Kino

"Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt" Genau der Film, den Assange nicht haben wollte

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Gute Rolle, schlechtes Drehbuch: Benedict Cumberbatch als WikiLeaks-Sprecher Julian Assange.

(Foto: Constantin Film Verleih GmbH)

Die Enthüllungsplattform und ihr Sprecher Julian Assange - eigentlich ist das eine hochspannende Geschichte. Doch der Streifen "Inside WikiLeaks" verzettelt sich in vielen Details und wenig Haltung. Was bleibt? Die Ahnung, dass WikiLeaks unser Informationszeitalter für immer verändert hat.

Es gibt eine Szene im Spielfilm "Inside WikiLeaks", da wird Julian Assange (Benedict Cumberbatch) von einem Journalisten nach "diesem WikiLeaks-Film" gefragt. Nach dem Film also, den wir hier gerade sehen. "Ach", sagt Assange da, "der ist doch voller Lügen. Es ist doch eher ein Anti-WikiLeaks-Film".

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Lebt noch immer in Ecuadors Botschaft in London: der "echte" Assange.

(Foto: REUTERS)

Hier überlagern sich Wirklichkeit und Fiktion, für einen kurzen Moment fallen Ereignis und Erzählung zusammen, wie es nur in Filmen geschehen kann, die von der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit erzählen. Es ist einer der spannendsten Momente des Films.

Wie das nachgestellte Interview andeutet, reagiert der echte Julian Assange, Netzaktivist und Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, wütend und ablehnend auf den Film, so wie auf fast alles, was über ihn und seine Organisation verbreitet wird. In den letzten Jahren scheint er sich vom Kämpfer für Transparenz zum Wächter seiner eigenen Geheimnisse entwickelt zu haben.

"Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt" kommt in die Kinos, während Assange weiter in der ecuadorianischen Botschaft in London ausharrt. In sie war er im Juni 2012 geflüchtet, um einer Abschiebung nach Schweden zu entgehen, wo er wegen Sexualdelikten angeklagt werden soll.

Assange wettert

Schon im Januar, zu Beginn der Dreharbeiten, bezeichnete Assange den Film als "Propaganda-Angriff gegen WikiLeaks". Vor einigen Wochen dann wurde eine E-Mail öffentlich, die Assange dem britischen Schauspieler Benedict Cumberbatch geschrieben hatte, der ihn im Film verkörpert. Darin bat Assange den Schauspieler inständig, die Rolle nicht zu übernehmen, da der Film zweifellos ein verzerrtes, negatives Bild von ihm und WikiLeaks zeichnen werde - schließlich basiere er auf den zwei "vergiftetsten" Büchern, die es über WikiLeaks gebe.

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Vom Rennfahrer in "Rush" zum Computer-Freak: Daniel Brühl als Daniel Domscheit-Berg.

(Foto: Constantin Film Verleih GmbH)

Die Bücher sind "WikiLeaks: Inside Julian Assange's War on Secrecy" von den britischen Journalisten David Leigh und Luke Harding sowie "Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt" von Daniel Domscheit-Berg. Der Deutsche Domscheit-Berg hat jahrelang mit Assange bei WikiLeaks zusammengearbeitet, sich 2010 aber mit ihm überworfen und seine eigene Enthüllungsplattform gegründet.

Dieses Vorspiel lässt zumindest auf einen kontroversen Film hoffen, der eine Haltung hat und eine bestimmte Sichtweise bietet. Der fertige Film wirkt aber eher unentschlossen. Regisseur Bill Condon und Drehbuchautor Josh Singer scheinen mehr an Vollständigkeit denn an Interpretation interessiert.

Die Handlung setzt ein, als sich Assange und Daniel Domscheit-Berg (damals noch Daniel Berg, verkörpert von Daniel Brühl) im Jahr 2007 kennenlernen. Der Zuschauer wird Zeuge erster Enthüllungen, unter anderem über die Schweizer Bank Julius Bär. Er sitzt Club Mate trinkend mit Assange und Berg in Berliner Kneipen am Computer, begleitet die beiden zu diversen Internet-Konferenzen und auch nach Island, wo das Projekt WikiLeaks in der Abgeordneten Birgitta Jónsdóttir eine seiner größten Fürsprecherinnen findet. Höhe- und Endpunkt des Films sind die Veröffentlichungen der afghanischen Kriegstagebücher, die im Juli 2010 zeitgleich auf WikiLeaks und, editiert und kommentiert, im "Spiegel", dem "Guardian" und der "New York Times" erschienen. Über die Frage, wie diese Dokumente veröffentlicht werden sollen, zerstreiten sich Assange und Domscheit-Berg.

Das Kino sieht ganz schön alt aus

Zwischendrin gibt es immer wieder fast rührend anmutende Versuche, das World Wide Web in Kinobilder zu bannen: Mal sitzen Assange und seine Helfer an zahllosen Schreibtischen in einem Großraumbüro, mal gleiten Papierflieger durch einen unendlich großen Raum. Dem alten Medium Kino ist es schon immer schwergefallen, die neuen Medien darzustellen.

Der Film rast durch die Ereignisse, als müsse er eine lange Liste abarbeiten. In all dem Kleinklein kristallisiert sich aber doch zumindest eine wichtige Ahnung heraus: dass WikiLeaks eine der bisher bedeutendsten Einrichtungen des neuen Jahrtausends ist, die das Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten und die Exklusivität von Wissen nachhaltig beeinflusst - eine fünfte Gewalt, die sich neben der Presse etabliert.

Auch wichtige Fragen werden zumindest aufgeworfen: Was bedeutet es, wenn Regierungen ihre Bürger systematisch belügen? Reicht es, geheime Dokumente einfach zu veröffentlichen, wie WikiLeaks es tut, oder sollten sie vorher auf Echtheit überprüft und redigiert werden, um Menschenleben nicht zu gefährden?

In Erinnerung bleiben wird "Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt" aber wahrscheinlich vor allem für die schauspielerischen Leistungen. Daniel Brühl, der kürzlich erst als Niki Lauda in "Rush" zu sehen war, ist endgültig im internationalen Filmgeschäft angekommen. Und Benedict Cumberbatch spielt Assange brillant auf Messers Schneide zwischen Weltverbesserer und egozentrischem Größenwahnsinnigen, ambivalent und undurchschaubar. Mal möchte man ihn beschützen, im nächsten Moment schon wieder ohrfeigen. Den Darstellern hätte man wirklich ein besseres Drehbuch gewünscht.

"Inside WikiLeaks - Die fünfte Gewalt" läuft ab dem 31. Oktober in den deutschen Kinos

Quelle: ntv.de