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"Judas" und Amos Oz Ein Club voller Verräter

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"Die Gefangennahme" von Caravaggio stellt den Judaskuss dar.

(Foto: REUTERS)

Verräter sind ihrer Zeit oft einfach nur voraus. Da ist sich Amos Oz sicher. Der israelische Bestsellerautor widmet sein neuestes Buch "Judas" dem größten aller Abtrünnigen und verhebt sich dabei.

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Suhrkamp, 335 Seiten, gebunden 22,95 Euro, Kindle 19,99 Euro.

War Judas ein Verräter? Oder war Judas der leidenschaftlichste Jünger Jesu? Schmuel Ash weiß es nicht. Vielleicht spielte das auch keine Rolle mehr, seine Forschungsarbeit über "Jesus in den Augen der Juden" würde er ohnehin nicht beenden. Im Winter 1959/60 bricht Schmuel sein Studium an der Universität ab. Warum? Weil sich seine Verlobte von ihm getrennt hat. Weil er Jerusalem eigentlich verlassen will. Und vor allem: Weil sein Vater finanziell ruiniert ist und ihn nicht mehr unterstützen kann.

Über eine Anzeige findet er einen Job als Gesellschafter eines verschrobenen alten Mannes namens Gerschom Wald. Er soll dem ans Haus gefesselten Mann vorlesen, ihn über Gott und die Welt reden lassen und vor allem auch mal widersprechen, um die Lebensgeister des Alten zu wecken. Eine leichte Arbeit. Aber warum muss sich Schmuel verpflichten, niemandem von seinem Job und seiner neuen Unterkunft zu erzählen? In welcher Beziehung stehen Gerschom Wald und Schmuels schöne Auftraggeberin Atalja Abrabanel zueinander? Ist Abrabanel nicht der Name einer der Anführer der zionistischen Bewegung Israels? Nur langsam versteht Schmuel die Zusammenhänge zwischen Gerschom und Atalja, zwischen der Geschichte des noch jungen Staates Israel und der eines alten Verrates.

"Tschernobyl des Antisemitismus"

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Fasziniert von Verrätern: Amos Oz

Die Judas-Geschichte beschäftigt Amos Oz, seit er sie mit 16 Jahren das erste Mal gelesen habe. "Ich habe mich gefragt, warum Judas Ishariot, ein wohlhabender Mann, Jesus für die kleine Summe von 30 Silberlingen verraten sollte?", erzählt der israelische Schriftsteller bei der Vorstellung seines neuen Romans "Judas" auf der Frankfurter Buchmesse. "Bis heute glaube ich, Judas war derjenige, der am stärksten an Jesus glaubte." Oz hegt Sympathien für Verräter, er ist stolz darauf, in seiner Heimat als Gründer der "Peace Now"- Bewegung und als Verfechter der Zwei-Staaten-Lösung selbst oft als ein solcher beschimpft worden zu sein. "In der Geschichte wurden Männer, die ihrer Zeit voraus waren, oft Verräter genannt. Ich bin da in einem exklusiven Club mit Churchill, Lincoln und anderen."

Also macht er den größten Verräter aller Zeiten zum Thema seines neuesten Buches: "Die Judas-Geschichte war quasi das Tschernobyl des Antisemitismus für uns Juden. Seither waren wir das Volk, das Jesus ans Kreuz gebracht hat." Da er kein "Sandalen-Buch" schreiben will, legt Oz das Judas-Thema in die Hände des jungen Schmuels, der für seine Abschlussarbeit die Fakten zusammentragen muss. Und lässt parallel Atalja und Gerschon von einem anderen, fiktiven Verräter erzählen. Die Geschichte des Schealtiel Abrabanel, der gegen die Staatsgründung Israels und für eine Aussöhnung im jüdisch-arabischen Konflikt war. Und der dafür von der Gesellschaft geächtet wurde.

Ein weiter, überspannter Bogen

Viel will Oz dem Leser in "Judas" erzählen. Zu viel. Die Judas-Geschichte. Die Ereignisse rund um die Gründung des Staates Israel 1948. Das Leben im geteilten Jerusalem Ende der 1950er-Jahre. Nicht zuletzt die Geschichte dreier Menschen und deren Beziehungen zueinander in einem nicht enden wollenden kalten Jerusalemer Winter. Besonders hier geraten Oz die Beschreibungen des Alltags zu lang.

Wieder und wieder bestäubt der etwas unansehnliche Schmuel morgens seinen Bart mit Babypuder, nimmt mittags in einem Imbiss ein ungarisches Gulasch zu sich und wärmt abends den von einer Nachbarin vorbereiteten Brei für Gerschom auf. Atalja duftet nach Veilchen und frischer Wäsche und verwirrt damit permanent den armen Studenten; eine Erlösung, als er ihr endlich näher treten darf. Das ermüdet beim Lesen. Und zwar so sehr, dass man fast die wirklich lesenswerten Passagen überliest. Wie die bittere Feststellung Arbabanels, das es  - anders als von der Welt angenommen – keinerlei Missverständnis zwischen Juden und Arabern gibt. Beide hängen an demselben Land, keiner wird es jemals aufgeben.

Auch die Beschreibung wie Judas nach der Kreuzigung des geliebten Freundes einsam die letzten Stunden bis zu seinem Suizid verbringt, berührt. Ebenso wie die Idee, dass ein Verräter in Wahrheit vielleicht derjenige ist, der die verratene Person, das verratene Land am meisten liebt, fasziniert. Sie ist in Oz‘ konfliktreicher Heimat, in der seit einigen Jahren kritische Stimmen immer lauter niedergebrüllt werden, aktueller denn je.

Er könne nicht lehren zu schreiben, sagt Amos Oz in Interviews gerne. Jeder könne schließlich schreiben. Er könne jungen Autoren aber beibringen, wie man kürzt. Eine gründliche Kürzung hätte "Judas" gut getan. Aber wer hätte das dem Bestsellerautor verraten sollen?

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Quelle: n-tv.de

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