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"Regretting Parenthood" Viele Eltern empfinden das Aber

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Das echte Leben mit Kindern sieht selten so aus.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Zwischen Windelbergen, Hausaufgaben und der nächsten Mahlzeit fragen sich Eltern selten: Würde ich Kinder bekommen, wenn ich das jetzt nochmal entscheiden könnte? Dabei ist Reue unter Vätern und Müttern offenbar ein völlig normales Gefühl, wie eine Umfrage zeigt.

2015 veröffentlichte die israelische Soziologin Orna Donath ihre Studie zu bereuenden Müttern. Seitdem wird die Tatsache, dass sich einige Eltern nicht unbedingt wieder für Kinder entscheiden würden, heftig diskutiert. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab nun, dass 20 Prozent der Eltern in Deutschland keine Kinder bekommen würden, wenn sie sich noch einmal entscheiden könnten.

Für YouGov-Sprecher Holger Geißler ist allein diese Zahl ein großer Fortschritt in der Debatte. "Wir wissen jetzt, dass bereuende Eltern keine Einzelfälle sind", sagt Geißler n-tv.de. Die Studie ergab zudem, dass die Zahlen für Väter und Mütter bei den Reuegefühlen fast identisch sind. 20 Prozent der Männer bereuen ihre Entscheidung für Kinder und 19 Prozent der Frauen.

Vergleicht man bereuende mit nicht bereuenden Eltern, zeigen sich einige spannende Ansätze. "Bereuende Eltern haben sehr viel häufiger das Gefühl, für ihre Kinder auf die Karriere verzichtet zu haben oder die Karriere wäre ohne Kinder deutlich besser verlaufen", analysiert Geißler. Ein Drittel aller befragten Eltern glaubt aber unabhängig von Reuegefühlen, dass sich die Elternschaft negativ auf ihr berufliches Fortkommen ausgewirkt hat. Dabei zeigt sich jedoch ein deutlicher Geschlechterunterschied: So sind 44 Prozent der Mütter, aber nur 20 Prozent der Väter dieser Ansicht.

Individuelle Mischung

Außerdem hätten bereuende Eltern häufiger das Gefühl, sie konnten sich nicht so entfalten, wie sie gewollt hätten. Besonders bei Frauen kommt außerdem noch das Thema Aufopferung für die Familie hinzu. Gleichzeitig hat das Gefühl, für seine Kinder eine ganze Menge eigenes Leben aufgegeben zu haben, kaum Einfluss auf die Liebe zum Nachwuchs. 95 Prozent der Befragten gaben an, ihre Kinder zu lieben. 77 Prozent bereitet das Elternsein Genugtuung. Es bleibt jedoch ein großes Aber.

Warum sich dennoch jeder Fünfte gegen Kinder entscheiden würde, wenn er es noch könnte, hat viele Ursachen. Geißler zufolge gibt es einige demografische Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit steigen lassen, dass Eltern das Kinderhaben bereuen. "Dazu gehört besonders die Frage: Bin ich alleinerziehend oder nicht? Aber auch: Wie intakt ist die Kernfamilie?" Wer sich mit den täglichen Herausforderungen eines Alltags mit Kindern und der Verantwortung weitgehend allein herumschlägt, für den wiegen die schönen Seiten irgendwann die Belastung kaum noch auf. "Außerdem haben wir herausgefunden, dass Menschen mit geringeren Einkommen einen höheren Bereufaktor haben als diejenigen mit höheren Einkommen", so Geißler.

Bei Donaths Untersuchung in Israel aus dem vergangenen Jahr spielte der soziale Druck auf die bereuenden Mütter eine große Rolle. Dieses Gefühl, erst dann als vollwertige Frau wahrgenommen zu werden, wenn man auch Mutter ist, ist hierzulande deutlich geringer. Mit der gesellschaftlichen Erwartungshaltung kämpfen Eltern dennoch. Die ist allerdings ziemlich vielschichtig und demzufolge kaum zu befriedigen.

Ansprüche und Erwartungen

Eltern sollen sich gut um ihre Kinder kümmern, aber auch ihre berufliche Entwicklung nicht aus den Augen verlieren. Mütter sollen stillen, aber auch zügig wieder in den Beruf zurückkehren. Väter sollen sich engagieren, aber nicht die neuen Mütter werden. Die Liste der sich häufig auch noch widersprechenden Vorstellungen ließe sich unendlich fortsetzen.

"Die Eltern, die das Kinderkriegen bereuen, sagen in der Regel nicht, das war mit den Kindern doof", sagt Geißler. "Sondern sie stellen fest, dass sie andere Ziele nicht erreicht haben, weil sie das Kind bekommen habe und es nicht so gelaufen ist, wie es geplant war." Insofern hat die Reue also eher etwas damit zu tun, welche Ansprüche Mütter und Väter an ihr Leben stellen und welche Vorstellungen sie haben. "Wenn ich das Ziel habe, eine Familie und Kinder zu haben, und die Karriere von vornherein nur an Platz zwei oder drei kommt, werde ich in der Regel kein Problem bekommen. Wenn aber das Karrierethema zentral ist und ich werde ungeplant schwanger und bekomme das Kind, sieht das schon anders aus." Diesen Konflikt kann auch der Staat mit besseren Betreuungsmöglichkeiten und flexibleren Arbeitszeitmodellen nicht lösen, aber immerhin erleichtern.

Am Ende steht hinter der Frage nach der bereuenden Elternschaft die ganz große nach dem Sinn des Lebens. Wer von Kindern erwartet, dass sie diese Fragen für ihre Eltern beantworten, wird damit ebenso scheitern wie mit einem Geld- oder Karrieremodell. Und noch etwas gibt Geißler zu bedenken: Nicht jeder Befragte, der heute das Kinderhaben bereut, denkt in zehn Jahren noch genauso. Eltern mit kleinen Kindern bereuen die Entscheidung ein klein wenig mehr als diejenigen Väter und Mütter, deren Nachwuchs aus dem Haus ist. "Aber die Umstände können sich auch wieder verändern und damit auch die Einschätzung."

Quelle: ntv.de

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