Kino

"Das Leben meiner Tochter" Dem Tod Sinn geben - was würdest du tun?

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Christoph Bach und Maggie Valentina Salomon bei der Premiere von "Das Leben meiner Tochter".

(Foto: imago images / Future Image)

Dieser Film ist überhaupt nicht kitschig. Der Zuschauer wird auch nicht verführt, sich auf eine Seite zu schlagen - die Frage "Was würdest du tun?" steht allerdings unablässig im Raum. Der Vater (Christoph Bach) würde, um das Leben seiner Tochter zu retten, buchstäblich über Leichen gehen. Die Mutter (Alwara Höwels), die viel kritischer fragt, wo denn ein gekauftes Spenderorgan überhaupt herkommen könnte, regt ebenfalls dazu an, sich selbst zu hinterfragen. Was tun, wenn die Welt droht zusammenzubrechen? Wie bei den Fabers: Jana ist ein lebensfrohes und aufgewecktes achtjähriges Mädchen, als im Familienurlaub plötzlich ihr Herz stehen bleibt. Sie überlebt, doch braucht sie dringend ein Spenderherz. Als nach einem Jahr auf offiziellem Weg noch immer kein passendes Organ gefunden ist, schwinden bei Vater Micha Geduld und Vertrauen. Gegen jegliche Warnungen der Ärzte und den Willen seiner Frau Natalie wendet er sich an einen illegalen Organhändler. Die Problematik des akuten Organmangels, die Steffen Weinert in seiner bewegenden Regiearbeit "Das Leben meiner Tochter" thematisiert, ist hochaktuell. Die Anzahl der OrganspenderInnen stagniert auf niedrigstem Niveau. Laut der "Deutschen Stiftung Organtransplantation" sterben allein in Deutschland statistisch gesehen jeden Tag drei Menschen, die auf der Warteliste stehen. Mit Christoph Bach spricht n-tv.de darüber, wie weit jeder von uns gehen würde. Oder zumindest glaubt, gehen zu können.

n-tv.de: Was war dieses Mal beim Dreh anders als sonst? Das Thema Organspende, vor allem in Verbindung mit einem Kind, ist ein wirklich hartes Thema. 

Christoph Bach: Das stimmt, es gab Drehtage mit sehr emotionalen und aufwühlenden Szenen. Das kann man anschließend nicht einfach abschütteln. Aber grundsätzlich war es uns wichtig, auch viele Momente zum Luftholen am Set zu schaffen. Maggie Valentina Salomon, die meine Filmtochter Jana spielt, ist auch ein sehr fröhliches Kind. Es war also nicht immer alles furchtbar ernst beim Dreh. Zudem gibt es ja auch hoffnungsvolle und leichtere Szenen im Film.

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Die oft von dem kleinen Mädchen ausgehen … 

Ja, während der über einjährigen Wartezeit auf das Spenderherz haben sich die Rollen manchmal vertauscht. So ist es oft Jana, die versucht, ihren Vater und ihre Mutter, gespielt von Alwara Höfels, zu trösten. Sie lebt stärker in der Gegenwart als ihre Eltern und beginnt, sich auf eigene Art und Weise mit den Fragen nach Leben und Tod zu beschäftigen. Dem Vater macht das Angst. Die Beschäftigung mit einem möglichen Tod seiner Tochter ist für ihn tabu.

Er will es nicht wahrhaben, verständlich …

Er kann sich schlicht nicht einrichten zwischen Hoffnung und Akzeptanz. Sein bisheriges Leben hat er als selbstbestimmt und planbar wahrgenommen. Es gab bisher keine Probleme, von denen er nicht dachte, sie gemeinsam mit seiner Familie schon irgendwie lösen zu können. Während der langen Wartezeit zur Untätigkeit verdammt zu sein, erlebt er somit als totalen Kontrollverlust. Einfach zu warten und zu hoffen, kommt ihm fast wie unterlassene Hilfeleistung gegenüber seiner Tochter vor.

Irgendwann geht es nicht mehr nur darum, auf ein Spenderorgan zu warten, sondern darum, es auf jeden Fall, egal wie, zu beschaffen. 

Ja, der Vater beschließt, sich - gegen den Willen seiner Frau und die Warnungen der Ärzteschaft - an einen illegalen Organhändler zu wenden. Das bringt ihn in einen großen moralischen Konflikt.

Dieser Film fragt den Zuschauer eigentlich in jeder Einstellung: Wie würdest du handeln? Denn man akzeptiert ja unglaublich schwer, dass man sich geschlagen geben muss. 

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"Sei nicht traurig, Papa, vielleicht bin ich im nächsten Leben eine Blume."

Die meisten Eltern sagen ja, sie würden alles für ihre Kinder tun. Die Eltern in unserem Film sind tragischerweise an den Punkt gekommen, an dem sie sich die entscheidende Frage tatsächlich beantworten müssen: Wie weit gehen wir, um das Leben unseres Kindes zu retten? Wir sehen, wie sich - vor allem bei dem Vater, den ich spiele - das moralische Wertesystem nach und nach verschiebt. Er beginnt kritische Nachfragen auszublenden und sucht nach immer neuen Rechtfertigungen für sein Handeln. Immer wieder überzeugt er sich selbst, das Richtige zu tun. Dabei ist er zu enormen Verdrängungsleistungen fähig.

