Kino

"Wir sind die Millers" Eine schrecklich nette Familie

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In die Ehe der Fitzgeralds (Nick Offerman und Kathryn Hahn) könnten die Millers sicher ein wenig Pep reinbringen!

(Foto: dpa)

Ein schräger Roadtrip: Familie Miller, ein zusammengewürfelter Haufen verlorener Seelen und noch unfamiliärer als die Bundys, versucht, Drogen in einem Camping-Bus über die mexikanische Grenze zu schmuggeln. Auf ihrer Reise fallen viele Schüsse, schmutzige Wörter, Vorurteile und Hüllen.

Ein Mann, Typ "Schmierlappen", aber mit freundlichen Augen, weichen Wangen und - für einen Drogendealer eher ungewöhnlich: Prinzipien.

Eine Frau, Typ "quirliges für-immer-Mädchen-von-nebenan", mit traurigen Augen, einer Menge Perücken und: einem sehr flotten Mundwerk. Nicht zu vergessen: Sie kann tanzen. An der Stange.

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Machen sich tatsächlich Sorgen um die Kinder: "Ehepaar" Miller.

(Foto: dpa)

Ein Junge, Typ "Loser" oder "Nerd von nebenan". Würde immer die Katzen seiner Nachbarn füttern, wenn sie verreist sind, ihm selbst reicht der Gedanke an einen Ausflug in den nächsten Park. Mädchen finden ihn zum Gähnen, er ist jedoch die Freundlichkeit in Person.

Ein Mädchen, Typ "Straßenköter", ein bisschen älter schon, um noch als Kind durchzugehen, aber noch zu jung, um sich aufgegeben zu haben. Gerät in Schlägereien und geht mit jedem nach Hause, der ihr ein Bett und eine Mahlzeit verspricht.

Diese vier Menschen also treffen aufeinander, um "die typische amerikanische Familie" abzugeben. Kann nur in die Hose gehen? Stimmt. Aber das sehr unterhaltsam, stellenweise allerdings auch ganz schön zotig.

Der Typ mit den Riesenhoden

Vielleicht bringt das "Milljöh" das mit sich. "Ich hatte mal wieder Lust, eine Komödie zu drehen", erzählt Regisseur Rawson Thurber, der mit "Voll auf die Nüsse" (2004, "Dodgeball: A True Underdog Story") großen Erfolg hatte. "Das Tollste an lustigen Filmen ist doch, zu beobachten, wie das Publikum reagiert. Wenn alles gutgeht, ist es das beste Gefühl, die anderen lachen zu sehen, wenn alles schiefgeht, dann lacht keiner und man möchte im Erdboden versinken. Deswegen wird mein nächster Film eine Action-Komödie sein. Wenn man mich lässt", so Thurber. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, denn der Film schneidet an den US-amerikanischen Kinokassen bisher sehr gut ab.

Wie ist er damit umgegangen, dass man von ihm erwartet hat, einen Blockbuster zu drehen? Denn nichts anderes brauchte die Kinoindustrie schließlich in diesem Sommer, in dem die meisten als Blockbuster angekündigten Filme (zum Beispiel "Lone Ranger") gefloppt sind. Er lacht: "So habe ich das noch gar nicht gesehen. Ich dachte bloß, man erwartet einen guten, witzigen Film von mir. Das ist ja eigentlich schon Druck genug, oder? Die Blockbuster-Sache an dem Ganzen übernimmt dann ja das Publikum." Sicher liegt das auch an den Darstellern: Jason Sudeikis ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Comedy-Autor und Stamm-Mitglied der "Saturday Night Live"-Show, zu Jennifer Aniston muss man nicht mehr viel sagen und Will Poulter ist zwar ein ernsthafter, junger Mann, hat aber wirklich viel Komisches: Darauf angesprochen, ob er Angst davor hat, sich auf die Rolle des trotteligen, aber liebenswerten Dussels festlegen zu lassen, antwortet er: "Nein, ich hoffe nicht! Vielleicht eher als der Typ mit den Riesenhoden?"

Vom Dealer zum Daddy

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Hatten eine Menge zu lachen: Will Poulter, Jennifer Aniston, Rawson Thurber (v.l.n.r.)

