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Golfplatz statt Wohnviertel? In "Café Zombo" zieht Micky Maus gegen Spekulanten ins Feld.
Golfplatz statt Wohnviertel? In "Café Zombo" zieht Micky Maus gegen Spekulanten ins Feld.(Foto: 2017 Disney / Egmont Comic Collection)
Montag, 18. Dezember 2017

Tierisch gute Comics: Micky jagt Zombies, Affen jagen Gott

Von Markus Lippold

Micky Maus ist eine Legende, aber etwas in die Jahre gekommen. Nun erlebt sie in einer Buchreihe ein fulminantes Comeback. Aber auch andere Tiere schlagen sich durchs Leben, hadern mit Religion, Großstadt-Alltag - oder ihrer Unterwäsche.

Tiere in Comics. Das ist spätestens seit "Krazy Kat" von George Herriman eine äußerst unterhaltsame Kombination. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen: Micky Maus und Donald Duck, Garfield und Jolly Jumper, Idefix und Snoopy. Tiere mit mehr oder weniger menschlichen Eigenschaften sind kaum einem Medium so verbunden wie dem Comic. Grund genug, ein paar Neuerscheinungen vorzustellen, in denen sich Tiere von ihrer allzu menschlichen Seite zeigen.

Auch Goofy verhält sich wie ein Zombie - was steckt dahinter?
Auch Goofy verhält sich wie ein Zombie - was steckt dahinter?(Foto: 2017 Disney / Egmont Comic Collection)

Wobei wir vorerst beim Klassiker bleiben: Disney. Eigentlich ist der Konzern nicht für Experimente bekannt, wenn es um seine größten Helden geht. In Zusammenarbeit mit einigen renommierten europäischen Zeichnern ist nun aber eine ganze Reihe höchst liebevoller und edel aufgemachter Hommage-Bände erschienen. "Café Zombo" von Régis Loisel ist nur der neueste Band, aber auch der vorläufige Höhepunkt der Serie.

Im Mittelpunkt steht Micky Maus, hier aber nicht als weichgespülte moderne Variante, sondern als der abenteuerlustige Chaot seiner Frühzeit. Der Comic spielt denn auch in den Jahren der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre. Auch Micky und sein Kumpel Rudi Ross suchen nach Arbeit. Doch das intrigante Spiel von Kater Karlo verhindert, dass sie zum Zuge kommen. Was dahintersteckt, erfährt Micky, als er von einem Ausflug zu Donald Duck zurückkommt: Seine Siedlung ist nahezu verwaist und die verbliebenen Nachbarn - selbst Freund Goofy - verhalten sich höchst sonderbar. Micky versucht, das Rätsel zu lösen.

"Café Zombo" ist in der Egmont Comic Collection erschienen, 80 Seiten, 29 Euro.
"Café Zombo" ist in der Egmont Comic Collection erschienen, 80 Seiten, 29 Euro.(Foto: 2017 Disney / Egmont Comic Collection)

Loisel erzählt diese Geschichte mit Humor und Slapstick, einem ordentlichen Schuss Spannung - und für Disney eigentlich ungewohnter Sozialkritik an Spekulanten und Ausbeutung. Allerdings gibt es auch jede Menge Nostalgie. "Café Zombo" verneigt sich vor den klassischen Abenteuern, deren Einfluss man vor allem in den wunderschönen, detailreichen Zeichnungen sieht - und an Micky mit seinen roten Knopfhosen und großen Augen. Aber auch erzählerisch atmet der Held hier noch jene Anarchie, die er in neueren Inkarnationen abgelegt hat, es ist geradezu eine Wiederauferstehung der ursprünglichen Maus. Das Buch richtet sich deshalb wohl vor allem an Nostalgiker, die noch einmal in einer klassischen Comic-Epoche schwelgen wollen. Wer mit Loisel fertig ist, kann dann gleich bei Coseys Hommage "Eine geheimnisvolle Melodie" weiterlesen, die zeitlich ähnlich gelagert ist, auch wenn sie nicht ganz die zauberhafte Überdrehtheit von Loisels Band erreicht.

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So kam die Religion zu den Affen

Dienen Tiere bei Disney vor allem der Unterhaltung, widmet sich Jean-Paul Krassinsky einer anderen klassischen Gattung: der Fabel. Sein Band "Affendämmerung" (Leseprobe) ist eine beißende Religionskritik, die sich dazu einer Gruppe Affen im japanischen Affenpark Jigokudani bedient. Die dortigen Schneeaffen sind berühmt für ihre Vorliebe, an kalten Wintertagen in den heißen Quellen zu baden. Wer hinein darf, bestimmt hier jedoch einzig Clanchef Taro, der Grausame.

Rhesus landet - und erweckt Erstaunen.
Rhesus landet - und erweckt Erstaunen.(Foto: Krassinsky / Schreiber und Leser 2017)

Die Ordnung der Gruppe wird erschüttert, als eines Tages eine Raumkapsel in der Gegend landet. Darin sitzt ein Rhesusaffe, den die Nasa ins All geschossen hatte und der nun abgestürzt ist. Rhesus steckt nicht nur in einem Raumanzug, sondern hat auch Bananen dabei. So wird Taro auf den Neuling aufmerksam. Um sich vor der Gewalt des Anführers zu schützen, verfällt der Affe auf eine List: Er erzählt, er komme aus dem All, um die Kunde des allmächtigen "Diou" zu verbreiten. Und so kommt die Religion zu den Affen.

Bald schon hat Rhesus einen Teil der Affen von seiner Botschaft überzeugt, die auf Gleichheit und Gerechtigkeit setzt. Das kommt gut an. Außer bei Taro und seinen Anhängern, die sich dem Glauben an Diou verweigern. Es kommt zu Gewalttaten zwischen beiden Gruppen, bis Taro gestürzt wird und auf üble Rache sinnt. Propheten und Extremisten, Gläubige und Ungläubige lassen das Sozialgefüge der Affengruppe implodieren, in immer schnellerer Folge wechseln die Anführer, die die vermeintlich reine Lehre verkünden, bis Blut durch das beschauliche Tal fließt.

"Affendämmerung" ist bei Schreiber & Leser erschienen, 296 Seiten, 29,80 Euro.
"Affendämmerung" ist bei Schreiber & Leser erschienen, 296 Seiten, 29,80 Euro.

Krassinsky macht die Natur zum roten Faden seiner Erzählung: Immer wieder zeigt er Berge und Täler im Wechsel der Jahreszeiten, unbeeindruckt von den grausamer werdenden Machtkämpfen der Affen. Deren Geschichte kommt als pessimistische Fabel daher, die in der Religion den Grund von Gewalt und Zerstörung sieht - der Zeichner ließ sich von Richard Dawkins' "Der Gotteswahn" inspirieren. Das ist etwas einseitig, aber äußerst klug erzählt und mit beeindruckenden Zeichnungen unterlegt.

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Böser Fuchs und Wolf im Slip

An Fabeln erinnern auch die folgenden beiden Bände: Da geht es zunächst um einen Fuchs, der gern böse wäre. Ernst genommen wird er freilich nicht so richtig: Die Hühner haben eher Mitleid mit dem mickrigen Kerl. Ein Kumpel weiß Rat: Warum nicht ganz unten anfangen? Eier klauen, ausbrüten und dann die Küken fressen. Nur kann man jemanden fressen, der einen plötzlich "Mama" nennt? Statt einem leckeren Mahl erwarten den Fuchs Erziehungsprobleme.

Das ist stellenweise so brüllend komisch, was Benjamin Renner mit "Der Große Böse Fuchs" (Leseprobe) vorlegt, dass man diesen Fuchs ganz schnell ins Herz schließt. Der lockere Strich und die rundum sympathischen Figuren sorgen für ein großes Lesevergnügen. Armer Fuchs: Statt böse zu sein, wird er nun noch gefeiert.

"Der Große Böse Fuchs" ist bei Avant erschienen, 192 Seiten, 25 Euro. / "Der Wolf im Slip" ist bei Splitter erschienen, 36 Seiten, 14,80 Euro.
"Der Große Böse Fuchs" ist bei Avant erschienen, 192 Seiten, 25 Euro. / "Der Wolf im Slip" ist bei Splitter erschienen, 36 Seiten, 14,80 Euro.

