Kino

Wer macht das Oscar-Rennen? Das schräge Kino triumphiert

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Michael Keaton spielt die Hauptrolle in "Birdman", dem großen Oscar-Favoriten.

(Foto: 20th Century Fox/dpa)

Drei Favoriten gibt es im Rennen um den Oscar. Alle drei stammen von Regisseuren, die ihre ganz eigene Bildsprache und ihren eigenen Humor entwickelt haben. Es ist eine Belohnung dafür, gegen den Hollywood-Mainstream zu schwimmen.

Die Mitglieder der Academy, die die Gewinner der Oscars bestimmen, lieben Geschichtsfilme. Immer wieder machen sie sie zu den großen Gewinnern der Academy Awards: von "Der mit dem Wolf tanzt" und "Braveheart" über "Titanic" und "Gladiator" bis "The King's Speech" und "12 Years a Slave".

Kein Wunder: Die Academy-Mitglieder sind mehrheitlich weiß, männlich und über 60 Jahre alt. Die Organisation gilt als konservativ. Klassische Themen wie Historienfilme und historische Biographien mit britischen Hauptdarstellern haben da gute Chancen.

In diesem Jahr jedoch ist alles anders. Zumindest fast alles. Zwar gehen auch Filme mit historischen Stoffen ins Rennen um den Oscar für den besten Film. Doch die großen Favoriten sind andere. Es sind Filme, deren Macher sehr viel Mut bewiesen haben, weil sie neue Erzählweisen ausprobieren. Filme, die die unverkennbare Handschrift ihrer Regisseure tragen.

Hollywood den Spiegel vorhalten

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Michael Keaton und Edward Norton sind die Hauptdarsteller von "Birdman".

(Foto: 20th Century Fox/dpa)

Der heißeste Oscar-Tipp ist mittlerweile "Birdman". Neun Mal ist der Film für den Oscar nominiert, er gewann bereits zwei Golden Globes und etliche weitere wichtige Preise. Der Film ist - untypisch für einen Oscar-Favoriten - eine schwarze Komödie, die Hollywood und dessen Starrummel gehörig durch den Kakao zieht. Es geht um einen alternden Schauspieler, der einst mit Superheldenfilmen große Erfolge feierte und nun am Broadway einen Neustart wagt. Dass der ehemalige Batman-Darsteller Michael Keaton diese Rolle spielt, ist nur eine der vielen Anspielungen auf das Filmgeschäft.

Hinter "Birdman" steht Alejandro González Iñárritu, der das Drehbuch schrieb, produzierte und Regie führte. Der Mexikaner ist bekannt für seine verschachtelten, auf mehreren Ebenen spielenden Filme, er ist einer der interessantesten aktuellen Autorenfilmer. Von ihm stammen etwa "21 Gramm" mit Sean Penn, "Babel" mit Brad Pitt und Cate Blanchett sowie "Biutiful" mit Javier Bardem.

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"Boyhood" begleitet Mason (Ellar Coltrane) über etwa zwölf Jahre - ein faszinierendes Langzeitexperiment.

(Foto: Universal Pictures Germany/dpa)

Mit "Birdman" legt er nun nicht nur ein inhaltlich so anspruchsvolles wie ironisches Stück vor, sondern beweist auch erneut sein technisches Können: Zwischen den Szenen etwa arbeitet der Film mit gleitenden Übergängen, die ohne sichtbare Schnitte auskommen. Dieser endlose Fluss an Bildern zieht den Zuschauer in die Story hinein. Die großartige Kameraarbeit wird durch tolle Darsteller und Musik ergänzt. Der Film ist zu Recht der Oscar-Favorit.

Einem Kind beim Wachsen zusehen

Der zweite große Favorit ist "Boyhood" von Richard Linklater. Das Besondere: Der Film wurde über zwölf Jahre mit denselben Darstellern gedreht. Die Protagonisten altern so auf natürliche Weise - ein bemerkenswertes Langzeitexperiment. Im Mittelpunkt steht Mason (Ellar Coltrane), der von seiner Kindheit bis zur Universität begleitet wird. Es geht aber weniger um eine stringente Handlung als um das wechselhafte Familienleben von Mason und seinen Eltern (Patricia Arquette, Ethan Hawke). Im Laufe der Dreharbeiten wurden auch immer Entwicklungen der realen Darsteller aufgenommen, die viel Platz zum Improvisieren bekamen.

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Ralph Fiennes (r.) ist der Star von "The Grand Budapest Hotel" von Wes Anderson - für einen Oscar ist er aber nicht nominiert.

(Foto: Fox Searchlight/Twentieth Century Fox)

Selten bekam man im Kino einen so intensiven Einblick in das Erwachsenwerden eines Menschen. Für Linklater hat sich das Experiment, das er 2002 mit ungewissem Ausgang begann, ausgezahlt. Er bekam bei der Berlinale seinen zweiten Silbernen Bären sowie Golden Globes für Regie und bestes Drama. Linklater ist auch bekannt für die Trilogie aus "Before Sunrise", "Before Sunset" und "Before Midnight", die die Entwicklung eines Paares (Julie Delpy, Ethan Hawke) über mehrere Jahre begleitet. Er ist ein Autodidakt und einer der bekanntesten Independent-Filmer der USA - der nun in Hollywood ganz oben angekommen ist.

Absurde Handlung, skurrile Figuren

Schließlich fehlt noch "The Grand Budapest Hotel" von Wes Anderson, der im vergangenen Jahr wie "Boyhood" auf der Berlinale lief und den Großen Preis der Jury erhielt. Den meisten Kinogängern muss man Anderson nicht mehr vorstellen. Spätestens seit "Die Royal Tenenbaums" zählt er zu den bekanntesten Autorenfilmern mit Hits wie "Die Tiefseetaucher" und "Moonrise Kingdom". Mit "The Grand Budapest Hotel", einer deutsch-britischen Co-Produktion, die größtenteils im sächsischen Görlitz entstand, ist ihm nun sein größter Erfolg gelungen. Er bekam den Golden Globe als beste Komödie und ist für neun Oscars nominiert.

Es geht um ein Hotel in einem fiktiven südosteuropäischen Staat. Dort werden Concierge Gustave (Ralph Fiennes) und sein Lehrling Zéro (Tony Revolori) in einen Mordfall und die Affäre um ein verschwundenes Gemälde hineingezogen. Wer Andersons Filme kennt, weiß, was ihn erwartet: eine absurde Handlung mit skurrilen Figuren (Adrien Brody, Willem Dafoe, Bill Murray) und viel Liebe zum Detail. Aufgrund dieses Konzeptes hat sich mittlerweile nahezu ein Kult um die Filme des US-Amerikaners gebildet. Auch wenn "The Grand Budapest Hotel" im Vergleich zu den beiden großen Konkurrenten doch eher ein Außenseiter ist, wird damit einer der individuellsten Stile des aktuellen US-Kinos gewürdigt.

Die drei Favoriten stehen also fest. Ob sie am Ende abräumen, ist aber nicht ganz sicher. Die Academy hat schon ganz andere Filme leer ausgehen lassen. Und immerhin wollen neben einem Kriegsfilm ("American Sniper") und einem Musikdrama ("Whiplash") auch noch drei Geschichtsfilme den Oscar für den besten Film haben: "Die Entdeckung der Unendlichkeit" erzählt vom Leben des Physikers Stephen Hawking, "The Imitation Game" nimmt sich den britischen Mathematiker Alan Turing vor und "Selma" ist der erste große Film über Martin Luther King. Alle drei sind sehr gut, alle drei haben exzellente Hauptdarsteller - aus Großbritannien.

Quelle: n-tv.de

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