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"In eisigen Höhen": Michael Kelly spielt Jon Krakauer.
"In eisigen Höhen": Michael Kelly spielt Jon Krakauer.(Foto: © Universal Pictures)
Donnerstag, 17. September 2015

Anruf aus der Todeszone: "Everest" holt den Berg ins Kino

Von Martin Morcinek

Drama am Everest: In atemberaubenden Kamerafahrten erzählt Regisseur Kormákur eine herzzerreißende Geschichte vom Überlebenskampf am höchsten Berg der Welt. "Everest" rollt die Ereignisse von 1996 neu auf - mit Weltstars und in 3D.

Im fernen Himalaya ragt ein gewaltiger Gipfel in den Himmel: Seit Generationen schlägt der Mount Everest, der höchste Berg der Welt, Menschen aus allen Himmelsrichtungen mit unheimlicher Anziehungskraft in seinen Bann - einfach, "weil er da ist", wie Bergsteigerlegende George Mallory einst erklärte.

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Die Dimensionen sind wahrhaft übermenschlich: Die Gipfelpyramide des Everest ragt fast neun Kilometer in die Erdatmosphäre empor. Wer sich bis in diese Höhe wagt, mutet seinem Körper extreme Bedingungen in einer lebensfeindlichen Umgebung zu. Beim Aufstieg zum Gipfel herrscht oft eisige Kälte. Die Luft ist so dünn, dass es gerade noch so zum Atmen reicht. Oft brechen heftige Stürme über den Gipfelgrat herein. Wer hier an der Grenze zwischen Nepal und Tibet zu lange oben bleibt, ist ohne zusätzlichen Sauerstoff unweigerlich verloren.

Erst 1953 setzten zum ersten Mal zwei Menschen ihren Fuß auf den Gipfel in einer Höhe von 8848 Metern - und kehrten als Helden ins Basislager zurück. Jahrzehnte später schwillt die Zahl der Ehrgeizigen und Wagemutigen von Saison zu Saison immer weiter an. Das Höhenbergsteigen wird zum Geschäft. Der Tourismus erobert die "Todeszone", wie Mediziner die Bereiche jenseits der 8000-Meter-Marke nennen.

Das Unheil nimmt seinen Lauf: Im Jahr 1996 wird der Mount Everest - der größte unter den 14 Achttausendern der Erde - unvermittelt Schauplatz für einen tragischen Kampf auf Leben und Tod. Beim Abstieg vom Gipfel geraten zwei rivalisierende Expeditionsteams in einen Sturm. Fünf Menschen verlieren auf der Südroute ihr Leben.

Letzte Grüße eines Sterbenden

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Im Schatten des Everest entsteht eine ebenso tragische wie bizarre Lage: Über Funk müssen die Team-Mitglieder im Tal mit anhören, wie Rob Hall, einer ihrer besten Bergführer eine ganze Nacht lang am Gipfelgrat gegen das Unmögliche ankämpft. Kurz bevor er in eisigen Höhen stirbt, gelingt es dem Basislager noch, via Satellitentelefon eine letzte Verbindung zu seiner schwangeren Frau in Neuseeland herzustellen. Dort, am anderen Ende der Welt, dringen Halls letzte Worte vom Gipfel des Everest aus dem Hörer.

"Schlaf gut, mein Schatz. Mach' dir bitte nicht zu viele Sorgen", soll Rob Hall gesagt haben, bevor er für immer verstummte. Rob Halls Geschichte ist der Ausgangspunkt, um den sich das Bergsteiger-Drama "Everest 3D" in bildgewaltiger 3D-Technik und leindwandfüllenden Landschaftsaufnahmen kreist und entfaltet.

Der Streifen in Starbesetzung - unter anderem mit dabei sind Jason Clarke in der Rolle des Rob Hall, Jake Gyllenhaal als Scott Fisher und Keira Knightley als Halls Frau - ist der erste abendfüllende Spielfilm zur Tragödie am Mount Everest. Zugleich ist "Everest 3D" aber bei Weitem nicht die erste Veröffentlichung zum Leben und Sterben am Mount Everest.

Everest 3D

Der isländische Regisseur Baltasar Kormákur erzählt in "Everest 3D" die wahre Geschichte zweier Expeditionen. Im Mai 1996 brechen mehr als 30 Alpinisten auf zum Gipfel und werden beim Abstieg von einem plötzlichen Wetterumschwung überrascht. Das Drama nimmt seinen Lauf.

In den Hauptrollen (u.a.): Jake Gyllenhaal, Keira Knightley, Jason Clark, Josh Brolin, Michael Kelly, Robin Wright, Emily Watson, Sam Worthington, Mica Hauptmann, Ingvar Eggert Sigurdsson

Deutscher Filmstart: Donnerstag, 17. September 2015

(Mehr zum "Mythos Mount Everest" in der n-tv.de Zeitreise unten)

Auslöser einer medialen Lawine

Tatsächlich hat das Unglück von 1996 eine ganze mediale Lawine an Wortmeldungen, Artikeln und Büchern ausgelöst. Immer im Zentrum steht dabei die Frage, welche Fehler, Verwicklungen und tragischen Fehleinschätzungen zum Tod von Halls Kollegen, Kunden und Rivalen führte.

Mittlerweile zählt die Tragödie rund um die Rivalität der beiden Expeditionsanbieter "Adventure Consultants" und "Mountain Madness" sogar zu den mit Abstand am besten dokumentierten Katastrophen in der Geschichte des Bergsteigens. Bereits wenige Wochen später erschien ein fesselnder Bericht, der sich unter dem Titel "Into Thin Air" (deutsch: "In eisigen Höhen") zum Weltbestseller entwickeln sollte.

