Kino

"Man braucht harte Bandagen" Daniel Brühl, von der Soap bis Hollywood

_V5B5416_A4.jpg

Inzwischen einer der größten deutschen Stars auf dem internationalen Parkett: Daniel Brühl.

(Foto: eOne Germany)

Spätestens mit seiner Rolle in "Inglourious Basterds" nahm Daniel Brühl den Highway to Hollywood. Sein jüngster Streich: Der Film "7 Tage in Entebbe" über eine Flugzeugentführung im Jahr 1976. Mit n-tv.de spricht er über Geschichte, den Serien-Hype und Til Schweiger.

n-tv.de: Der Film "7 Tage in Entebbe" zeigt, wie dramatisch die Ereignisse seinerzeit waren. Trotzdem hat man sie nicht so auf dem Schirm wie etwa die "Landshut"-Entführung. Wie ging Ihnen das?

Daniel Brühl: Ganz genauso. Es klingelte schon irgendetwas, dass das mit einer Flugzeugentführung zu tun hat. Aber ich habe es dann auch erst einmal mit Mogadischu und der "Landshut" durcheinandergebracht. Die "Landshut"-Entführung ist hier natürlich noch stärker in den Köpfen, weil das eine Lufthansa-Maschine mit deutschen Passagieren war.

Wie haben Sie sich auf den Film vorbereitet?

*Datenschutz

Das war anfangs echt schwierig. Es gibt ja sehr viel Material zur RAF, wie etwa den "Baader-Meinhoff-Komplex", den ich seinerzeit natürlich auch gelesen habe. Aber über die anderen Gruppierungen jener Zeit gibt es wirklich wenig. Als ich in eine Bücherei gegangen bin, um mich mit Informationen für den Film einzudecken, konnte ich über Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann (Mitglieder der "Revolutionären Zellen", die an der Flugzeugentführung nach Entebbe beteiligt waren, Anm. d. Red.) kaum etwas finden. Doch letztlich war ich durch José Padilha (der Regisseur, Anm. d. Red.) und die Produzenten in guten Händen. Sie hatten sehr viel Material - unveröffentlichte Interviews und Texte, die man nirgendwo sonst findet, außer vielleicht in einem Antiquariat.

Hat Sie die Geschichte der Flugzeug-Entführung nach Entebbe auch persönlich interessiert?

Ja! Ich bin generell sehr geschichtsinteressiert. Die Geschichtsglieder zurückzuverfolgen, erzählt einem immer auch sehr viel über einen selbst - darüber, wo man jetzt gerade als Mensch 2018 steht. Ich selbst bin 1978 geboren. Ich weiß aber noch, dass der Linksradikalismus und die Bewegungen, die damals in der jungen Generation stattfanden, zu Hause ein Thema waren. Es hat mich interessiert, mit Wilfried Böse jemanden zu spielen, dessen Motivation ich grundsätzlich nachvollziehen kann. Wofür ich aber gar kein Verständnis und keine Empathie habe, ist dieser Extraschritt, sich zu radikalisieren. Sich damit als Schauspieler auseinanderzusetzen, ist natürlich spannend.

Sie haben in jüngerer Zeit in vielen Filmen mit einem realen historischen Hintergrund mitgewirkt: "Rush" zum Beispiel, "Colonia Dignidad" oder "Jeder stirbt für sich allein". Liegt das an Ihrem Geschichtsinteresse oder daran, dass zufällig gerade immer die richtigen Drehbücher parat waren?

Es ist ein Zusammenspiel. Aber ich entscheide mich schon bewusst und mache im Endeffekt immer die Sachen, die ich in dem Moment auch machen will. In einem Beruf die Möglichkeit zu haben, in der Zeit zu reisen, ist toll! Das würden wir wahrscheinlich doch alle gern mal machen - ich auf jeden Fall. Ich bekomme die Chance, einfach nochmal in ein bestimmtes Kapitel einzutauchen und ein paar Monate darin zu verbringen.

Die Ereignisse in Entebbe liegen mehr als 40 Jahre zurück - trotzdem sind sie bedauerlicherweise immer noch hochaktuell. Der Nahost-Konflikt ist nach wie vor ungelöst und ein Konflikt, der Menschen weit über die betreffende Region hinaus polarisiert. Wie blicken Sie darauf?

imago79200687h.jpg

Für seine Verkörperung von Niki Lauda im Film "Rush" erhielt Brühl viel Lob.

(Foto: imago/Cinema Publishers Collection)

Die Meinungen sind sehr festgefahren. Das habe ich während der Reisen mit diesem Film jetzt auch nochmal gemerkt. Ich verstehe das: Es hängt von der jeweiligen Erziehung ab, wie man die Dinge wahrnimmt. Mich interessiert die Auseinandersetzung mit Geschichte auch deshalb so sehr, weil es nun mal verschiedene Geschichten, Geschichtsschreibungen und Wahrheiten gibt. Umso besser fand ich den Ansatz von José Padilha, einen Multiperspektiv-Film zu drehen.