Ein Image-Problem hat auch dieser Wolf: Gesträubtes Fell, irrer Blick und Zähne scharf wie Messer lassen die Tiere des Waldes erzittern. Doch sie sorgen vor: Wolfsfallen sind der Renner, Anti-Wolf-Fallen stark nachgefragt und Vorträge über die Wolfs-Gefahr gut besucht. Doch dann kommt der Wolf - und trägt einen gestreiften Slip. Was ist da los? Wie der Wolf zur Unterbekleidung kam und was das für die Tierwelt bedeutet, erzählen Wilfrid Lupano, Mayana Itoïz und Paul Cauuet in ihrem Buch "Der Wolf im Slip" (Leseprobe), das jedoch eher Bilderbuch denn Comic ist.

Das macht es nicht weniger schön: Mit viel zeichnerischem Witz geht es um Toleranz und Vorurteile. Und den Wert von Unterhosen. Im Grunde ist der schmale Band im Albenformat ein Seitenprodukt der wunderbaren Comicreihe "Die alten Knacker" von Lupano und Cauuet. In der Serie trägt ein Puppentheater den Wolf im Namen. Mit viel Liebe zum Detail haben die Künstler nun eines der Theaterstücke aus dem Comic zu einem eigenständigen, kindgerechten Abenteuer gemacht, das mit seinem Witz aber auch erwachsene Leser der Originalreihe erfreuen dürfte.

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Miesepetrig geht die Welt zugrunde

Am liebsten möchte man schreien - Szene aus "Katze hasst Welt". Erschienen bei Reprodukt, 96 Seiten, 18 Euro.
Am liebsten möchte man schreien - Szene aus "Katze hasst Welt". Erschienen bei Reprodukt, 96 Seiten, 18 Euro.(Foto: Kathrin Klingner / Reprodukt 2017)

Nun hatten wir Mäuse und Affen, Füchse und Wölfe, nur Deutschlands beliebtestes Haustier fehlt: die Katze. Voilà: "Katze hasst Welt" von Kathrin Klingner (Leseprobe). Katze hats ja auch nicht leicht. Sie hat sich gerade von Panda getrennt. Die Ratschläge aus dem Freundeskreis sind auch eher daneben. Auf der Kunsthochschule läuft es eher schlecht als recht. Und dann ist da noch der Job im Café, in dem Katze im Hamburger Kiez Prostituierte und feiernde Partymenschen bedient. Katze durchlebt ihren Alltag mit stoischer Miesepetrigkeit.

Man wird das Gefühl nicht los, dass Klingner, die selbst in Hamburg Illustration studiert hat, in ihrem Debüt eigene Erfahrungen verarbeitet oder zumindest Beobachtungen aus ihrem Umfeld. Die Katze - und all die anderen Tiere, die hier auftauchen - als Abstraktion der Realität, der Absurdität des Alltags. Der tierische Verfremdungseffekt wird verstärkt durch dazwischengeschobene Bilder, in denen Tiere ihren Kommentar zum Geschehen abgeben.

Und das Geschehen ist eigentlich nicht zum Lachen: Alles geht schief. Die stoische Miene der Katze hat schon etwas von Buster Keaton, der auch im größten Chaos sein Gesicht nicht verzog. So reduziert, aber effektiv dessen Stunts waren, so kommen auch Klingners Zeichnungen daher. Man sieht: Tiere müssen auch im Comic für so manches menschliche Treiben ihren Kopf hinhalten.

Ein Klassiker des Tier-Comics sei noch ganz am Schluss erwähnt: "Fritz the Cat" von Robert Crumb (Leseprobe). Reprodukt hat die Abenteuer des dauergeilen Katers in einem Band zusammengefasst. Da kann man ungehemmt die anarchischen Abenteuer des chauvinistischen, drogen- und sexbesessenen Tiers erleben. Das ist Anti-Disney in Reinkultur.

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Quelle: n-tv.de