Autor ist der Journalist Jon Krakauer. Er war im Mai 1996 im Auftrag des US-Magazins "Outdoor" mit am Gipfel und zählt zu den wenigen Augenzeugen, die das Unglück aus nächster Nähe erlebten. Seine Rolle im Film übernimmt "House of Cards"-Star Michael Kelly. Die Frage nach Schuld und Verantwortung ließ Krakauer nicht los.

Kurz darauf veröffentlicht Himalaya-Veteran Anatoli Boukrejew, im Film dargestellt von Ingvar Eggert Sigurdsson, eine scharfe Antwort auf Krakauers Vorwürfe. Der Streit zwischen den beiden prominenten Bergsteigern zog sich über Jahre. Nebenbei brachte das Unglück einen dritten Bestseller hervor: Beck Weathers, ein Mediziner aus Texas, erzählt in "Left for Dead" (deutscher Titel: "Für tot erklärt") seine ganz eigene Geschichte von der "Rückkehr vom Everest". Er überlebte - wenn auch grausam verstümmelt - wie durch ein Wunder das medizinisch nahezu Unmögliche: eine Sturmnacht in der Todeszone.

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Im Nachhinein betrachtet, wirkt das Unglück von 1996 allerdings nur wie ein Vorbote für weitaus schlimmeres Unheil: Im April 2014 brach in Sichtweite des Basislagers eine Eislawine über die Zustiegswege herein und tötete auf einen Schlag 16 einheimische Bergführer.

Im Mai 2015 erschütterte ein gewaltiges Erdbeben die gesamte Region. In Schuttlawinen und einstürzenden Gebäuden starben mehr als 9000 Menschen, Zehntausende erlitten Verletzungen. Über Wochen waren ganze Täler von der Außenwelt abgeschnitten. Bis heute hat sich Nepal noch nicht von den Folgen erholt.

Neben diesen Katastrophen droht die Tragödie von 1996 mit fünf Toten zu verblassen. Und: Beinahe jedes Jahr kommen am Mount Everest Menschen zu Tode. Was genau also macht jene verhängnisvollen Ereignisse im Frühjahr 1996 so besonders?

Der Mount Everest galt lange Zeit als der "dritte Pol" der Erde, als letzte große Herausforderung für Abenteuer, Extremsportler und Entdecker. "Everest 3D" macht den Berg zur Bühne: Im Rampenlicht steht nicht etwa der Gipfel, sondern die komplexen Wechselwirkungen zwischen Menschen, die sich einer außergewöhnlichen Herausforderung am Rand und jenseits ihrer Kräfte stellen.

Rückblick in den Bergsport der Neunziger

In außergewöhnlicher Detailtreue bemüht sich Regisseur Baltasar Kormákur um eine authentische Darstellung: Erfahrene Bergsteiger zum Beispiel können sich auf ein Wiedersehen mit Ausrüstung und Ausstattung in den längst vergessenen Farbtönen der Outdoor-Mode in der Mitte der 1990er-Jahre freuen - bevor es mit grimmiger Miene weiter bergauf geht. Auch die imposante Landschaft des Himalaya kommt nicht zu kurz: Bis auf die Szenen in der Todeszone selbst wurden viele Einstellungen mit großem Aufwand vor Ort in Nepal gedreht.

Für Zuschauer allerdings, die weder mit der Vorgeschichte, noch mit den Bedingungen an einem Achttausender vertraut sind, könnte die zweite Hälfte des Films durchaus etwas lang werden. Um die Geschichte bis zu ihrem ergreifenden Ende zu erzählen, braucht "Everest 3D" volle zwei Stunden. Immerhin bleibt damit genug Raum, dass Stars wie Keira Knightley ihre schauspielerisches Talent voll zur Geltung bringen können.

So entsteht knapp 20 Jahre nach dem Unglück ein neues Bild von den Abläufen am Berg. Dabei ist der Film selbst dank eines bemerkenswerten Zusammentreffens eng mit seiner Vorlage, der "wahren Begebenheit", verknüpft: Neben Bergführer Rob Hall und seinen Kunden kämpfte sich im Mai 1996 zufällig ein komplett ausgestattetes Filmteam Richtung Gipfel.

Tourismus als Wiederaufbauhilfe?

In jenem schicksalhaften Jahr drehte Höhenbergsteiger David Breashears mit den Kameras des Imax-Teams eine Everest-Dokumentation, die später dem Ima-Format zum internationalen Durchbruch verhelfen sollte. Bis heute zählt "Everest - Gipfel ohne Gnade" zu den größten Kassenerfolgen unter den Imax-Filmen. Breashears Name wiederum taucht auch im Abspann von "Everest 3D" auf - diesmal allerdings als Co-Produzent und Berater.

Die Erdbeben-Katastrophe in Nepal bringt auch den Zeitplan von "Everest 3D" ins Wanken. Lässt sich diese Geschichte jetzt noch erzählen? Breashear und Regisseur Kormákur halten am geplanten Veröffentlichungstermin fest - auch, weil sie an eine positive Wirkung eines Himalaya-Spielfilms im 3D-Format glauben. Die faszinierenden Bilder aus dem Khumbu-Tal könnten die Faszination Everest wiedererwecken, lautet die Hoffnung - und damit vielleicht auch den Menschen in Nepal lebenswichtige Einnahmen aus dem Trekking- und Bergsteiger-Tourismus sichern.

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Quelle: n-tv.de