Abstrampeln ist ineffektivDie ökonomischen Stellschrauben eines Frauenlebens
Von Solveig Bach
Geld und Karriereplanung sind eindeutig Themen, bei denen wirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen. Aber was ist mit der Partnerwahl oder der Organisation des Alltags? Ökonomin Corinne Low rät Frauen auch hier zu knallharten Kosten-Nutzen-Rechnungen - für mehr Glück.
Jahrzehntelang lautete der Rat an Frauen, sie müssten einfach härter arbeiten, früher aufstehen oder organisierter sein. Dann funktioniert es auch mit Kindern und Karriere, der gender pay gap schließt sich, alles ist gut. Also haben viele Frauen härter gearbeitet, sind früher aufgestanden und haben ihre Leben organisiert. Dennoch ist der zweite Teil der Annahme nicht oder deutlich seltener als erwartet eingetreten. Stattdessen sind Frauen überwiegend müde, erschöpft und ausgebrannt.
Die US-Wirtschaftswissenschaftlerin Corinne Low analysiert seit Jahren Daten zur Gehaltsentwicklung von Frauen und Männern, ihren Anteil an Hausarbeit, die Stunden, die Väter und Mütter mit ihren Kindern verbringen, die Kosten für Kinderbetreuung, die Entwicklung von Bildungswegen, den Zeitpunkt der Familiengründung. Als sie 2017 Mutter wird, ist sie Expertin für diese Zahlen und rutscht trotzdem innerhalb kurzer Zeit in die totale Erschöpfung.
Sie pendelt von New York, wo sie mit ihrem Mann lebt, nach Philadelphia, wo sie forscht und an ihrer wissenschaftlichen Karriere arbeitet. Low pumpt in der Zugtoilette Muttermilch für ihren Sohn ab und bricht schließlich weinend zusammen, weil der Zug so viel Verspätung haben wird, dass sie ihr Kind nicht ins Bett bringen kann. Ihr Mann hat seinen Job gekündigt, um sich selbständig zu machen. Damit fehlt der Familie das zweite Einkommen, ihr Mann ist aber auch im Haushalt keine Hilfe.
Entsetzt fragt sie sich: "Wie konnte eine Wirtschaftswissenschaftlerin einen so schlechten Deal akzeptieren?" Aus dieser Erfahrung entsteht das Buch "Femonomics - Wie Daten uns Frauen helfen, kluge Entscheidungen für Arbeit und Alltag zu treffen", das jetzt in der Übersetzung von Philipp Seedorf bei Piper auch auf Deutsch erschienen ist. Das radikale Rahmenwerk dieses Buches ist es, "Frauen als ökonomische Akteure zu behandeln, die rationale Entscheidungen treffen, um angesichts von bestehenden Einschränkungen ihr Leben zu optimieren".
Zahlen lügen nicht
Die Zahlengrundlagen liefert Low gleich mit. Beispielsweise: Ein Mann, der 20 Prozent zum Familieneinkommen beiträgt, leistet dieselbe Menge an Hausarbeit, wie ein Mann, der 80 Prozent aufbringt. Oder: Mütter in den USA verbringen heute doppelt so viel Zeit mit ihren Kindern wie Mütter vor einer Generation. Oder: Der Zeitaufwand von Frauen für Hausarbeit sinkt nach einer Scheidung, während der von Männern steigt. Im Original heißt das Buch "Having it all" und die Ökonomin zerlegt die Annahme, Frauen könnten alles haben und das auch noch zur gleichen Zeit, radikal. Ihr Urteil: Es ist einfach unmöglich, Power-Karrierefrau und Instagram-Tradwife in einer Person zu sein.
Mit dieser Diagnose ist das Buch aber glücklicherweise nicht zu Ende. Denn Low wirft die Frage auf, was passieren würde, wenn sich eine Gesellschaft von der Annahme verabschiedet, dass die Probleme im Leben von Frauen ausschließlich auf deren eigene Entscheidungen zurückzuführen sind. Stattdessen schlägt sie vor, die strukturellen, ökonomischen und biologischen Faktoren zu untersuchen, die diese Entscheidungen erzwingen und einschränken. Low argumentiert, dass jeder Mensch mit der Annahme eines Arbeitsplatzes, der Heirat oder der Entscheidung für Kinder eine Verpflichtung eingeht, in die er Zeit, Geld und Mühe investiert, um im Gegenzug eine Belohnung zu erhalten.
Eines der augenöffnendsten Beispiele ist das der Zeit, die Mütter heute mit ihren Kindern verbringen. Daten zeigen, dass Kinder noch in den 1980er-Jahren überwiegend allein oder mit Freunden spielten. Nachmittags fernzusehen, gehörte für viele zur Normalität, denn ihre Mütter und Väter arbeiteten um diese Zeit. Das änderte sich, als es neue Erkenntnisse zur kindlichen Entwicklung gab. Jetzt wurde der Bindung an die Eltern und der Förderung von Kindern eine größere Bedeutung beigemessen.
Das bedeutete vor allem für Frauen einen erheblich höheren Zeiteinsatz bei der Betreuung von Kindern für Stillen, Tragen der Babys, gemeinsames Spielen und Vorlesen, aufwendigere Einschlafrituale und Mahlzeiten. Während die Kinder davon enorm profitieren, ist das für Mütter sehr zeitaufwendig. Für Väter übrigens nicht. Gleichzeitig wurde Kinderbetreuung kostenintensiver, denn eine reine Aufsichtsperson ist erheblich preisgünstiger als ausgebildete pädagogische Fachkräfte in einem Betreuungsschlüssel, der Kindern wirklich gerecht wird.
Knallhart nachjustieren
Beim Versuch, eine ökonomisch sinnvolle Entscheidung zu treffen, geht Low vom Versuch aus, Maximierung unter Berücksichtigung von Nebenbedingungen zu erreichen. Was für Unternehmen Gewinnmaximierung bedeutet, sei für Frauen Nutzen- oder auch Glücksmaximierung, schreibt die Wissenschaftlerin. Deshalb kann es eine Zeit lang sinnvoll sein, weniger zu arbeiten und sich mehr um die Kinder zu kümmern oder mehr Geld für Kinderbetreuung auszugeben, um Zeit zu kaufen, in der man arbeiten kann. Es kann sich aber auch lohnen, näher an die Arbeitsstelle zu ziehen, um Pendelzeiten zu minimieren, oder mit dem Arbeitgeber über eine höhere Home-Office-Quote statt einer Gehaltserhöhung zu verhandeln. Nicht, dass Low etwas gegen eine Gehaltserhöhung hat, aber nicht immer ist mehr Geld der Zugang zu mehr Glück. Vielmehr geht es jeweils um die beste Alternative zu einer bereits ausgehandelten Vereinbarung.
Die 300 Seiten sind keine Wohlfühllektüre, eher eine unangenehm präzise Darstellung der Geschlechter-, Arbeitsplatz- und Familiendynamiken, wie sie Frauen heute erleben. Viele Daten, die Low heranzieht, stammen aus den USA und sind nicht immer mit der deutschen Wirklichkeit vergleichbar. Das zeigt sich beispielsweise an ihrem leidenschaftlichen Plädoyer für bezahlte Elternzeit, ein Traum für Frauen in den USA, Realität hierzulande oder auch in den skandinavischen Ländern.
Doch einige Annahmen sind universal. Die Erkenntnis beispielsweise, dass Erfüllung, Leidenschaft oder das Bedürfnis, sich um andere zu kümmern, kein Ersatz für Geld ist. Der Fakt, dass Frauen mit Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft sehr viel mehr investieren und dass das in einer Partnerschaft ausgeglichen werden muss. Oder der Vorschlag, die Partnersuche anzugehen wie die Stellenbesetzung eines Co-CEO in dem Unternehmen Familie. Dann geht es nicht nur um Kriterien wie ähnlichen Filmgeschmack oder körperliche Anziehung, sondern zusätzlich um Projektmanagement- oder Haushaltsskills, die allen zu mehr Glück verhelfen.
Verhandeln und es schöner haben
Low selbst löste ihre Situation schließlich mit schmerzhaften Entscheidungen. Sie trennte sich von ihrem Mann und zog mit ihrem Sohn nach Philadelphia, um einen kürzeren Arbeitsweg zu haben. Weil dort die Wohnungen billiger waren, hatte sie zwischenzeitlich ein Au-Pair für die Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Inzwischen hat sie die angestrebte Festanstellung an der Universität, ist mit einer Frau verheiratet und hat ein zweites Kind bekommen.
Auch das ist kein Allheilmittel für jede, wird sie nicht müde zu betonen. Doch es gibt einige Stellen, an denen Frauen nachverhandeln können. Denn auch das zeigt die Forschung: Frauen als Verhandlungspartnerinnen werden zwar schlechter bewertet als männliche Gegenüber. Es gibt aber keine Anzeichen dafür, dass sie tatsächlich weniger Erfolg haben.
