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Autor mit Hang zur Provokation "Martin Walser ist dauerpräsent gewesen"

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Der 90-jährige Martin Walser gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart.

(Foto: dpa)

An Martin Walser scheiden sich die Geister. Für die einen gilt der Schriftsteller als "wichtigster Intellektueller", andere nennen ihn einen "geistigen Brandstifter". Im Interview mit n-tv.de erklärt der Literaturwissenschaftler und Walser-Experte Matthias Lorenz, warum der 90-Jährige umstritten ist.

n-tv.de: Im Januar kürte das Magazin "Cicero" Walser zum "wichtigsten Intellektuellen". Können Sie diese Entscheidung nachvollziehen?

Matthias Lorenz: Ganz sicher nicht. Die Entscheidung ist sicherlich mit der kulturkonservativen Ausrichtung des Magazins zu erklären – ebenso mit dem Umstand, dass es immer noch nach den großen Geistesgrößen und Meinungsführern sucht. Nachdem Günter Grass gestorben ist, ist Martin Walser der letzte aus dieser Riege, der noch lebt. Zumindest implizit hat Walser immer für sich beansprucht, Redner für und über Deutschland zu sein. Ich glaube, dass für alle Leser oder Kulturinteressierten unter 45 allein die Idee, eine solche Leitfigur noch haben und sich identifizieren zu müssen, ziemlich absurd ist.

Inwiefern?

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Matthias Lorenz ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Uni Bern. 2005 veröffentlichte er seine Dissertation mit dem Titel "Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser".

(Foto: Uni Bern)

Heute werden Öffentlichkeiten ganz anders hergestellt als über eine schmale Intellektuellen-Elite, die sich bei Suhrkamp oder in der "Gruppe 47" trifft. Das geschieht nun sehr viel demokratischer. Ich glaube, dass dieser Bezug, der sehr national geprägt ist, in Zeiten eines um Einigung bemühten Europas und eines viel demokratischeren Mediennutzungsverhaltens obsolet geworden ist.

Dennoch gilt Walser als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart. Warum?

Natürlich ist Walser ein literarisches Schwergewicht. Zumindest in der Bonner Republik war er genauso präsent wie andere "große Männer" - wie Max Frisch, Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger. Über die Jahrzehnte hinweg ist er unglaublich produktiv gewesen. Kaum ein Bücherherbst - zumindest alle zwei, drei Jahre - in dem kein Roman, keine Novelle oder keine große zeitpolitische Rede entstanden ist. Martin Walser ist dauerpräsent gewesen. Er ist dieser Typus Schriftsteller, die sich wie selbständige Unternehmer, wie Handwerksmeister verstehen, die gewusst haben, sich immer wieder im Gespräch zu halten. Das ist vollkommen legitim. Ein Schriftsteller muss ja auch davon leben. Das ist ein Modell, das in der alten Bundesrepublik gut funktioniert hat – unter anderem auch dadurch, weil es Leser gab, die das auch zu würdigen wussten.

Wie würden Sie die Walser-Leser charakterisieren?

Sie haben in der alten Bundesrepublik nach Orientierung gesucht und waren mal dem einen, mal dem anderen Autor zugeneigt. Ich glaube, diese Art von Leserschaft hat sich inzwischen verändert. Aber es gibt diese Leser noch. Inzwischen ist das Buch nur noch für die ältere Generation oder für einen ziemlich gebildeten Ausschnitt der Gesellschaft ein Leitmedium. Die Walser-Leser gibt es nur noch unter denjenigen, die regelmäßig Bücher kaufen. Mehrheitlich Leute, die deutlich über 50 Jahre alt sind, sind genau von dieser Schriftstellergeneration literarisch sozialisiert worden. Jetzt erleben wir, dass Martin Walser 90 und in diesem Milieu gefeiert wird. Es ist ja auch eine Leistung, 90 Jahre alt zu werden und immer noch am Leben teilzunehmen.

Für seine Leistungen wurde Walser 1998 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche sprach er von Auschwitz als "Moralkeule" und setzte eine hitzige Debatte über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Gang. Wie ist die Rede heute einzuordnen?

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In seiner umstrittenen Paulskirchen-Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 1998 warnte Walser vor einer "Instrumentalisierung" von Auschwitz.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Wenn man die öffentliche Wahrnehmung betrachtet, ist die Rede offensichtlich vergessen und verziehen. Für mich hat sich die Frage nach der politischen Bewertung des Textes 20 Jahre später nicht geändert. Darin kommen Begriffe wie "Moralkeule" vor, die klare Übernahmen aus dem Diskurs des rechtsextremen Spektrums sind. So etwas passiert jemandem, der mit Worten arbeitet, nicht einfach so. Wenn dies doch geschieht, muss man sich gefallen lassen, dass es kritisch hinterfragt wird.