Wie haben Sie sich in die Rolle hineinbegeben? 

Das war bei diesem Film vor allem ein gemeinsamer Prozess. Wir haben als Filmfamilie im Vorfeld viel Zeit miteinander verbracht. Es ging gar nicht so sehr darum, alles schon zu proben und festzulegen. Wir haben einfach viel gesprochen, miteinander gespielt und gegessen. Wir wollten einander vertraut sein, bevor die erste Klappe fiel. Bei mir hat aber auch schon das Lesen des Drehbuches viele Erinnerungen geweckt: Ich habe meinen Zivildienst in einer Kinderchirurgie gemacht. Dort habe ich Familienschicksale miterlebt, die denen im Buch ähneln. Etwa die langen Aufenthalte im Krankenhaus mit sehr wenig Privatsphäre oder das Gefühl des Ausgeliefertseins. Allerdings gab es auch sehr schöne und lustige Tage. Die Kinder sind neugierig und es entstehen Freundschaften untereinander. Sie stehen auch im Mittelpunkt und man kümmert sich um sie. Ich habe viele Menschen im Krankenhaus erlebt, die unglaubliche Arbeit leisten, empathisch sind und eine freundliche und vertraute Atmosphäre schaffen.

Hängt man, je älter man wird, immer mehr am Leben? 

Ich glaube, man wird sich der Endlichkeit bewusster. Das macht die Zeit noch kostbarer. 

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Kleines Mädchen - ganz groß!

(Foto: imago images / Future Image)

Maggie spielt unglaublich - wie findet man denn so ein tolles Mädchen? 

Die ist im wahren Leben zum Glück wahnsinnig fröhlich und ein großes Talent! Wir haben relativ lange gecastet und glücklicherweise spazierte irgendwann Maggie zur Tür herein - es hat einfach gepasst. Das ist ihr erster großer Auftritt in einem Film und es war sehr beeindruckend, zu sehen, wie sie diese schwierige Rolle gemeistert hat.

Alwara Höfels als Ihre Frau entwickelt sich zum Ihrem Konterpart. Sie starten gemeinsam als Eltern, dann geht jeder anderer Wege, weil es zwischen den Eheleuten eine andere Auffassung gibt, wie man mit einer illegalen Organspende umgehen würde. 

Ich glaube, es ist vor allem die Geschichte einer sehr schmerzhaften Entfremdung. Ab einem gewissen Punkt äußert sich ihre Sorge um die eigene Tochter auf sehr unterschiedliche Weise. Die beiden wollen sich eigentlich auf keinen Fall verlieren. Sie ringen zwar miteinander, wollen sich aber gegenseitig unbedingt vom eigenen Vorgehen überzeugen. Es war ein großes Geschenk, das zusammen mit Alwara Höfels herausfinden zu können. Sie spielt so präzise und aus dem Augenblick heraus. Man spürt, sie kennt sich einfach aus mit dem Leben.

Haben Sie sich privat gefragt, wie Sie handeln würden? Ich hatte zwischendurch das Gefühl, ich würde alles machen, um das Leben meiner Tochter zu retten, egal, ob es illegal ist oder nicht. 

Ich glaube, es ist sehr schwer zu beantworten, wie man letztendlich handeln würde. Aber sehr wahrscheinlich wäre ich auch zu Verzweiflungstaten fähig. Wirklich weiß man es wohl nur, wenn man konkret betroffen ist.

Es gibt Organhandel-Kriminalität - das ist bedrückend. 

Allerdings. Bedrückend sind auch Zahlen, die vielleicht vor Augen führen, warum es diesen illegalen Handel überhaupt gibt. In Deutschland beispielsweise warten derzeit fast 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Und vielen von ihnen wird nicht rechtzeitig eine passende Spende zur Verfügung gestellt werden können.

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Man will die Warnzeichen auch einfach übersehen, wenn man verzweifelt ist und mit einem Organhändler zu tun hat.

Haben Sie einen Organspendeausweis? 

Ja, ich habe einen. Ich weiß aber auch, dass diese Entscheidung eine sehr persönliche ist und vielen nicht leichtfällt. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass uns die Beschäftigung mit dem eigenen Tod oder dem möglichen Tod von Angehörigen einfach Angst macht. Deswegen neigen wir dazu, die Entscheidung aufzuschieben. Mir persönlich hat die Vorstellung geholfen, dem eigenen Tod einen Sinn zu verleihen, indem man vielleicht ein anderes Leben retten kann. Ich finde, das ist ein schöner Gedanke.

Mit Christoph Bach sprach Sabine Oelmann 

"Das Leben meiner Tochter" läuft ab dem 6. Juni im Kino. 

Quelle: n-tv.de

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