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Gibt es wirklich nur die eine? Ilka Peemöllers "Heimat"

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Frau Peemöller hat den Leuten auf den Zahn gefühlt - herausgekommen ist ein Herzensprojekt.

(Foto: Philip Nürnberger)

Was Heimat für Claudia Roth, Wotan Wilke Möhring, Maite Kelly oder Minh-Khai Phan-Thi bedeutet - darüber hat Ilka Peemöller, erfahrene People-Journalistin und Leiterin des Hauptstadt-Büros des Magazins "Bunte", mit 35 Persönlichkeiten aus Film, TV, Mode, Musik, Kunst, Politik, Sport und Wirtschaft gesprochen. Herausgekommen ist ein Buch mit sehr persönlichen Heimatgeschichten, das dazu anregt, sich selbst zu fragen: Was ist eigentlich meine Heimat? Mit n-tv.de spricht die 42-Jährige bei einer ordentlichen Portion Schupfnudeln (auch etwas sehr Heimatliches) über Dinge wie "Der Weg ist das Ziel", und dass es am Ende des Tages doch für jedes Problem eine Lösung gibt. Wie beruhigend! 

n-tv.de: Du hast ja fast niemanden ausgelassen in deinem Buch, wir picken mal ein paar besonders Interessante - total subjektiv - heraus, okay?

Ilka Peemöller: Sehr gerne. Mach' du das, mir sind sie alle gleich lieb (lacht).

Bevor wir an die einzelnen Personen gehen - warum Heimat? Und welche ist deine größte Erkenntnis?

Ich habe mir einen Traum erfüllt mit diesem Buch über "Heimat". Ich habe mir bewiesen, dass ich alles schaffen kann. In den letzten anderthalb Jahren habe ich vor allem eins gelernt: Geduld, nicht gerade meine Stärke. Ich dachte ganz oft: "Wie viele Steine werden mir denn jetzt noch in den Weg gelegt?" Und Lars Amend, ein befreundeter Autor und Mentaltrainer, hat mir gesagt: "Die Steine sind doch der Weg!" Ab da konnte ich den Schalter wieder umlegen.

Ist es nicht schwer, zum Beispiel Udo Lindenberg etwas aus seinem Innersten zu entlocken? Der liebe Udo haut ja lieber einen coolen Spruch raus, ehe er sich zu tief in seine Udolito-Seele blicken lässt …

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Udolito gewährt ein, zwei Blicke hinter seine coole Fassade.

(Foto: Philip Nürnberger)

Udolito und ich arbeiten schon seit über 15 Jahren sehr eng und vertraut zusammen, dieses Jahr habe ich ihn etwa zwei Tage backstage bei seinem Tourauftakt begleiten dürfen. Udo hautnah. Und für mein Buch nahm er sich 2018 auch viel Zeit, obwohl er mitten in Studioaufnahmen steckte. Er machte sogar eine Ausnahme und ließ sich nicht von seiner Komplizin Tine Acke fotografieren. In dem Fall hat er sich auf mein Thema eingelassen und echt viel zugelassen. Udo ist einfach sehr besonders, ein Unikat, ihn wollte ich von Anfang an unbedingt dabei haben. Aber es ist auch eine andere Ausgangssituation als bei üblicher Promotion, wo alles eng durchgetaktet ist: Meine Interviewpartner hatten Zeit, ich hatte Zeit und alle hatten Lust auf das Thema. Das Vertrauen der Leute hat mich sehr gerührt. Auch Heino zum Beispiel, bei dem ganz klar ist, dass Hannelore seine Heimat ist.

35 sehr unterschiedliche Menschen hast du in deinem Buch …

… ja, weil ich die Idee hatte, als ich 35 war (lacht). Hat ein bisschen gedauert von der Idee bis zur Umsetzung. Und dann kommen die ganzen Vorgespräche auch noch dazwischen, die Fotoideen, das Leben, und und und ...

