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Liebe ohne Aufopferung? Die Last der Mutterrolle

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Ferrante schreibt über ein Tabu: die ambivalenten Gefühle einer Mutter.

(Foto: picture alliance/dpa)

Leda empfindet für ihre Töchter "eine vertrackte Mischung aus Sympathie und Abneigung". Sie ist "Die Frau im Dunkeln", so der Titel eines neu ins Deutsche übersetzten Romans von Elena Ferrante. Die italienische Erfolgsautorin seziert darin die Schattenseiten der Mutterschaft.

Kinder sind das größte Glück auf Erden, sagt der Volksmund. Doch was, wenn es so einfach nicht ist? Schon vor der "Regretting motherhood"-Debatte, die vor vier Jahren durch die israelische Soziologin Orna Donath ins Rollen kam, hat sich Elena Ferrante 2006 in einem Roman mit dem sensiblen Thema Mutterschaft beschäftigt.

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"Frau im Dunkeln" ist nach "Lästige Liebe" der zweite Roman, der im Nachklapp des Hypes um die Neapel-Tetralogie neu ins Deutsche übertragen wurde. Schonungslos erzählt Ferrante darin von all den ambivalenten Empfindungen und Gedanken, die eine Mutter haben kann, die aber in der Regel unausgesprochen bleiben.

Die Rahmenhandlung bildet ein Sommerurlaub: Leda, Ende 40 und Anglistik-Dozentin in Florenz, verbringt die Ferien alleine an der süditalienischen Küste. Am Strand beobachtet sie jeden Tag eine junge Frau mit ihrer Tochter. Nina und die etwa dreijährige Elena geben das Idealbild einer perfekten Mutter-Kind-Symbiose ab, herzen sich und spielen innig miteinander. Über Nina heißt es: Sie "war schön, doch erst ihr Muttersein machte sie zu etwas Besonderem, sie schien nur ihre Tochter im Sinn zu haben".

Puppenklau am Strand

Doch Leda geht die Idylle zusehends auf die Nerven. Aus einem Impuls heraus, den sie sich selbst nicht genau erklären kann, klaut sie das Lieblingsspielzeug des kleinen Mädchens: eine Puppe. Die sitzt nun in ihrer Ferienwohnung, spuckt schlammiges Wasser und löst eine Flut von Erinnerungen aus. Denn auch Leda ist Mutter zweier erwachsener Töchter. Inzwischen sind die beiden zum Vater nach Kanada auswandert und Leda stellt fest, dass ihr das "keinen Schmerz verursachte". Im Gegenteil, sie fühlte sich erleichtert: "Meine einzige Verpflichtung war der tägliche Anruf."

Schon immer hadert Leda mit ihrer Mutterrolle, für ihre Töchter empfindet sie "eine vertrackte Mischung aus Sympathie und Abneigung". Während ihr damaliger Mann seine berufliche Karriere vorantreibt, hat sie das Gefühl, dass ein Teil von ihr mit den Geburten aufgehört hat zu existieren: "Arbeiten konnte ich nicht mehr, ich spielte ohne Freude, mein Körper fühlte sich leblos an, ohne jedes Begehren." Die Mädchen sind noch klein, als Leda die Familie verlässt und erst nach drei Jahren zurückkehrt.

Innerer Scherbenhaufen

Doch egal ob Leda mütterliche Aufopferung oder berufliche Selbstverwirklichung wählt: Es zerreißt sie förmlich. Bei Ferrante gibt es dafür ein Wort: "Frantumaglia". Gemeint ist ein Zustand des Zersplittertseins, ein innerer Scherbenhaufen, der entsteht, wenn das Leben brüchig wird und alle Gewissheiten erodieren.

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Es gibt kaum einen Begriff, der enger mit dem Ferrante-Kosmos verbunden ist. Daher trägt ein weiteres in diesem Jahr auf Deutsch erschienenes Buch wohl nicht zufällig den Titel "Frantumaglia. Mein geschriebenes Leben". Auf fast 500 Seiten versammelt der Band Korrespondenzen, Kurzgeschichten und Interviews, die Journalisten schriftlich mit der unter Pseudonym schreibenden Ferrante geführt haben.

Das Buch, quasi ein Selbstporträt in Dokumenten, ist eine schier unerschöpfliche Fundgrube für Fans der aus Neapel stammenden Autorin. Vor allem ihre geheim gehaltene Identität und das permanente Spiel mit Fiktion und Realität werden facettenreich beleuchtet.

Über "Frau im Dunkeln" verrät Ferrante in "Frantumaglia", dass es "das tollkühnste, das gewagteste" ihrer Projekte gewesen sei. Tatsächlich geht es in allen ihren Romanen um die Dekonstruktion des weiblichen Ichs. Mit Leda aber entwirft Ferrante eine besonders radikale Figur, anhand derer sie die Schattenseiten von Mutterschaft und einengenden Geschlechterrollen seziert. In einem Interview erklärt sie, dass ihre Protagonistin Leda letztendlich um einen einzigen neuralgischen Punkt kreise: "Wird es mir, einer Frau von heute, gelingen, von meinen Töchtern geliebt zu werden und sie zu lieben, ohne mich selbst aufopfern und deshalb verabscheuen zu müssen?" Eine Frage, die Ferrante auf verstörende Art und Weise verhandelt.

Quelle: n-tv.de

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