Nicht erst seit der Paulskirchen-Rede ist Walser umstritten, wurde von Kritikern als Nationalist, Kommunist oder als Antisemit und "geistiger Brandstifter" bezeichnet. Ist er ein politischer Schriftsteller?

Meiner Meinung nach ja. Walser ist ja lange Jahre lang von seinem Selbstverständnis her politischer Schriftsteller gewesen. Später hat er für sich beansprucht, sozusagen über dem Politischen zu stehen. Er behauptete dann immer, "keine Meinung" zu haben und immer nur von sich selbst und seinen Erfahrungen zu sprechen. Aber das, was er dann mit seinen Erfahrungen aufgegriffen hat, war wiederum eminent politisch. Das ist ein performativer Selbstwiderspruch. Denn die Dinge, die seine Texte mindestens bis zur Jahrtausendwende verhandelt haben, und die Einlassungen, die er öffentlich immer wieder in Interviews und Reden getätigt hat, waren zweifelsohne meinungsstark.

Nach der Paulskirchen-Rede hat der Philosoph Peter Sloterdijk geschrieben: "Die Leute, die dem Redner stehend applaudierten, waren sich für wenige Minuten zehn Jahre voraus." Was sagt das über Walser aus?

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Martin Walser, hier 2015 in seinem Arbeitszimmer im baden-württembergischen Nußdorf, eckt mit seinen gesellschaftskritischen Äußerungen immer wieder an.

(Foto: picture alliance / dpa)

Generell kann man es guter Literatur als eine Qualität zuschreiben, dass sie manche Ereignisse vorauszuahnen oder bestimmte Trends früh zu erkennen vermag. Walser hat zum Beispiel in den späten 80er-Jahren die Restauration eines unbefangeneren Verhältnisses zur eigenen Nation gestaltet, als dies noch nicht en vogue war. Mit der deutschen Einheit ist er im Grunde zu jemandem aufgestiegen, der eine Entwicklung vorweggenommen und sozusagen auf der historisch richtigen Seite gestanden hat. Aus der Rückschau betrachtet, war das aber eine glückliche Fügung. Diesen Bonus als Praeceptor Germaniae hat er dann 1998 mit der Friedenspreis-Rede und später mit dem Reich-Ranicki-Roman "Tod eines Kritikers" wieder verspielt. Die Behandlung im Feuilleton, die wir nun erleben, geschieht aus einer gewissen Milde gegenüber dem Alter heraus. Das zeigt, dass Walser nicht mehr der Autor ist, an dem sich politische Geister scheiden oder der in der Lage wäre, aktuelle politische Debatten anzustoßen.

Das klingt ein wenig nach Walsers Protagonisten, die fast immer Antihelden sind. Wie viel Walser steckt in seinen Romanen?

Jeder Autor wird Ihnen sagen, dass in den Texten, die man schreibt, eigene Erfahrungen stecken müssen. Gleichzeitig werden sie sich streng dagegen verwahren, mit den eigenen Protagonisten gleichgesetzt zu werden. Wenn man die Positionen zur Nation und zur nationalen Geschichte in Walsers Romanen betrachtet, erkennt man, dass die Protagonisten im Grunde den gleichen Text sprechen, den auch ihr Schöpfer immer sehr zeitnah gesprochen hat – ob in Reden, Zeitungsartikeln oder Essays. Da gibt es eine hohe Übereinstimmung.

Nach eigener Aussage wollte Walser "nie Schriftsteller werden". Warum ist es gut, dass es doch dazu gekommen ist?

Walser ist ein wichtiger Schriftsteller der alten Bundesrepublik gewesen, in der Intellektuelle eine bestimmte Rolle gespielt haben. Dabei war er auch immer ein Provokateur, der Debatten angestoßen hat. Zum Beispiel hat er sich sehr zur Zeit des Vietnamkriegs engagiert. Darüber hinaus hat er die Debatten um das deutsche Selbstverständnis und das Verhältnis zur Geschichte angeheizt. Die Leute sind ja nicht nur dann wichtig, wenn sie die eigene Meinung vertreten, sondern wenn sie den Diskurs mit befeuern. Diskussionen wie nach der Friedenspreis-Rede waren wichtige Selbstverständigungsdebatten, die in Deutschland geführt worden sind. Ich bezweifle allerdings, dass Walsers Werke noch in 50 oder 100 Jahren im Kanon sein werden. Inzwischen sind sie nur noch schwer vermittelbar. Das ist aber kein Exklusivum, man denke etwa an Heinrich Böll, der kaum noch gelesen wird. Man muss die Texte literarhistorisch immer vor dem Panorama ihrer Zeit lesen. Unter dieser Prämisse gibt es zumindest für Germanisten zwei bis drei Walser-Texte, die weiterhin interessant bleiben werden.

Mit Matthias Lorenz sprach Christoph Rieke

Quelle: ntv.de