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Francois Ozon verfilmt Albert Camus"Der Fremde" und die Bedeutungslosigkeit des Seins

01.01.2026, 13:35 Uhr IMG-9942Von Nicole Ankelmann
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Meursault (Benjamin Voisin) fühlt nichts und sieht im Leben keinen Sinn. (Foto: Foz - Gaumont- France 2 Cinema)

Lange gilt "Der Fremde" von Albert Camus als unverfilmbar. Selbst Luchino Visconti scheitert 1967 daran. Nun hat sich Regisseur François Ozon des existenziellen Klassikers über den nihilistischen Algerienfranzosen Meursault angenommen und ihn radikal umgesetzt.

Vor mehr als acht Jahrzehnten erscheint Albert Camus' "Der Fremde" und damit eines der wichtigsten Werke der existenzialistischen Literatur. Bis heute ist der 160 Seiten umfassende Roman eines der meistgedruckten französischen Bücher seines Jahrhunderts. Bereits 1967 wagte sich mit Luchino Visconti einer der ganz großen Filmemacher an die Umsetzung des eigentlich als unverfilmbar geltenden Stoffs, damals mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle. Nach Einschätzung vieler Kritiker scheiterte er. Jetzt nimmt sich Regisseur François Ozon des Ganzen an und lässt den 29-jährigen Benjamin Voisin mit leerem Blick und ausdruckslosem Gesicht augenscheinlich über die Bedeutungslosigkeit des Seins sinnieren.

Wir befinden uns im Algerien der 1940er Jahre. Das schöne Leben ist den hierher ausgewanderten Europäern vorbehalten, während die indigene Bevölkerung Armut und Ausgrenzung erlebt. Archivmaterial gleich zu Anfang bettet die folgenden Ereignisse in den nicht unwichtigen Kontext des kolonisierten Nordafrikas dieser Zeit ein. Die Gemeinschaftszelle des Gefängnisses ist voll mit Arabern, als der ganz in Weiß gekleidete Franzose Meursault hineingeführt wird. Auf die Frage eines Mitinsassen nach dem Grund für seine Inhaftierung sagt er regungslos: "Ich habe einen Araber getötet". Bis auf wenige Ausnahmen erzählt der Film von diesem Punkt an chronologisch, wie es dazu kam.

Schon am Sarg seiner Mutter, an dem Meursault einige Jahre zuvor Totenwache hält, wirkt er apathisch, ist wortkarg und kaum bis gar nicht betroffen von dem Verlust. Als er am darauffolgenden Tag Marie (Rebecca Marder) kennenlernt, entwickelt sich zwischen den beiden alsbald eine intime Beziehung. Doch während Marie Gefühle für Meursault aufbringt, beschränkt sich die Sinnhaftigkeit ihres Beisammenseins für ihn allein auf das Körperliche. Das Wort "Liebe" kommt ihm nicht über die Lippen und auch gar nicht erst in den Sinn. Auf Maries Frage, ob ihm ein neues Leben in Paris nicht gefallen würde, antwortet er lapidar: "Ein Leben ist so gut wie das andere."

Geleitet von der Abwesenheit aller Gefühle

Es wird immer deutlicher, dass Meursault von der Welt selbst und jedweden Emotionen losgekoppelt agiert. Er reagiert nicht auf seinen Nachbarn Salamano (Denis Lavant), wenn dieser seinen Hund quält. Und auch die Gewaltausbrüche seines Kumpels Raymond (Pierre Lottin), der regelmäßig seine Freundin schlägt, gehen Meursault emotional nicht an, wenngleich die zu Beginn erwähnte Tötung eines Arabers damit in Zusammenhang steht. Doch wird Meursault bei dieser sinnlosen Tat nicht von Gefühlen geleitet, sondern von deren Abwesenheit. Der darauffolgende Prozess stellt diesen Umstand weiter aus, wenn Verteidiger (Jean-Charles Clichet) und Staatsanwalt (Nicolas Vaude) versuchen, hinter all dem Nihilismus und der Gleichgültigkeit seine Seele und sein Motiv zu ergründen. Spoiler: Es wird ihnen nicht gelingen.

François Ozon, bekannt für farbenprächtige Filme wie "Swimmingpool", "8 Frauen" und zuletzt "Wenn der Herbst naht", hat für "Der Fremde" nun auf körnige Schwarzweißbilder von Kameramann Manuel Dacosse gesetzt. So würde man bei der reinen Betrachtung des Films dessen Entstehungsjahr nicht zwingend auf 2024 schätzen. Inhaltlich hält er sich, abgesehen von einigen dramaturgischen Entscheidungen, recht strikt an die Literaturvorlage. Dem Ich-Erzähler in Camus' Roman kommt man emotional sicherlich näher, während beim Film-Meursault immer eine gewisse Unpersönlichkeit mitschwingt, die sich aus der objektiven Sichtweise auf ihn ergibt. Bis auf kurze Off-Stimmen-Momente muss sich der Zuschauer vieles aus Meursaults Innenleben selbst erschließen.

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Zumindest für Marie (Rebecca Marder) ist es Liebe. (Foto: Foz - Gaumont- France 2 Cinema)

Der Score stammt von der kuwaitischen Konzeptkünstlerin Fatima Al Qadiri und lässt im Zusammenspiel mit den atmosphärischen Bildern eine Gefühlsebene entstehen, die dem emotionslosen Protagonisten fehlt und sein indifferentes Verhalten konterkariert. Im Abspann läuft dann konsequenter-, aber auch überraschenderweise "Killing An Arab", jene 1979 erschienene Debütsingle von The Cure, die ebenfalls auf "Der Fremde" basiert, allerdings allzu oft missverstanden wurde. Genau wie Meursault die Welt missversteht und sie ihn - was den Kreis schließt.

"Der Fremde" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de

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