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"Gottverdammte Nazi-Wichser" Thriller-Debüt "Westwall" birgt Sprengstoff

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Amerikanische Soldaten untersuchen bei ihrem Vormarsch den Westwall.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Eine Polizeischülerin, die in einer Kommune aufgewachsen ist. Ein junger Aussteiger, der für den Verfassungsschutz arbeitet. Eine rechte Terrorgruppe, bestehend aus obdachlosen Kindern. Das alles vermengt Benedikt Gollhardt zu einem fulminanten Thriller-Debüt.

Der Westwall erstreckt sich von der niederländischen Grenze Richtung Süden bis zur Schweizer Grenze. Er sollte dem Deutschen Reich als Verteidigungslinie im Westen dienen und so den Angriff Nazi-Deutschlands im Osten absichern. Der im Volksmund auch Siegfried-Linie genannte Wall umfasste etwa 18.000 Bunker, Stollen, Gräben und Panzersperren und wurde von 1938 bis 1940 gebaut. Viele daran beteiligte Arbeiter waren stolz auf das mit ihren Händen errichtete Bauwerk, sie trugen deshalb einen Ring - den Westwall-Ring, den eine Spirale ziert.

Genau solch einen Ring entdeckt Polizeischülerin Julia bei ihrem nächtlichen Gast Nick. Der hat sie vor Kurzem in einer Kölner Straßenbahn vor einer Ticketkontrolleurin gerettet und so ihre Aufmerksamkeit gewonnen. Julia hat es ansonsten nicht so mit Männern. Sie muss erst einmal mit ihrem eigenen Leben klarkommen und das ist schon schwer genug: Sie gilt als Außenseiterin an der Polizeischule, auch weil sie nur wenig spricht und ihre Vergangenheit im Dunkeln lässt.

Ein Hakenkreuz weckt vergangene Dämonen

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Julia wuchs in einer Bauwagensiedlung an einem See auf, in einer Kommune. Von ihrer Mutter weiß sie nichts; ihren Vater, ein durch und durch Linker, vergöttert sie, weshalb die Entscheidung für die "Bullen"-Laufbahn ihr nicht leichtgefallen ist. Aber Julia muss Geld verdienen, denn ihr Vater ist mittlerweile ein Pflegefall, musste deshalb auch seinen geliebten Bauwagen gegen ein Betonsilo-Apartment tauschen. Julia ist für ihn der einzige Grund, weshalb er noch nicht Selbstmord begangen hat.

Auch wegen dieses Hintergrunds ist Julia schockiert, als sie den Westwall-Ring bei Nick sieht. Schlimmer noch: Nachdem sie mit ihm geschlafen hat, entdeckt sie ein riesiges Hakenkreuz auf seinem Rücken und, dass er ihr einen falschen Namen genannt hat. Wer ist Nick wirklich? War seine Rettungsaktion in der Straßenbahn geplant? Wollte er sie kennenlernen, sollte er vielleicht sogar?

Das sind die Fragen, die Julia beschäftigen und ihn Alltag noch mehr durcheinanderwirbeln. Als sie ihrem Vater den sexuellen Fehltritt dann doch beichtet, wird dieser hellhörig: Der Mann trägt einen Westwall-Ring? Er rät Julia, Nick nie wiederzusehen, alle Verbindungen zu ihm zu kappen und schnellstmöglich unterzutauchen. Etwas, was für die junge Frau nicht infrage kommt. Sie ahnt, dass hinter all dem mehr steckt, mehr stecken muss. Wenn sie aber gewusst hätte, dass sie danach um ihr nacktes Überleben und gegen Nazis, Verfassungsschützer und eigene Kollegen kämpfen muss - sie hätte den Rat ihres Vaters mit Kusshand befolgt.

Ein Debütroman, der in die Zeit passt

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Benedikt Gollhardt

(Foto: Cornelis Gollhardt)

Mit Kusshand und ohne Gewissensbisse kann man beim Thriller-Debüt des Drehbuchautoren Benedikt Gollhardt ("Türkisch für Anfänger", "Danni Lowinski", "Edel & Starck") zugreifen. Da passt einfach alles - von der 1. bis zur 496. Seite. "Westwall" ist ein Pageturner par excellence und der Beweis, dass das Auseinandersetzen mit aktuellen politischen Themen hochspannend verpackt werden kann.

Dass Gollhardt seine packende Geschichte noch in die geheimnisumwitterte Umgebung des Westwalls, speziell um den Hürtgenwald, steckt, stellt gewissermaßen das i-Tüpfelchen dar: eine deutsche Geschichtsstunde, die fesselnder nicht sein könnte, denn im Hürtgenwald wollten die US-Amerikaner im Frostwinter 1944 erstmals ins Deutsche Reich eindringen. Allerdings hatte die Reichswehr sie erwartet und sich in den verborgenen Bunkern, Stollen und Gräben verschanzt. Scharfschützen und Artilleriefeuer hatten die GIs mit tödlicher Präzision begrüßt.

Am Ende war die Allerseelenschlacht im Hürtgenwald der verlustreichste Kampf der US-Armee während des gesamten Zweiten Weltkriegs in Europa. Insgesamt lag die Zahl der Verluste auf beiden Seiten bei rund 60.000. Die Überlebenden sprachen danach vom Hürtgenwald als dem "Verdun des Zweiten Weltkriegs".

Tiefe Einblicke, filmreifer Plot

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"Westwall" ist als Buch bei Penguin erschienen und als Audiobook im Hörverlag.

(Foto: Penguin)

Das sind die geschichtlichen Aspekte, die Gollhardt mit seinem Buch beleuchtet, in den Plot einbindet und sie so ins gesellschaftliche Gedächtnis zurückruft. Sprachlich nimmt er dabei kein Blatt vor den Mund ("... und wenn es das Letzte ist, was ich tue, du gottverdammter Nazi-Wichser!"). Das gilt nicht nur für den Roman, sondern auch für die Realität. Gegenüber n-tv.de sagt Gollhardt, dass der "NSU-Komplex" bei der Entstehung von "Westwall" durchaus eine Rolle gespielt hat und er dieses "fast vergessene Monstrum im Westen" als "historische Warnung" versteht - für eine noch immer "brandaktuelle" Thematik. 

Einen inneren Krieg führen auch seine Figuren: Die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt, es gibt nur hell und dunkel, schwarz und weiß. Hier obdachlose Kinder im tagtäglichen Überlebenskampf auf der Straße, dort die gleichen Kinder im Zeltlager-Gefühl eines rechtsextremen Terrorcamps; ein rechter Männerbund mit dunkelsten Machtfantasien, dessen Mitglieder allerdings angesehene Bürger aus der Mittel- und Oberschicht sind, sprich liebevolle Familienväter und Ehemänner; oder eben wenn sich der One-Night-Stand mit Nazi-Vergangenheit als große Liebe entpuppt - auch das zeigt, dass es immer zwei Seiten einer Medaille gibt.

"Westwall" rät dem Leser, immer zwei Mal und genau hinzuschauen, hinter die Fassade der Menschen zu blicken. Das kann lehrreich sein, ist aber immer spannend - wie Gollhardts Roman-Debüt.

Zum Interview mit Benedikt Gollhardt

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Quelle: n-tv.de

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