Kino

Kurosawa, Cowboys und "Star Wars" Ein Samurai erobert Hollywood

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Szene aus "Die sieben Samurai" von Akira Kurosawa aus dem Jahr 1954.

(Foto: imago stock&people)

"Die glorreichen Sieben", "Für eine Handvoll Dollar" und "Star Wars" sind Filmklassiker. Doch die Cowboys und Jedi waren ursprünglich Samurai - die Vorlagen stammen von Akira Kurosawa. Vor 60 Jahren drehte die Regie-Legende ihr Meisterwerk.

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Der Meister und seine Schüler: Kurosawa erhielt 1990 einen Oscar für sein Lebenswerk, George Lucas (l.) und Steven Spielberg (r.) waren dabei.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Am Ende kam das Geld aus Hollywood. Als japanische Studios davor zurückschreckten, weiterhin die teuren Filme von Akira Kurosawa zu produzieren, sprangen Steven Spielberg, George Lucas und Francis Ford Coppola ein. Sie co-produzierten den Samurai-Epos "Kagemusha", der ein großer Erfolg wurde, und sorgten dafür, dass auch sein Film "Träume" ins Kino kam.

Es war der Dank für einen Regisseur, der wie kaum ein anderer die junge Hollywood-Garde geprägt und beeinflusst hatte. "Ich habe mehr von ihm gelernt als von irgend einem anderen Regisseur", sagte Spielberg. Und Coppola attestierte dem Japaner, dass er nicht ein oder zwei Meisterwerke vorgelegt habe, sondern acht. Martin Scorsese brachte es auf den Punkt: "Akira Kurosawa war mein Meister."

207 Minuten, 3000 Mitwirkende

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Die sieben Samurai beschützen ein Dorf vor brutalen Schwertkämpfern.

(Foto: imago stock&people)

Vor 60 Jahren kam Kurosawas wohl größtes Meisterwerk in die Kinos: "Die sieben Samurai". Es ist ein Epos im wahrsten Sinne des Wortes: Die japanische Originalversion dauert 207, die deutsche Kinoversion immer noch 155 Minuten. Der Film gilt als einer der teuersten japanischen Produktionen mit 3000 Mitwirkungen und mehr als einem Jahr Drehzeit, wobei Kurosawa vor allem in den Kampfszenen drei Kameras gleichzeitig laufen ließ.

Doch der Aufwand lohnte sich: Der erste richtige Samurai-Film des Regisseurs gilt Experten heute nicht nur als bester japanischer Film aller Zeiten, er erregte auch international Aufsehen und befeuerte die US-amerikanische Begeisterung für Japans Kino - die Kurosawa selbst ausgelöst hatte. 1950 hatte er mit "Rashomon" die Filmwelt überrascht, die japanische Produktionen bis dahin kaum wahrnahm. Der Film gewann den Goldenen Löwen von Venedig und einen Ehren-Oscar. Mit "Die sieben Samurai" festigte Kurosawa nun seinen Ruf als Aushängeschild des japanischen Kinos - er wurde der erste asiatische Regisseur, der auch im Westen Erfolge feiern konnte.

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Sieben Freunde sollt ihr sein: "Die glorreichen Sieben" mit Cowboys statt Samurai.

(Foto: imago stock&people)

Zur Legende wurde "Die sieben Samurai" aber auch, weil er als Vorlage für einen US-Kinoerfolg diente: "Die glorreichen Sieben" von John Sturges, der 1960 in die Kinos kam. Beide Filme haben dasselbe Grundprinzip: Sieben zusammengewürfelte Söldner - einmal Samurai, einmal Cowboys - werden angeheuert, um Bauern vor einer Horde Banditen zu beschützen, die das Dorf regelmäßig angreifen und plündern. Eine so simple wie spannende Konstellation.

Erst Toshiro Mifune, dann Clint Eastwood

Überraschend kam die Adaption nicht. Das Sujet der Samurais faszinierte das westliche Publikum. Die Männer wussten nicht nur mit ihren Schwertern umzugehen, sie gehorchten auch einem uralten Ehrenkodex und waren damit die Blaupause für jene heroischen Cowboys, die das US-Publikum am liebsten sah. Mit Stars wie Yul Brynner, Eli Wallach, Steve McQueen, Charles Bronson und Horst Buchholz konnte eigentlich nichts schiefgehen - der Film wurde ein großer Erfolg.

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Toshiro Mifune als "Yojimbo", ...

(Foto: imago stock&people)

Kein Wunder, dass nun auch andere westliche Filmemacher das Potenzial der Samurai-Geschichten entdeckten. Martin Ritt adaptierte "Rashomon" als "The Outrage" mit Paul Newman, William Shatner und Edward G. Robinson. Der Italiener Sergio Leone drehte eine Adaption von Kurosawas Film "Yojimbo". Hatte in diesem noch Kurosawas beliebtester Hauptdarsteller Toshiro Mifune, der zusammen mit dem Regisseur zum internationalen Star aufgestiegen war, einen herrenlosen Samurai gespielt, gab in "Für eine Handvoll Dollar" Clint Eastwood den schweigsamen Revolverhelden - und begründete damit seine eigene Weltkarriere.

