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Gratis Comic Tag Die irrste Superhelden-WG der Welt

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Einst besiegte man schlimme Schurken - jetzt hängen die Superhelden von "Black Hammer" im ländlichen Rockwood fest.

(Foto: Splitter Verlag 2018)

Am Gratis Comic Tag hat man die Wahl zwischen 35 kostenlosen Heften. Nichts falsch machen kann man mit "Black Hammer". Die Serie ist ein stark erzählter und gezeichneter Abgesang auf die Welt der Superhelden und gleichzeitig eine Hommage.

Superhelden gehören mittlerweile zum popkulturellen Allgemeingut. Der erste von ihnen, Superman, hat gerade erst seinen 80. Geburtstag gefeiert, Batman folgt im kommenden Jahr. Im Kino brechen derweil die Avengers Rekorde und selbst Helden, die kleinere Brötchen backen, sind nicht mehr nur Comiclesern ein Begriff. Deadpool kalauert sich ja demnächst wieder über die große Leinwand.

Gratis Comic Tag

Am Gratis Comic Tag am 12. Mai verteilen 420 Händler in Deutschland, Österreich und der Schweiz kostenlose Comichefte. Zur Auswahl stehen 35 Publikationen mit einer Gesamtauflage von erstmals mehr als 500.000 Heften. Darunter sind "Werner" und "Micky Maus", "Lucky Luke" und "Deadpool", "Die drei ???" und "Attack on Titan". Es gibt Mangas, Superhelden, Indie-Comics und Cartoons. An einigen Standorten finden Veranstaltungen wie etwa Signierstunden statt. Hier gibt es einen Überblick über die Comics und teilnehmende Händler.

Dankenswerterweise sind die Helden heute nicht mehr nur die eindimensionalen, strahlenden Gewinner ihrer Anfangstage. Es gibt in Comic und Kino jede Menge gebrochener Helden, es gibt solche, die sich vom Guten abwenden und einige hadern einfach mit der großen Verantwortung, die aus ihrer großen Kraft folgt. Und andere fristen ihr Dasein in einer Kleinstadt, in der die Zeit stillzustehen scheint.

So ergeht es den Protagonisten der Serie "Black Hammer", die am 12. Mai auch beim Gratis Comic Tag vertreten ist (siehe Infobox). Abraham Slam und Co. waren einst Helden und Retter von Spiral City, doch beim Kampf gegen ihren Erzfeind wurden sie in eine andere Realität geschleudert. Nein, es geht dabei nicht um einen fremden Planeten oder einen anderen Ort voller Gefahren und Abenteuer. Es geht um das Provinznest Rockwood, das an den Mittleren Westen der USA erinnert und in dem sie seit nun zehn Jahren leben müssen.

Ein Entkommen von hier gibt es nicht, dafür sorgt ein mysteriöses Kraftfeld, das die Kleinstadt und die Farm umgibt, auf der die gestrandeten Figuren leben. Zudem müssen die einst gefeierten Helden ihre Superkräfte vor den argwöhnischen Blicken der misstrauischen Kleinstädter verbergen. Die Hoffnung, diesen trostlosen Ort wieder verlassen zu können, haben sie allerdings nicht aufgegeben. Und auch in Spiral City wird ihr Verschwinden seit Langem untersucht. Vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für Abraham Slam, Golden Gail, Barbalien und ihre Kollegen.

Erzählerische und grafische Wucht

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Eine eigenartige WG hat sich da zusammengefunden.

(Foto: Splitter Verlag 2018)

"Black Hammer" (Leseprobe) stammt aus der Feder von Jeff Lemire, den man ab Ende Mai auch live in Deutschland erleben kann. Der Kanadier wurde durch seine Essex-County-Trilogie bekannt, in der er Geschichten aus der Provinz erzählt - Lemire wuchs selbst auf einer kleinen Farm auf. Seitdem hat er als Autor und Zeichner regelmäßig neue Werke vorgelegt. Darunter sind Graphic Novels über das Landleben und Eishockey, Science-Fiction-Serien wie "Descender", aber auch Superhelden-Storys mit den X-Men, Hawkeye oder Wolverine.

Zu "Black Hammer" hat Lemire die Geschichte beigesteuert. Die Zeichnungen stammen von Dean Ormston, die Farben von "Hellboy"-Kolorist Dave Stewart. Lemire freilich drückt der Serie seinen Stempel auf, denn er vereint hier seine beiden Welten: die ländliche, gemächliche Provinz, in der es aber auch dunkle Geheimnisse gibt, und die bunten, actionreichen Universen der Superhelden und Superschurken. Deshalb kann man die Serie, die in den USA bereits mit dem wichtigen Eisner Award ausgezeichnet wurde, sowohl als Abgesang auf die Welt der Superhelden lesen, aber auch als Hommage auf deren Geschichte.