(Foto: imago stock&people)

Und darum geht's in "Wir sind die Millers": Der in der Großstadt und der Bedeutungslosigkeit seines Seins versunkene Marihuana-Dealer David (Jason Sudeikis) muss für seinen alten Schulfreund und Drogenboss Brad (herrlich: Ed Helms) einen fetten Schmuggelauftrag ausführen. Um harmlos zu wirken, braucht er dazu eine Frau an seiner Seite, und wer böte sich da besser an als Davids Nachbarin Rose (Jennifer Aniston), die ihren Stripper-Job satt hat? Für Geld würde sie zur Abwechslung Gattin und Mutter spielen. Auf der Straße greift David noch Ausreißerin Casey (Emma Roberts) auf, in seinem eigenen Hausflur findet er den "jüngeren Bruder" Kenny, einen scheuen, unbeholfenen und einsamen Teenager (Will Poulter), der das "Familienglück" komplett macht. "Ich liebe Kenny! Er hat so ein gutes Herz, er ist so ehrlich, soft, warmherzig und rein," erzählt Poulter im Interview über seine Rolle. "Er respektiert seine Mitmenschen."

Und warum neuerdings so deftig? Regisseur Rawson Thurber hat eine Erklärung dafür, warum es in US-amerikanischen Komödien in letzter Zeit nicht mehr ganz so jugendfrei zugeht: "Comedy verändert sich, spätestens alle fünf Jahre. Man muss tatsächlich sehr auf den Zeitgeist achten. Momentan sind nicht ganz so jugendfreie Komödien angesagt, und das liegt meiner Meinung nach daran, dass man heutzutage alles, aber auch alles, im Fernsehen bekommen kann. Das heißt, man muss sich fürs Kino schon ein bisschen mehr einfallen lassen."

Sehnsucht nach Familie im Jahre 2013

Rose also tauscht den String-Tanga und die platinblonde Stripper-Perücke gegen beige Caprihosen und einen blonden Pferdeschwanz ein. David trimmt die Haare auf Daddy, Casey legt den Nasenring ab und sich ein Teenager-kompatibles "All American Girl"-Lächeln zu und los geht's. Natürlich passiert vieles, was den Trip erschwert, und zugegeben: Es ist ein wenig vorhersehbar, was geschehen wird, und vielleicht müsste man auch die Weichteile von Sohn Kenny nicht zeigen, nachdem er von einer Tarantel gestochen wurde und die Dinger auf Honigmelonengröße angeschwollen sind nebst schlimmer Rötung. Doch Poulter sagt dazu nur: "Naja, es gibt Schöneres bei einem Dreh, zum Beispiel Jennifer Aniston und Emma Roberts zu küssen, aber es waren ja nicht meine (Weichteile). Es hat zweieinhalb Stunden gedauert, die Dinger anzubringen. Ich war froh, als die Szene im Kasten war."

Und auch der Herzschmerz, der einen erfasst, weil die Sehnsucht nach Familie doch allzu spürbar ist, ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber es ist nun mal eine US-amerikanische Komödie, und zwar keine mehr nach dem Strickmuster der typischen "Romantic Comedy", sondern eher im "Hangover"-Slang. Das muss man nicht gut finden, und für Pubertisten aller Art liefert die Sprache natürlich ein paar Vorlagen, die Eltern sich dann wochenlang anhören müssen: "Wir sind keine RICHTIGE Familie!"

Wie fast immer gilt auch hier: Wer es kann, sollte den Film im Original sehen, denn der typische Roadtrip-Movie-Witz erschließt sich in der deutschen Sprache einfach nicht komplett. Und in einer Zeit, in der über "Feuchtgebiete" in Bezug auf Körperflüssigkeiten genauestens in Buch- und Filmform Auskunft gegeben wird, kann die eine oder andere Anzüglichkeit (zum Beispiel, wenn die neuen "Freunde" der Millers, Familie Fitzgerald, einen flotten Vierer planen) wie die Sprüche der Hausfrauen, die sich über kleine Vaginas und große Brüste austauschen, nicht mehr wirklich schocken.

"Wir sind die Millers" läuft ab 29. August in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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