Unterhaltung
Dieser Mann hat 1000 Geschichten zu erzählen - in einem Augenblick.
Dieser Mann hat 1000 Geschichten zu erzählen - in einem Augenblick.(Foto: Mario Marino)
Sonntag, 10. Juni 2018

Die Magie des Augenblicks: Mario Marino, Zauberer des Moments

Von Sabine Oelmann

Indien lässt ihn nicht los - und auch die Menschen nicht. Mit "Die Magie des Augenblicks" gibt der Fotograf Mario Marino ein Buch heraus, das in seiner ganzen Art kaum seinesgleichen finden dürfte: wertig, warmherzig und würdevoll.

"Augenblick" - das bedeutet, laut Duden, einen Zeitraum von sehr kurzer Dauer. Einen Moment. Und dennoch reicht ein Augenblick oft für die Ewigkeit. Denn manchmal brauchen wir nicht länger, um uns zu verlieben. Oder um etwas Falsches zu sagen. Um falsch zu handeln. Oder eben richtig. Mario Marino nutzt seine Augenblicke, um sie für immer festzuhalten. Und damit macht er eine Menge richtig, wie man jetzt leicht an dem wunderbaren Bildband "Die Magie des Augenblicks" erkennen kann.

"Die Magie des Augenblicks" von Mario Marino ist bei Kerber erschienen und kostet 78 Euro.
"Die Magie des Augenblicks" von Mario Marino ist bei Kerber erschienen und kostet 78 Euro.

Während wir durch die Welt hetzen, unser Handy schnell hochhalten, um ein Foto zu erhaschen, es möglicherweise in sozialen Netzwerken zu posten und unseren Freunden zu zeigen, wo wir schon überall waren, lässt Marino sich nieder. Für eine Weile. So lange bis er das Vertrauen seines Gegenübers gewonnen hat. Dem "Bold"-Magazin verriet er, wie er das macht: "Ich habe bestimmte Rituale, kaufe den Tee oder Kaffee immer beim gleichen Händler, gehe die gleiche Straßen entlang und versuche so, ein Gefühl für den Ort und die dort lebenden und arbeitenden Menschen zu bekommen. Ich versuche, die Person, die ich interessant finde, im Gespräch einzufangen, kennenzulernen. Das macht die Arbeit auf der Straße aus: in die fremde Welt einzutauchen, denn das ist das Wichtigste für mich." Ein alter Mann in Indien ist eben kein Objekt, das sich schnell mal "knipsen" lässt.

Ein alter Mann in Indien hat ein ganzes Leben gelebt und davon erzählen seine Augen, seine Falten, sein Gesichtsausdruck, seine Kleidung, seine Umgebung.

Seit Marino vor circa zehn Jahren zum ersten Mal nach Indien gereist ist, lässt ihn dieses Land nicht mehr los. Auch wenn er zwischendurch andere faszinierende Teile der Erde bereist - den afrikanischen Kontinent, Frankreich, Mexiko oder auch das royale Ascot - so scheint der 50-Jährige doch am liebsten immer wieder nach Indien zurückzukehren. Und das, obwohl er gar nicht gerne reist, wie er n-tv.de in einem Interview vor zwei Jahren bereits verraten hat: "Ich weiß, das klingt wahnsinnig merkwürdig, aber ich bin dann gern woanders. Da bleibe ich, damit ich den Zugang zu den Leuten bekomme. Das Reisen an sich jedoch finde ich anstrengend."

"Und dann kristallisiert sich etwas heraus"

(Foto: Mario Marino)

Wer viel reist, der viel erlebt - das ist im Falle eines Fotografen nicht anders als bei anderen Reisenden. Andere Reisende jedoch gehen abends essen und in eine Bar oder ins Theater oder treffen sich mit Freunden, für Marino beginnt dann ein weiterer Hauptteil seiner Arbeit: Das Aussortieren aus den Hunderten Fotos, die er am Tag gemacht hat. "Es gibt diese 'major pictures', sagt er, "das sind starke Bilder, meist Porträts, oder große Momente. Aber im Grunde ist das so: Ich habe ein Layout. Ein Buch. 120 Seiten. Das ist mein Rahmen, den fülle ich. So wächst das Buch. Und dann kristallisiert sich etwas heraus."

Was sich jetzt herauskristallisiert hat, ist ein Buch, das man gerne auf seinem Couchtisch liegen hat: Groß, schwer, wertig und ansprechend, zum Verweilen. Den Menschen darin in die Augen zu blicken - dem muss man erstmal standhalten. Denn was wir sehen, ist nicht immer im üblichen Sinne schön. Und schon gar nicht einfach. Marino lichtet die Realität ab, die Armut, die Krankheit. Er verleiht den Menschen mit seinem warmen Blick auf sie eine Würde, die den Porträtierten im wahren Leben vielleicht nicht immer entgegengebracht wird. Aus diesem Grund wird er auch als einer der "ganz großen Humanisten unter den Fotografen" bezeichnet. Zu Recht. 

(Foto: Mario Marino)

Marino, gebürtiger Österreicher mit Wohnsitz in Deutschland und Aufträgen unter anderem für die "Washington Post", den "Evening Standard", die "Welt" und die "Vogue", ist wohl einer der wichtigsten zeitgenössischen Porträtfotografen. Seine Werke werden in nationalen und internationen Galerien und Museen von Amsterdam bis nach China ausgestellt. Sein prachtvoller Fotoband "Die Magie des Augenblicks" wurde sowohl vom Fotomagazine Germany als auch vom Profimagazine Germany 2018 zum Buch des Monats gewählt.

Ab dem 15. Juni ist Marino mit "La Bravade du Sud" in der Galerie Hilaneh von Kories in Berlin vertreten. Der Fotograf war in Südfrankreich unterwegs und hat das traditionelle Fest des wohl berühmtesten Dorfes an der Côte d‘Azur begleitet: die legendäre Bravade von Saint-Tropez, eine Mischung aus militärischen und religiösem Fest. Der Künstler wird am 16. Juni in der Galerie zum Buchsignieren zwischen 13 und 16 Uhr sein. 

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Quelle: n-tv.de