Kino

Food-Komödie "Kiss the Cook" Für die einen Porno, für die anderen nur fettig

Der gute alte Imbisswagen erlebt auch in Deutschland ein Hipster-Revival als Food Truck. Mit "Kiss the Cook" setzt Regisseur Jon Favreau dem Trend ein filmisches Denkmal. Das schmeckt allerdings mehr nach Midlife-Crisis als nach Kimchi Quesadillas.

Nennen wir das Kind hier mal beim Namen: Food Trucks sind nichts anderes als ordinäre Imbisswagen und die wurden schon in den 1970er-Jahren mit den "Drei Damen vom Grill" dramaturgisch verwurstet. Lustigerweise ist das kulinarische Gefährt in Jon Favreaus Komödie "Kiss the Cook" ebenfalls mit einem Trio besetzt. Ansonsten wollen die heutigen Gourmet Food Trucks nicht mehr viel mit den altbackenen Pommes-Bratwurst-halbes-Hähnchen-Vorgängern gemein haben. Ihre Betreiber verstehen sich als kreative Küchenchefs und ihr Gefährt als rollendes Geschmackslabor.

Food Trucks sind manchmal auch ein bewusster basisdemokratischer Gegenentwurf zu Sterne-Restaurants und dem Kult um Küchengötter wie Thomas Keller, Ferran Adrià, Heston Blumenthal oder René Redzepi. In deren Tempeln der Kulinarik nehmen Gäste während stundenlanger Degustationsmenüs Dutzende von perfekten Mini-Kreationen zu sich, die weniger Nahrung denn Lebensphilosophie sind. Zwischen den Gängen wird oft ein sogenannter Palate Cleanser verabreicht, der die Geschmacksknospen neutralisiert und erdet. Das war in gewisser Weise auch die Funktion von "Kiss the Cook" für Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Jon Favreau.

Sous-vide statt Superhelden

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Was gibts denn heute Leckeres?

(Foto: dpa)

Das einstige Indie-Nachwuchstalent war als Regisseur mit "Iron Man" Teil eins und zwei urplötzlich in die erste Blockbuster-Liga Hollywoods hochgeschossen. Irgendwann brauchte der "Avengers"-Produzent mal dringend eine Auszeit. Anstatt sich einen Midlife-Crisis-Privatjet zuzulegen, ging er lieber zur Kochschule und drehte einen vergleichsweise kleinen Film über einen Starkoch in der Schaffenskrise - mal abgesehen von Gastauftritten seiner "Avengers"-Freunde Robert Downey Jr. und Scarlett Johansson.

Carl Casper war einst ein gefeierter Rebell am Herd. Seine Kreativität wird aber von seinem Arbeitgeber (Dustin Hoffman) ausgebremst, der lieber auf die verkaufssicheren Klassiker setzt. Als ein Restaurantkritiker (Oliver Platt) Casper deshalb eine vernichtende Note gibt, rastet der frustrierte Koch aus und wird gefeuert. Ermutigt von Ex-Frau Inez (Sofia Vergara) treibt Carl im sonnigen Miami einen alten Imbisswagen auf und richtet ihn mit Hilfe seines entfremdeten Sohnes Percy (Emjay Anthony) wieder her. Gemeinsam mit Koch Martin (John Leguizamo) begeben sich Vater und Sohn auf einen kulinarischen Road Trip durch die USA. Nebenbei werden sie zu Stars bei Twitter und Vine, vor allem aber kommen sie sich durch das Essen wieder nahe.

Favreau hat sich mit Roy Choi einen der Begründer der Food-Truck-Bewegung als Berater an Bord geholt. Der klassisch ausgebildete Koch war 2008 mit der Idee eines koreanischen Tacos in Los Angeles zum Star aufgestiegen. Choi verbreitete den aktuellen Standort seines Kogi BBQ Trucks über das damals noch neue Medium Twitter, was nicht selten zu einem Flashmob hungriger Fans führte.

Hier kommt das Vögelchen

Favreau hat sich stark von Chois Karriereweg beeinflussen lassen, hinkt dabei aber nicht nur einem Trend hinterher. Fast wirkt es manchmal, als habe Favreau den Film vor sieben Jahren gedreht und jetzt erst aus der Schublade geholt. Der Regisseur verwendet derart viel Zeit darauf, den Gebrauch von Twitter zu erklären (ja, Tweets und SMS sind nicht dasselbe), dass man sich schon fragen könnte, unter welchem Stein er hervorgekrochen ist oder ob er den Film für vermeintlich technikferne Best Ager gedreht hat.

Auch das kulinarische Angebot seines Imbisses ist mit gegrillten kubanischen Sandwiches vergleichsweise altbacken - weit entfernt von Chois Fusion-Klassiker Kimchi Quesadillas oder Erdnuss-Schokoriegeln mit Sriracha. Selbst beim Food-Porn-Faktor springt Favreau trotz aller Bemühungen etwas kurz. Mal abgesehen vom Zwischenstopp beim legendären Franklin Barbecue im texanischen Austin gibt es in jeder beliebigen Folge von "Top Chef" oder "Masterchef Australia" sehr viel mehr visuelle Geschmacksexplosionen.

Vielleicht hätte Favreau besser daran getan, die Hauptrolle mit einem anderen Schauspieler zu besetzen. So wie er ihn verkörpert, kommt Carl Casper als ziemlich selbstgerechte, beleidigte Leberwurst rüber. "Kiss the Cook" ist trotz aller Foodie-Versprechungen letztlich eine Midlife-Crisis-Aussteiger-Komödie (Favreau hat sich auch erst mal eine Affäre mit der 18 Jahre jüngeren Johansson ins Drehbuch geschrieben), in der das Kochen stellvertretend für die Rebellion gegen das satte Establishment steht. Sein eigener Ausbruch währte im Falle Favreaus nur kurz. Unmittelbar nach den Dreharbeiten war er als ausführender Produzent schon wieder mit dem Marvel-Allerlei "Avengers 2: Age of Ultron" zugange.

"Kiss the Cook – So schmeckt das Leben" kommt am 28. Mai in die deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de