Okay, jetzt Butter bei die Fische: Lothar Matthäus.

Dass er sich so geöffnet hat und von seiner emotionalen Seite zeigt, rechne ich ihm hoch an. Der findet sich ja selbst eher knorrig, wie er in meinem Buch seine fränkische Art beschreibt. Aber wir haben ganz viel geredet, er hat das Gespräch selbst zweimal verlängert, obwohl er anfangs eher kurz angebunden war. Und wenn man ein gutes Vertrauensverhältnis hat, dann kann man den Leuten auch immer ein bisschen mehr entlocken. Aber immer so, dass sie sich wohlfühlen natürlich.

Mousse T. - außergewöhnlich, oder?

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Um die Lederhose zu sehen, muss man schon im Buch blättern!

(Foto: Philip Nürnberger)

Meinst du die Fotoidee? Wir haben ihn in einer orientalischen Jacke aus dem Theaterfundus mit einer typisch bayerischen Lederhose fotografiert - um seine Zerrissenheit zu zeigen. Denn das war das Interessante: dass er diesen Heimatbegriff nicht so für sich verorten konnte. "Wer bin ich denn: Deutscher, Türke, Deutsch-Türke?" hat er sich gefragt. Und genau zu dieser Zeile haben wir ihn in Szene gesetzt. Mousse T. ist einer der herzlichsten Menschen, die ich kenne, der war sofort bei allem dabei.

Bettina Landgrafe, die Kinderkrankenschwester, die kennt man nicht sofort …

… Bettina kenne ich durch Atze Schröder. Sie hat das Buch "Weiße Nana: Mein Leben für Afrika" geschrieben. Atze jedenfalls hat bei "Wer wird  Millionär?" mal eine halbe Million gewonnen und das ihrer Hilfsorganisation "Madamfo Ghana" gespendet. Sie lebt in Afrika, wo mit ihrer Hilfe Kindersklaven eine neue Heimat bekommen. Eine irre interessante Frau!

Du hast deine Protagonisten jedenfalls gut gemischt ….

Ja, damit sich jeder mit jemandem irgendwo identifizieren kann.

Erstmal guck' ich mir die Promis beim Durchblättern an und dann entdecke ich andere spannende Menschen …

… so soll es sein! Ich hatte auch ein paar spannende Begegnungen mit Leuten, die ich vorher nicht kannte. Zum Beispiel Diana Kinnert, die aufstrebende Unternehmerin und Politikerin. Sie spricht über ihre verstorbene Mutter und ihre philippinischen Wurzeln, das ist wirklich sehr bewegend.

Wotan Wilke Möhring rührt so sehr mit der Aussage, dass er einen Platz im Flugzeug frei gelassen hat für seine verstorbene Mutter …

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Barbara Becker hat einen Vogel - also einen Vogel-Tick: Sie sammelt Porzellanvögel.

(Foto: Philip Nürnberger)

Ja, Wahnsinn, oder? Der bringt auch so eine Wärme rüber. Genau wie Barbara Becker, ganz tolle Frau! Wir hatten viele Telefonate. Sie wollte alles ganz genau wissen über mein Herzensprojekt, bevor sie sich darauf eingelassen hat. Und dann haben wir nachher drei statt einer Stunde gequatscht (lacht). Bei ihr war die Herausforderung, dass wir das Foto mit einem Vogel aus Meissener Porzellan für mehrere Tausend Euro gemacht haben - wer versichert mir das, habe ich immer nur gedacht. Die Fotos haben wir bei Fetsum im Büro geschossen …

… der ja auch im Buch vorkommt und eine wirklich interessante Geschichte hat.

Ja, seine Fluchtgeschichte und was aus ihm geworden ist, was er mit seiner Musik und seinem PxP-Festival bewegt, ist sehr beeindruckend.

Es gibt nichts Interessanteres als Menschen, oder?

