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Benedikt Gollhardt im Interview "Westwall ist eine historische Warnung"

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Reste von Panzersperren des Westwalls, einer "Verteidigungslinie" Nazi-Deutschlands im Westen, die sich über rund 630 Kilometer erstreckt hat.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Westwall ist ein fast vergessenes Monstrum im Westen. Hemingway hat dort seine Lust am Krieg verloren. Für das Thriller-Debüt von Benedikt Gollhardt ist er titelgebend. Wie es dazu kam, warum der Westwall heute aktueller denn je ist und welche Rolle Verfassungsschutz und NSU spielen, verrät der Bestsellerautor n-tv.de.

ntv.de: Herr Gollhardt, Sie sind ein bekannter Drehbuchautor, schrieben etwa für "Türkisch für Anfänger", "Danni Lowinski" oder meinen persönlichen Favoriten "Edel & Starck". TV-Projekte, die etwa für den Grimme-Preis und den Emmy nominiert waren und den Comedy- sowie Deutschen Fernsehpreis gewonnen haben. Seit ein paar Wochen steht Ihr Debütroman "Westwall" in den Läden. Sind Sie jetzt eigentlich Schriftsteller?

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Bestsellerautor Benedikt Gollhardt arbeitete lange als erfolgreicher Drehbuchautor, ehe er sich seinen Kindheitstraum erfüllte und einen Roman schrieb: "Westwall".

(Foto: Cornelis Gollhardt)

Benedikt Gollhardt: (lacht) Momentan bin ich Drehbuchautor und Schriftsteller, aber die vergangenen zwei Jahre war ich ausschließlich Schriftsteller und habe eine Pause vom Drehbuchschreiben gemacht - das war auch fällig.

Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden?

Ich habe schon lange davon geträumt, ein Schriftsteller zu sein. Seit meiner Kindheit an wollte ich immer mal einen Roman schreiben, auch weil ich in einer Bücherfamilie groß geworden bin.

Ihr Vater arbeitete als Verleger, Ihre Mutter war für mehrere Verlage tätig ...

Ja, unter anderem bei Kiepenheuer & Witsch sowie im Fischer-Verlag und das in den 1970ern und 1980ern, als Literatur noch Rock'n' Roll war, wo ich Autoren bei uns zu Hause treffen konnte. Damals sogar einen legendären Bestsellerautoren, einen Zuhälter und Gewalttäter aus Österreich. Sein Buch hieß "Der Minus-Mann". Er war supercharmant und ich weiß noch, dass ich am Küchentisch saß und ihn mit großen Augen beobachtet habe.

Wie fand Ihre Mutter denn das?

Im Nachhinein hat sie mal gesagt, dass das ziemlich naiv gewesen ist (lacht). Aber das waren halt die Zeiten damals. Da war alles lockerer, handgestrickt.

Reifte damals bereits der Entschluss: Ich schreibe mal einen Roman, einen Bestseller?

Einen Roman auf alle Fälle. Aber danach bin ich zunächst ins Drehbuchfach gerutscht, weil Freunde von mir für "Alarm für Cobra 11" geschrieben haben. Damals reichte eine Idee - wenn die gefallen hat, durfte man das Drehbuch schreiben. Heute undenkbar, da werden keine ungelernten Novizen mehr rangelassen!

Am Ende waren es dann rund 25 Jahre als Drehbuchautor.

Richtig. Es hat Spaß gemacht und ich habe einfach nicht den Moment gefunden, mich in den Marathon eines Romans zu schmeißen. Aber vor drei Jahren dann war ein Punkt erreicht, wo ich von einer Serie, an der ich mitgearbeitet habe, ziemlich frustriert war, da hatte ich dann zuerst die Idee, "Westwall" als Miniserie für einen Streamingdienstanbieter zu machen. Das hat dann leider oder zum Glück erst einmal nicht gefruchtet. Das Konzept des Buches fanden allerdings viele Leute klasse und die Fragen nach einem Roman dazu häuften sich, sodass ich dann schlicht und einfach gesagt habe: Jetzt schreibst du das Ding!

Die Idee zu "Westwall" gab es also schon länger?

Ja, eigentlich schon. Der Westwall schwirrte als halb vergessenes Monster immer in meinem Kopf herum, als Titel und Spielort. Als dann der NSU-Komplex aufgearbeitet wurde mit seinen absurden, bizarren und skandalösen Vorgängen, dass der Verfassungsschutz und die Polizei in rechtsextremistische Strukturen verwickelt sind; dass Rechtsextremisten aus dem Verfassungsschutz heraus finanziert wurden - das war zwar alles so unglaublich, nahezu undenkbar, hat mir aber als Autor neue Möglichkeiten gegeben, plötzlich war viel mehr plausibel. Als Autor war ich damit traurigerweise so eine Art Kriegsgewinnler des NSU-Komplexes.

Der NSU-Komplex hat Ihren Roman "Westwall" also gefördert?

Zumindest meine Fantasie. Der ganze NSU-Komplex war die Inspiration für meine "Westwall"-Geschichte. Darin geht es ja auch um eine rechte Gruppe, die untertaucht - bei mir eben am Westwall. Und Verfassungsschutz und Polizei spielen eine unrühmliche Rolle ...

... Sie schneiden gerade den Plot des Romans an. Worum geht es denn in "Westwall" genau?