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Rückblenden erzählen von den einstigen Heldentaten und erinnern optisch an frühere Comicepochen.

(Foto: Splitter Verlag 2018)

Beim Gratis Comic Tag gibt es das erste Heft von "Black Hammer" kostenlos zu lesen. Wer Gefallen findet, sollte sich aber sogleich den bei Splitter erschienenen Sammelband zulegen, der die ersten sechs Hefte umfasst. Darin entfaltet sich langsam die Welt der gestrandeten Helden, entwickelt aber dadurch ihre ungemeine erzählerische wie grafische Wucht.

Die große Stärke, die Lemire hier als Autor auszeichnet, ist die Vermischung verschiedener Genres. "Gute Comics sind gute Comics, das Genre ist egal", sagte er dazu kürzlich dem "Tagesspiegel". Klar, es geht hier um Superhelden und es gibt entsprechend viele fantastische Elemente, etwa Colonel Weird, der wie ein Geist zwischen Rockwood und einer metaphysischen Para-Zone hin und her wandert. Doch gleichzeitig sorgt die Tatsache, dass die Helden zwangsweise auf engstem Raum miteinander auskommen müssen, für dramatische Konflikte - wahlweise als ziemlich schräge Familie oder als irrste Wohngemeinschaft der Welt, womit "Black Hammer" auch an tiefschürfende Autorencomics erinnert. Nicht zuletzt ist die Darstellung des Nebeneinanders der Protagonisten und der Bewohner von Rockwood auch noch ein fabelhaftes Porträt des trostlosen Provinzlebens, inklusive gewalttätigem Sheriff und gutmütiger Bedienung im Diner.

Das kleine Körnchen Hoffnung

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Der Sammelband von "Black Hammer" ist bei Splitter erschienen, 184 Seiten im Hardcover, 19,80 Euro.

Die unterschiedlichen Charaktere der Helden prallen immer wieder aufeinander. Abraham etwa ist nach Jahren der Gewalt des Kämpfens überdrüssig und will ein ruhiges Familien- und Farmleben führen. Golden Girl dagegen steckt seit dem Sprung durch den Raum im Körper eines Mädchens fest, obwohl sie doch schon viel älter ist. Madame Dragonfly wiederum ist an ein magisches Haus gebunden und bringt so Horror und Mystery in die Geschichte. Und Barbalien fühlt sich gleich doppelt fremd - er ist ein Marsianer, der immer wieder seine wahre Gestalt verbergen muss.

Zum Leckerbissen für Comicfans wird die Serie aber auch, weil sie auf verschiedene Superhelden-Epochen anspielt - Lemire bezeichnet deren Geschichten als "Teil meiner DNA". Rückblenden auf die Heldentaten der Protagonisten erinnern mal an den naiven Charme der Goldenen Zeit der 30er- und 40er-Jahre, als Superman und Co. das Licht der Welt erblickten. Dann wieder geht es um das sogenannte Silberne Zeitalter der 60er, als Marvel Avengers und X-Men ins Rennen schickte. Selbst Reminiszenzen auf jüngere Helden wie "Hellboy" tauchen auf. Zeichner Ormston schafft es, diese verschiedenen Epochen auch im Bild einzufangen, ohne aber den eigenen Stil der Serie zu verraten, der mit seinem realistischen Strich und den gedeckten Farben doch eher düster daherkommt.

Die vielfach gelobte Serie wurde bereits mit dem Klassiker "Watchmen" von Alan Moore und Dave Gibbons verglichen. Doch während es dort um eine Dystopie geht, schwelgt Lemire lieber in Nostalgie. Den gealterten Helden sind ihre bunten, turbulenten Glanzzeiten stets gegenwärtig, während sie mit der Langeweile von Rockwood hadern. Bei aller Ernsthaftigkeit und Reflexion hat Lemire aber auch ein Gespür für Action und Humor. So sät er immer wieder ein Körnchen Hoffnung, auf dass die Helden wieder in ihre angestammte Welt zurückkehren können. Die großartige Serie "Black Hammer" jedenfalls ist so prall gefüllt mit Geschichten und Konflikten, dass das Heft zum Gratis Comic Tag wie ein kleiner Krümel wirkt, der sofort Lust auf den ganzen Kuchen macht.

"Black Hammer" ist eins von 35 kostenlosen Heften am Gratis Comic Tag. Den ersten Sammelband von "Black Hammer" direkt bei Amazon bestellen, die Fortsetzung erscheint Ende Mai. Jeff Lemire ist Ende Mai auf dem Comic-Salon in Erlangen zu Gast, wo es auch eine Werkschau gibt. Am 4. Juni tritt er zusammen mit anderen kanadischen Künstlern in der Botschaft des Landes in Berlin auf. Dafür kann man sich hier anmelden.

Quelle: n-tv.de

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