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Und deren Geschichten. Ich-Geschichten. Unverfälscht. Für mich war bei dem Projekt jetzt am interessantesten, wer zu seinem gesprochenen Wort steht. Ob die Leute nach dem Redigieren alles drin lassen, was sie gesagt haben. Sammy DeLuxe zum Beispiel, der hat auch wirklich intime Dinge erzählt und ich durfte alles nutzen. Ich habe sehr deutlich gemerkt, wer schon so weit ist, sich wirklich mit diesem emotionalen Thema Heimat auseinanderzusetzen und wer nicht. Es gab deswegen Interviewpartner, die auch abgesagt haben, weil sie unterschätzt hatten, wie tief das gehen kann, wenn wir über ihre Heimat sprechen.

Digital-Ministerin Dorothee Bär ist auch vertreten …

Ja, ich hatte eine Liste mit Wunschkandidaten. Aber da kamen durch die Gespräche und Begegnungen noch weitere dazu, das war das Spannende. Staatsministerin Dorothee Bär wurde mir etwa von "Prada Meinhoff"-Sängerin Christin Nichols empfohlen, genauso Mousse T. - und die arbeiten wieder eng mit der Künstlerin Mia Florentine Weiss zusammen.

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Claudia Roth - eine echte Grüne. Sieht man gleich.

(Foto: Philip Nürnberger)

… die schon eine sehr spezielle Art hat, ihre Heimat im Buch zu zeigen.  

Ja, sehr speziell, aber das macht sie eben auch aus. Für sie ist die Plazenta der Ursprung von Heimat. Sie ist auf einem anderen Level. Das macht schon alles Sinn, sie kann das auf ihre Weise gut erklären.

Sie hat eine Vision, für ihre Kunst, für Europa …

Sie ist auf jeden Fall eine beeindruckende Person und ich bin sehr froh, sie in meinem Buch zu haben.

Heimat - das sind Dinge. Orte. Menschen. Essen. Zwei Kulturen.

Ja, einige haben da einen echten Kampf auszufechten, in dem sie entweder noch stecken oder den sie bereits für sich entschieden haben. Für viele ist es eine Bereicherung, zwei Kulturen zu haben. Es gibt aber auch Leute, für die es sehr unangenehm ist, aufgrund ihres Aussehens ständig gefragt zu werden: "Woher kommst du?" Die Message des Buches ist auf alle Fälle: Heimat vereint uns alle, denn wir tragen sie alle in uns - egal woher wir kommen. Und gerade in diesen Zeiten dürfen wir uns diesen Begriff nicht von rechtspopulistischen Parteien wegnehmen lassen.

Was ist deine Heimat? Oder ist es gar so, dass es vielleicht mehrere Heimaten gibt?

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Schwarzwaldmädel trifft "Nordisch by Nature": Alexandra Kamp und die Autorin.

(Foto: Philip Nürnberger)

Mehrere Heimaten - schöner Gedanke! Mousse T. und Hartmut Engler haben beide gesagt, dass man die Heimat erstmal in sich finden muss. Dem stimme ich zu. Ganz klar ist meine Heimat Schleswig-Holstein, wo ich auf einem Bauernhof in einem kleinen Dorf aufgewachsen bin. Berlin ist mein Zuhause. Aber ich bin "nordisch by nature" (lacht). Die Erinnerungen an die Kindheit haben auch ganz viel mit Heimat zu tun. Aber ich finde die Idee tatsächlich sehr toll, mehrere Heimaten zu haben. Dazu gehören dann auch der Lieblingsmensch und die Arbeit - das können wir gern so stehen lassen!

Wird es eine Fortsetzung geben?

Man weiß nie! Es gibt so viele interessante Leute, deren persönliche Heimat-Geschichten mich auch noch sehr interessieren würden! Das größte Kompliment war, dass mir ein paar Persönlichkeiten im Nachhinein gesagt haben: Ich wäre auch gern in deinem Buch.

Mit Ilka Peemöller sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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