In Kurzform geht es bei "Westwall" um die Polizeischülerin Julia, die sich in einen jungen Mann verliebt, aber nach der ersten gemeinsamen Nacht feststellt, dass dieser ein riesiges Hakenkreuz-Tattoo auf dem Rücken trägt. Danach ändert sich für sie alles: Sie muss feststellen, dass sie Teil eines großen Planes ist, in dem die Polizei, der Verfassungsschutz und eine rechtsextremistische Gruppe verwickelt sind, der Plan aber nach und nach mächtig aus dem Ruder läuft.

Das klingt absolut spannend! Der Verlag, Penguin, bewirbt "Westwall" als "Thriller". Trifft das Ihrer Ansicht nach zu?

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Der Bestseller "Westwall" ist bei Penguin erschienen.

(Foto: Penguin)

Sagen wir einmal so: Zu Beginn habe ich es auch als Familiengeschichte gesehen, als Liebesdrama und als aktuelles deutsches Schauermärchen. Aber letzten Endes ist es natürlich ein Thriller! Es richtet sich aber auch an Menschen, die ein Interesse an der derzeitigen politischen Lage hierzulande haben.

Also ist "Westwall" letzten Endes ein Polit-Thriller?

Man kann den Roman als modernen Polit-Thriller bezeichnen, auch als Psycho-Thriller. Er ist auch ein Sittengemälde unserer Zeit. In welche Schublade man "Westwall" auch immer steckt, wichtig ist mir, dass es darin um Menschen geht, um ihre Geschichten.

Und um Geschichte im Allgemeinen. Ich muss gestehen, ich kannte den Westwall bisher nicht, vielleicht auch, weil ich im Osten aufgewachsen bin. Wie war das bei Ihnen?

Ich stamme aus Köln und da war dieses Monstrum natürlich ein Thema, von daher kannte ich den Westwall schon. Aber ich habe erst in den umfangreichen Recherchen für das Buch, in Gesprächen mit Historikern dann gemerkt, welche eigentliche Rolle diese "Verteidigungslinie" wirklich gespielt hat: Der Westwall war zum einen ein Testlauf dafür, wie sich Volksmassen für kriegerische Großprojekte benutzen lassen - es haben dort eine halbe Million Arbeiter unter unmenschlichen Bedingungen geschuftet. Zum anderen hatte der Westwall eine Propagandafunktion und die besagte: "Die Westgrenze des Deutschen Reiches ist uneinnehmbar." Und das war die Voraussetzung für den Feldzug im Osten.

Im Roman spielt auch die Allerseelenschlacht im Hürtgenwald eine Rolle.

Ja, eine Schlacht, die der breiten Öffentlichkeit nicht wirklich bekannt ist, mir bis zu meinen Recherchen übrigens auch nicht. Das war ein schreckliches Sterben, mehr als 20.000 Soldaten, blutjunge Amerikaner und Deutsche sind dabei in den gefrorenen Wäldern elend ums Leben gekommen. Hemingway war als Berichterstatter dabei und nannte den Hürtgenwald "den Wald, in dem die Drachen wohnen".

Das ist der historische Aspekt mit aktuellem Bezug, wenn man an die geplante Trump-Mauer an der Grenze zu Mexiko denkt.

Absolut! Leider ist der historische Aspekt aktueller denn je - und damit zugleich eine ernste Warnung an uns alle.

Was das Buch "Westwall" zudem auszeichnet, ist aber auch die Tiefe der Figuren. Hilft es da, jahrelang als Drehbuchautor gearbeitet zu haben?

In Drehbüchern kann man Innenwelten immer nur als Handlung und Dialog ausdrücken. In einem Roman habe ich so viel mehr Möglichkeiten, auf die Charaktere einzugehen. Derer habe ich mich auch bedient - voller Freude!

Das merkt man "Westwall" an. Es gibt nicht Schwarz oder Weiß, jede Figur hat Stärken und Schwächen, dunkle und helle Charakterzüge. Das macht die Figuren sympathisch und hält den Leser bei Laune ...

Das freut mich! Es ist aber auch ein Fakt: Jeder von uns hat viele Seiten. Das habe ich versucht, den Figuren mit auf den Weg zugeben. Die haben dann schnell ein Eigenleben entwickelt und wollten das dann auch. Sie in eine andere Richtung zwingen zu wollen, geht am Ende immer nach hinten los.

Apropos am Ende: Da packen Sie - ohne zu viel zu verraten - einen explosiven Showdown aus, Tote inklusive. Dennoch wird man als Leser das Gefühl nicht los: Es muss eine Fortsetzung geben ...

(lacht) Es war ursprünglich beim Roman nicht geplant, ich habe mich dann aber für ein Ende entschieden, das nicht alles abschließt. Jetzt habe ich den Salat, denn das Buch hat bereits viele Fans und die verlangen nach mehr. Eine simple Fortsetzung würde in meinen Augen aber zu konstruiert wirken, deshalb bin ich noch in der Ideenfindung, wie es letzten Endes weitergehen könnte. Spannend wäre etwa, den Hintergrund der Figur Ira etwas näher zu beleuchten, die irgendwann den Wandel von links- zu rechtsextrem vollzogen hat. Wie kam es dazu? Aber so viel kann ich verraten: Es geht auf alle Fälle irgendwie weiter!  

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Das wird die Leser freuen! Und wie schaut es mit der Mini-TV-Serie aus, als die "Westwall" ursprünglich gedacht war?

Der Roman hat das Interesse daran natürlich angefacht, keine Frage. Die Gespräche laufen und ich bin da ganz hoffnungsvoll, dass es eine sechsteilige Serie geben wird. Es bietet sich von der Thematik, den Figuren, der Atmosphäre einfach an. 

Mit Benedikt Gollhardt sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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