Was heißt das?

Die Geschichte wurde ja schon ein paar Mal verfilmt. Und ich habe vor Jahren schon mal ein, zwei Versionen gesehen. In ihnen gab es das typische Schwarz-Weiß-Bild vom eiskalten, berechnenden Terroristen und dem heroischen Soldaten. Aber so sind die Wahrheit, das Leben und die Geschichte nun mal nicht.

Der Film dürfte Reaktionen geradezu provozieren. Womit rechnen Sie?

Dass der Film polarisieren wird und manche ihn als provokant und unangenehm empfinden werden, war mir von Anfang an bewusst. Aber genau deshalb wollte ich ihn auch machen. Ich denke dabei immer auch an jüngere Zuschauer, die sich wohl oder übel heute mit diesem Konflikt befassen und mit einer anderen Form von Terrorismus leben müssen. Es ist gut, ihnen nochmal zu zeigen, woher das kommt und wie das anfing.

Man kann Sie gerade nicht nur in "7 Tage in Entebbe" sehen. Seit Kurzem läuft auch Ihre Serie "The Alienist" bei Netflix. Der Serien-Boom scheint nicht zu stoppen und nicht wenige sehen das Format inzwischen dem Film sogar überlegen. Wie stehen Sie dazu?

E_Motivaushangsatz2_org.jpg

In "7 Tage in Entebbe" schlüpft Brühl dagegen nun in die Rolle des deutschen Terroristen Wilfried Böse.

(Foto: eOne Germany)

Ich kann nicht leugnen, dass ich dieser Verführung durch die Serien auch erliege - auch und gerade als Schauspieler. Und ich denke, dass es Regisseuren ähnlich geht. Es ist ein Privileg, diesen Luxus von Zeit zu haben - und nicht den Druck, schon nach zehn Minuten an einen bestimmten Punkt kommen zu müssen oder von dieser einen Szene ganz und gar abzuhängen, weil man sonst Probleme nach hinten raus bekommt. Speziell bei "The Alienist" kommt hinzu, dass es die Literaturadaption eines dicken Romans ist. All die Geschichten über New York, die vielen Figuren und Handlungsstränge auf 90 Minuten herunterzubrechen, wäre äußerst schade gewesen.

Viele erinnern sich vielleicht gar nicht mehr daran, dass Sie Ihre Karriere in der ARD-Serie "Verbotene Liebe" begonnen haben. Heute sind Sie einer der international erfolgreichsten deutschen Schauspieler überhaupt. Worauf führen Sie das zurück? Talent, Fleiß, Glück ...

Es ist eine Kombination. Ich glaube, ich würde nach 25 Jahren nicht noch ein solches Interview geben, wenn ich nichts könnte. Aber ich bin auch sehr selbstkritisch und zufrieden damit, dass ich immer mit mir unzufrieden war. Ich habe permanent an mir gearbeitet, bin sehr ehrgeizig und perfektionistisch. Ich bin selten glücklich mit dem Resultat und immer sehr hungrig, die Dinge besser zu machen und Neues auszuprobieren. Ich habe diesen Hunger schon immer gehabt - und den muss man haben.

Das allein reicht?

Nein, natürlich ist es auch Schicksal. Irgendwann muss ein Schauspieler einfach die Möglichkeit bekommen, wahrgenommen zu werden. Es gibt sicher genug Schauspieler mit Riesentalent, die einfach diese Chance nicht bekommen. Der Wettbewerb ist extrem groß. Wie frustrierend das sein kann, weiß ich auch. Zudem braucht man harte Bandagen, um mit der permanenten Beurteilung und Kritik klarzukommen - das wird heute mit Social Media nicht weniger. Und man muss mit Niederlagen klarkommen. Ich kann jungen Kollegen nur sagen: Es ist gut, auf die Schnauze zu fliegen. Man fühlt sich gut, wenn man wieder aufsteht - und man hat dabei auf jeden Fall was gelernt.

Was würden Sie angesichts Ihrer Karriere sagen, wenn Ihnen Til Schweiger eine Rolle in einem seiner Filme anbieten würde?

Til und ich kennen uns schon lange. Wir respektieren uns sehr, haben uns aber in völlig verschiedene Richtungen entwickelt und sind ganz unterschiedlich drauf. Das weiß er von mir - und das weiß ich von ihm.

Mit Daniel Brühl sprach Volker Probst.

Der Film "7 Tage in Entebbe" läuft derzeit in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema