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Die Iden des März und die Praktikantin George Clooney suhlt sich im Schmutz

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Können diese Augen lügen? Ja, können sie! Mike Morris ist Polit-Profi.

(Foto: Saeed Adyani)

Können diese Augen lügen? Wenn Präsidentschaftskandidat Mike Morris spricht, jubeln die Menschen dem Idealisten zu. Auch Stephen Meyers gehört zu seinen Fans. Wäre da nicht die Sache mit der Praktikantin. "The Ides of March" von Regisseur Clooney zeigt, wie schnell Idealismus in die Brüche geht. Und wie beängstigend gut Schauspieler Ryan Gosling ist.

Die Iden des März, 44 Jahre vor Christi Geburt. Caesar hat alle Warnungen in den Wind geschlagen. Am Ende liegt er erstochen im römischen Senat. Verraten auch von einigen seiner Vertrauten. Ganz so blutig geht es in "The Ides of March – Tage des Verrats" nicht zu, dafür aber viel zynischer. George Clooney gelingt mit seiner vierten Regiearbeit ein spannender Einblick in das schmutzige Politikgeschäft der USA, wenn er sich auch mit seiner Kritik zurückhält.

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Meyers glaubt an die Ideale seines Kandidaten.

(Foto: Saeed Adyani)

Der Schauspieler Clooney ist für seine Wechsel zwischen Komödie, Liebesfilm und politischem Drama bekannt. Auch als Regisseur legte er mit "Good Night, and Good Luck" über die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära und "Ein verlockendes Spiel", einer Liebeskomödie aus der Anfangszeit des Profi-Footballs, zuletzt überaus unterschiedliche Werke vor.

Nun folgt mit "The Ides of March" (der deutsche Verleih scheiterte offenbar an der Übersetzung) die filmische Umsetzung des Theaterstücks "Farragut North" von Beau Willimon. Der Titel des Theaterstücks ist ein Insiderbegriff – es geht um eine U-Bahn-Station in Washington D.C., in deren Nähe sich viele Beraterfirmen, Lobbyisten und Think Tanks angesiedelt haben. Sie alle wollen die große Politik beeinflussen. Einfluss und Macht, Loyalität, Integrität und Idealismus: Darum geht es in "The Ides of March".

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Molly engagiert sich im Wahlkampf ...

(Foto: Saeed Adyani)

Im Mittelpunkt steht Stephen Meyers, dargestellt von Ryan Gosling ("Blue Valentine", "Half Nelson"). Meyers arbeitet im Wahlkampfteam von Gouverneur Mike Morris (mit überzeugendem Unschuldsblick: Clooney). Der idealistische Demokrat will ins Weiße Haus einziehen, im Weg steht ihm derzeit der parteiinterne Rivale Pullman. Morris' Chancen stehen dennoch gut, jedenfalls scheint es so. Man bereitet sich voller Hoffnung auf die Vorwahl in Ohio vor. Es ist März.

Ideale und Verrat

Das aufstrebende Polittalent Meyers glaubt an seinen Kandidaten, an seine Ideen, an seine Visionen. Morris wiederum macht den Anschein einer ehrlichen Haut. Perfide Tricks seines Wahlkampfleiters Paul Zara (immer wieder glänzend: Philip Seymour Hoffman) oder Hinterzimmer-Deals mit anderen Politikern lehnt er ab. Doch dann bringen zwei Ereignisse Meyers Leben, seine Karriere und seine Überzeugungen durcheinander.

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... und stellt sich auch mit ihrem Vorgesetzten Meyers gut.

(Foto: Saeed Adyani)

Einerseits landet er im Bett mit Praktikantin Molly Stearns (Evan Rachel Wood – "The Wrestler"), die erschreckendes über den Kandidaten zu berichten weiß. Andererseits bekommt Meyers einen Anruf vom Wahlkampfmanager des Konkurrenten. Tom Duffy (perfide gut: Paul Giamatti) erklärt ihm, dass Morris bereits gescheitert sei – und er bietet ihm einen Job an. Tatsächlich sinken Morris' Umfragewerte, die Presse macht Druck. Meyers gerät in die Zwickmühle. Nun muss er sich zwischen Loyalität und Verrat entscheiden, zwischen Idealismus und Zynimsus. Und er ahnt, dass er ohne die schmutzigen Spiele untergehen wird.

Film um vier Jahre verschoben

"The Ides of March" war bereits für 2008 geplant. Aber – so stellen es die Produzenten dar – der zynische, pessimistische Ton des Films passte nicht so recht zur Hoffnung, die der Wahlerfolg von US-Präsident Barack Obama auslöste. Vier Jahre später macht sich Ernüchterung breit und ein Film über Verrat, verlorene Ideale und Käuflichkeit in der Politik scheint gerade richtig zu kommen.

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Krisensitzung: Morris mit Wahlkampf-Leiter Zara und Meyers.

(Foto: Saeed Adyani)

Dabei braucht man eigentlich keinen Kinofilm, um zu erkennen, wie schmutzig und korrupt es im Politikgeschäft zugeht. Da reicht die Realität. Zumal "The Ides of March" nicht tief genug in dieses komplexe Gestrüpp aus Interessengruppen, Intrigen und Konspiration eindringt, um gänzlich zu überzeugen. Der Film wühlt nicht tief genug im Dreck. Teils besser dargestellt wird dies in dem ganz ähnlich gelagerten Film "Mit aller Macht – Primary Colors" von Mike Nichols aus dem Jahr 1998. Da spielt John Travolta einen anfänglich idealistisch wirkenden Bill-Clinton-Verschnitt. Ein Wahlkampf-Mitarbeiter entdeckt jedoch – wen wundert's – seine schmutzige Seite.

Beide Filme eint auch die – gerade im Hinblick auf die anstehenden Wahlen in den USA – spannende Darstellung der Wahlkampf-Strategien, der Tricks und Kniffe der Polit-Profis. Wie wird auf Vorwürfe reagiert, wie winden sich die Kandidaten in Skandalen und Affären, wie machen sie gute Miene zum bösen Spiel, wie spielen sie mit den Medien und wer hat am Ende die geschicktere Wendung auf seiner Seite?

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Clooney will in Zukunft öfter hinter die Kamera treten, statt davor.

(Foto: Saeed Adyani)

Hier liegt die Stärke von "The Ides of March". Denn Clooney will nicht nur die Geschichte eines Verrats erzählen, sondern auch zeigen, wie hart dieses Geschäft ist, wie katastrophal selbst kleinste Fehler bestraft werden und wie schwierig es ist, dabei seinen Idealismus zu bewahren. Kürzlich kritisierte er denn auch, dass an Politiker viel zu hohe Maßstäbe angelegt würden.

Clooney gelingt ein guter Film und ein glaubwürdiges Stück über Moral. Je tiefer Meyers fällt, desto spannender wird es, auch wenn das Skript ein paar Lücken aufweist. Mehr als ausgeglichen wird das jedoch durch das starke Ensemble. Je mehr sich der Film dem Ende nähert, desto stärker, geradezu beängstigend gut wird Gosling. Seine Präsenz trägt den Film, seine Ausstrahlung steht der seiner etablierten Kollegen in nichts nach. Hoffman und Giamatti wiederum liefern sich einen hochkarätigen Kampf um den Titel des geschicktesten Wahlkämpfers. Allein deswegen macht diese Schlammschlacht Spaß.

Quelle: ntv.de