einen Schlag aus der alten Zeit: "Damals sind hier Autos rumgefahren, das kann man sich nicht vorstellen. Wir hatten ja so viele Polizisten hier, und um die zu beschäftigen, haben wir jede Nacht Verkehrskontrollen gemacht. Was wir da an Autos aus dem Verkehr gezogen haben, die keinen TÜV hatten. Der Westen hat ja seinen ganzen Schrott flächendeckend in den Osten verkauft."

Auf dem Buchcover: Peaches - die Kanadierin, mit bürgerlichem Namen Merril Nisker, zog zwar erst im Jahr 2000 nach Berlin (und lebt immer noch dort). Aber was sie nach Berlin zog, war die besondere Atmosphäre in der Stadt, auch die sexuelle Freizügigkeit - ihre Bühnenshows sind schließlich auch eine Mischung aus Electroclash und unverblümter, direkter Sexprosa.

Was war denn so besonders?

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Räumung der Wagenburg im Engelbecken, 1993.

(Foto: Hendrik Rauch / bobsairport)

Aber was war denn genau das Besondere? Judith Hermann beschreibt es so: "Wir haben diesen Möglichkeitsraum, der sich uns damals geboten hat, wahrgenommen, und wir haben ihn geschätzt. Diese Wohnungen, Zimmer, Dachböden und illegalen Orte, die wir uns genommen haben, die haben wir geliebt. ... Es hatte ganz viel mit Liebe zu tun, mit der poetischen Vorstellung von einer Stadt, die dir gehört. Regeln, die außer Kraft gesetzt waren - wir konnten in jeder Hinsicht immerzu Türen aufmachen, die Räume dahinter betreten und sie uns aneignen, für eine Woche oder zwei, zum Filme zeigen, Radio machen, Fotografieren, Theaterstücke aufführen: wie Spielen, ohne dass das wirklich etwas wollte, es war alles sehr leicht. Es hatte auf der einen Seite etwas Zielloses - und auf der anderen Seite war es genau deshalb so berückend."

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Zirkuselefant auf dem Mauerpark-Gelände, 1992.

(Foto: Hendrik Rauch / bobsairport)

Aber das Berückende, Freie, Ziellose war irgendwann vorbei, es war wie erwachsen werden, denn, so Hermann: "Irgendwann bekam auch der Letzte Telefon und die Papierrollen, auf denen man sich Nachrichten hinterlassen hatte, verschwanden von den Türen. Die besetzten Wohnungen wurden legalisiert. Das Offene, Provisorische, Illegale, Freie - das löste sich irgendwann auf. Wir mussten zur Vernunft, zu einer Art Besinnung kommen, letztendlich war es die Struktur der Stadt, die das eingefordert hat."

Deprimierende Provinzialisierung

Aber ist es denn wirklich vorbei, ist Berlin totsaniert und darum überhaupt tot, wie in letzter Zeit oft behauptet? Maak bestreitet das in seiner Einleitung: "Es heißt immer, diese Tage der Leere, die Offenheit, die Nächte, das Improvisierte, Nomadische, alles sei weg und natürlich ist das Unsinn. ... Vielleicht stimmt es für die zu Tode sanierten, verkehrsberuhigten Einbahnstraßen in Mitte, wo mit der Gentrifizierung auch eine deprimierende Provinzialisierung stattgefunden hat. ... Aber die Stadt hält dagegen. Das Leben, von dem die Bilder in diesem Buch erzählen, ist aus dem Zentrum weitergezogen. ... Aber es ist noch da. Und solange die Stadt nicht ihre Einwohnerzahl vervielfacht und die Mietpreise auf New Yorker Niveau treibt, bleibt sie trotz einiger totpolierter Stellen zerfasert und leer und löchrig wie ein altes Riff, in dessen Höhlen und rauen Oberflächen sich alles und jeder einnisten kann."

Ob man nun Maaks Meinung teilt oder eher dem kompletten Berlin-Abgesang anhängt - "Berlin Heartbeats" zeigt, was mal war und was mal möglich war. Und zum Teil auch schon, wie es aufhörte, das Freie, Leere. Das Laute, Geile, Dreckige. Das hat nichts Verklärendes, ist spannend zu lesen und unterhaltsam dazu. Schwerpunkt des Buches sind jedoch die großartigen Fotos - die allein lohnen schon den Blick.

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Quelle: n-tv.de

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