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Ist auch außerhalb des Romans ein Thema: die Legalisierungsdebatte
Ist auch außerhalb des Romans ein Thema: die Legalisierungsdebatte(Foto: imago/Christian Mang)
Samstag, 27. August 2016

Cannabis-Legalisierung in Romanform: "Legal High" dank Mutti Merkel

Von Julian Vetten

Marihuana ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, zwischen drei und sechs Millionen Deutsche konsumieren die Droge regelmäßig. Langsam, aber sicher kommt die grüne Revolution auch bei Politik und Wirtschaft an. Was wäre, wenn - davon erzählt Rainer Schmidts neuer Roman.

Der Dude ist zurück. Nein, nicht der mittelalte Typ mit dem schlabbrigen Bademantel, der wirren Frisur und dem ruinierten Teppich aus dem Kultstreifen "The Big Lebowski" - sondern der mittelalte Typ mit dem extravaganten Anzug, den modisch fragwürdigen Schlangenlederstiefeln und der ruinierten Grasproduktionsanlage. Der Dude, der sich in Rainer Schmidts letztem Roman "Die Cannabis GmbH" mit hochpotentem Marihuana aus eigenem Anbau erst vom Kleingrower zum mittelständischen Unternehmer aufschwang und dann nach einer Verkettung unglücklicher Umstände kurz vor der selbstständigen Frühverrentung doch noch aufflog und im Knast landete.

"Legal High" ist seit dem 26. August im Handel erhältlich.
"Legal High" ist seit dem 26. August im Handel erhältlich.

Zu Beginn von "Legal High", dem Nachfolger der Cannabis-Lektüre, sitzt der Dude nun zwischen all den schweren Jungs im geschlossenen Vollzug und versucht, von seinem Leben zu retten, was noch zu retten ist. Viel ist das nicht: Während seine Frau, die "Elbchausseeperle" aus der piekfeinen Hamburger Oberschicht, den neuen Status ihres Dudes überhaupt nicht sexy findet und Ablenkung beim eiskalten Hipster-Chef eines kultigen Energy-Drink-Herstellers sucht, lässt sich der inhaftierte Grasproduzent mit der russischen Mafia ein, um nicht von den eigenen Zellenkameraden gelyncht zu werden. Alles in allem eine ziemlich beschissene Situation - vor allem, weil draußen gerade die Revolution stattfindet, auf die der Dude sein ganzes Leben lang gewartet hat.

Gras, mit drei bis sechs Millionen regelmäßigen Konsumenten ohnehin längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wird endlich auch gesellschaftsfähig: Politiker und Mediziner setzen sich für eine Legalisierung ein, allen voran die CSU, die die darbende Landwirtschaft im Freistaat mithilfe des Naturprodukts sanieren will. Die Wirtschaft springt auf den Zug mit auf, die Bundeskanzlerin folgt in altbekannter Salamitaktik, bis schließlich in der nahen Zukunft Marihuana als Genussmittel auf einer Stufe mit Alkohol steht.

Jeder gegen jeden

Den Weg dorthin zeichnet Schmidt genüsslich auf, indem er die Leser in fiktive Hintergrundgespräche, Businessmeetings und Krisensitzungen nimmt. Der Dude selbst muss sich in "Legal High" mit einer Nebenrolle begnügen, viel mehr als noch im Vorgänger geht es dem Autor darum, die politischen und wirtschaftlichen Prozesse im Hintergrund zu beschreiben. Mit Idealismus hat das freilich wenig zu tun, blanker Zynismus ist die Regel. "Nimm das Einstiegsdrogen-Ding, klang immer super, Hammerschock für alle Eltern", klagt etwa der Sprecher des Deutschen Brauereiverbandes im Gespräch mit einem vermeintlichen Mitstreiter, der ihn später verraten wird: "Zieht nicht mehr, plötzlich kennen alle die wahren Zahlen und fragen nach Belegen. Belege? Verstehst du? Was ist da los? Seit wann müssen wir unsere Behauptungen belegen?"

Jeder intrigiert hier gegen jeden, und vor allem die Mächtigen werden als Getriebene ihrer selbst dargestellt - vom selbstverliebten Energy-Drink-Hersteller bis hin zum genialen und skrupellosen Chemiker, der seinen Penis gerne in Mutterboden steckt, um seinen Ödipuskomplex auszuleben. Schmidts Beschreibung der bundesdeutschen Elite ist völlig überzogen, was gleichzeitig Fluch und Segen ist: Die Vorstellung, dass Hamburgs Innensenator gegen die Kriminalität in der Hansestadt mit harter Hand vorgeht, während er gleichzeitig als heimlicher Grasbaron Flüchtlinge auf seinen Plantagen schuften lässt, hat natürlich etwas - der Kontrast ist allerdings so stark, dass das Bild dadurch wieder an Kraft verliert. Wenn der Autor seine mit Sicherheit nicht verkehrten Erkenntnisse von einer korrupten und verdorbenen Führungsklasse bisweilen nicht ganz so platt servieren würde, sondern zwischendurch auch etwas Raum für Zwischentöne ließe, könnte man das Buch noch eine Spur ernster nehmen.

Das ist freilich Meckern auf hohem Niveau, denn die 347 Seiten von "Legal High" unterhalten prächtig. Schmidts Schreibe entwickelt beim Lesen eine angenehme Sogwirkung, ohne jemals anstrengend zu werden. Vor allem die Partitur der verschiedenen Arten des skurrilen Businesssprechs aus der Führungsebene deutscher Start-Ups und Unternehmen beherrscht der Autor ausgezeichnet und entlarvt die Spitzen aus Wirtschaft und Politik als das, was sie größtenteils sind: Luftpumpen.

Ob Schmidts Vorstellungen von einer Legalisierung in Deutschland eintreten, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen. Fest steht aber schon jetzt, dass es so oder so ähnlich tatsächlich passieren könnte. Den Dude würde das jedenfalls freuen.

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Quelle: n-tv.de