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... Clint Eastwood als schweigsamer Cowboy in "Für eine Handvoll Dollar".

(Foto: imago stock&people)

Von den heldenhaften Kämpfern der "Sieben Samurai" war hier aber nur noch wenig übrig. "Yojimbo" beeindruckte und verstörte durch seinen düsteren Ton und die Gewaltbereitschaft des Anti-Helden. Leone übernahm diese Elemente und begründete damit das Genre des Spaghetti-Westerns, der die heilen US-Western Staub fressen ließ. Allerdings führte "Für eine Handvoll Dollar" auch zu einem Rechtsstreit, weil Leone den Film unautorisiert kopiert hatte. Man einigte sich außergerichtlich und Kurosawa erhielt einen Anteil an den internationalen Kinoeinnahmen.

Dabei ließ sich auch Kurosawa von anderen Künstlern inspirieren. Bei "Yojimbo" soll es der Roman "Rote Ernte" von Dashiell Hammett gewesen sein, bei "Rashomon" war es eine Kurzgeschichte des japanischen Autors Akutagawa Ryunosuke, er adaptierte außerdem Dostojewski und Gorki. Der sehenswerte Samurai-Film "Das Schloss im Spinnwebwald" wiederum ist eine nach Japan verlegte Version von Shakespeares' "Macbeth". Diese Einflüsse sowohl aus dem westlichen als auch aus dem östlichen Kulturkreis sind typisch für Kurosawa. Sie begünstigten seine Rezeption in den USA und Europa, führten aber auch zu dem Vorwurf, Kurosawa, der einer alten Samurai-Familie entstammte, sei gar kein typisch japanischer Regisseur.

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Samurai, Jedi, eine Prinzessin - und Roboter (Szene aus "Star Wars V - Das Imperium schlägt zurück").

(Foto: imago stock&people)

Den jungen Filmemachern aus den USA und Europa dürfte das egal gewesen sein. Sie ließen sich von ihm maßgeblich beeinflussen und verehrten ihn zutiefst: von Scorsese und Coppola über Robert Altman und Roman Polanski bis zu Ingmar Bergman und Bernardo Bertolucci. Dass Kurosawas Geschichten sogar im Weltall funktionierten, bewies dann aber George Lucas. Dessen erster "Star Wars"-Film "Eine neue Hoffnung" von 1977 weist deutliche Parallelen zu Kurosawas "Die verborgene Festung" auf. Und Lucas bestätigte später selbst, dass der Film ein großer Einfluss gewesen sei.

Aus Gaunern werden Roboter

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Kurosawa, der einer Samurai-Familie entstammte, war für viele amerikanische und europäische Regisseure Vorbild und Inspiration.

(Foto: AP)

In dem Samurai-Film von 1958 müssen sich ein General (Mifune), eine Prinzessin und zwei tollpatschige Gauner, aus deren Perspektive der Film erzählt wird, gegen einen übermächtigen Feind behaupten. Lucas übernahm dabei nicht nur einzelne Szenen. Mit den Robotern C-3PO und R2-D2 kopierte er auch die zwei Gauner, durch deren Augen der Film erzählt wird und die für eine humorvolle Note sorgen. Ganz zu schweigen davon, dass der Jedi-Orden mit seinem Kodex und Lichtschwertern an die Samurai erinnert (und der Name sich angeblich vom japanischen Filmgenre Jidai-geki - Historienfilm - ableitet). 1980 versuchte übrigens der Film "Battle Beyond the Stars" das Konzept zu wiederholen: Er verlegte "Die Sieben Samurai" in den Weltraum.

Als "Star Wars" große Erfolge feierte, war Kurosawa allerdings in eine künstlerische und persönliche Krise geraten. Nach den Meisterwerken der 50er-Jahre drehte er einige Misserfolge. Da er dafür bekannt war, sein Budget zu überziehen (bei "Die Sieben Samurai" soll es dreimal so hoch wie veranschlagt gewesen sein), weigerten sich japanische Firmen, ihn weiterhin zu produzieren. So drehte Kurosawa in den 70er-Jahren nur zwei Filme. Nach dem Misserfolg des ersten versuchte er, sich umzubringen. Der zweite, "Uzala, der Kirgise", war eine sowjetische Produktion und erhielt den Auslands-Oscar.

Erst mit Hilfe seiner "Schüler" aus Hollywood gelang es Kurosawa, wieder Fuß zu fassen. Er drehte noch zwei glänzende Samurai-Filme - "Kagemusha", der die Goldene Palme von Cannes erhielt und "Ran" - sowie die ebenfalls sehr sehenswerten Dramen "Träume" (mit Scorsese in einer Minirolle), "Rhapsodie im August" (mit Richard Gere) und seinen letzten Film "Madadayo". 1990 erhielt er den Oscar für sein Lebenswerk, 1994 den Kyoto-Preis. Vier Jahre später starb Kurosawa an den Folgen eines Hirnschlags.

Quelle: n-tv.de

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