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"Ihr Name ist Petrunya" "Gott existiert": Eine Frau, ein Kreuz, ein Eklat

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Wegen eines "gestohlenen" Kreuzes wird Petrunya das Leben zur Hölle gemacht.

(Foto: picture alliance/dpa)

In einem kleinen Ort in Nordmazedonien kommt es zum Skandal: Petrunya bringt bei einer religiösen Zeremonie den männlichen Pöbel gegen sich auf. Das bereits mehrfach ausgezeichnete Drama "Gott existiert, ihr Name ist Petrunya" rechnet auf bittersüße Art mit der gesellschaftlichen Ordnung ab.

Sie sei "zu dumm und zu hässlich, um gefickt zu werden", erfährt die arbeitslose Petrunya während ihres Vorstellungsgesprächs. Kein Wunder, wenn man mit 32 aussieht "wie 45". Den Job kann sie vergessen. Da hilft ihr auch ein Abschluss in Geschichte nicht weiter oder der Rat ihrer Mutter, sich als 25-Jährige auszugeben. Aber trotzdem darf der potenzielle Chef doch ein bisschen grabbeln, oder? Er meint es ja nur gut. Und wer so fett ist, sollte froh sein, überhaupt angefasst zu werden …

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Es ist der 19. Januar, Dreikönigstag. Gedemütigt und traurig macht sich Petrunya auf den Weg nach Hause. Doch sollen es genau diese Emotionen sein, sie dazu bewegen, etwas im orthodoxen und tristen Nordmazedonien absolut Undenkbares zu tun. Sie trifft auf eine Prozession, die seit jeher Männern vorbehalten ist: Traditionell wirft der Priester bei der Großen Wasserweihe ein gesegnetes Kreuz in den Fluss, um junge Männer danach tauchen zu lassen. Wer es findet, den erwarten im kommenden Jahr Glück, Wohlstand und Freude.

Doch es ist Petrunya, die in einer Kurzschlussreaktion voll bekleidet ins eiskalte Wasser springt und mit dem Kreuz in der Hand wieder auftaucht. Die Trophäe hält sie auch gleich in die Fernsehkameras, die vor Ort sind, anstatt auf die tobenden Männer zu hören, die ihr das Kreuz wegnehmen wollen. Warum sollte sie auch, könnte man jetzt meinen. Sie hat es schließlich geholt. Doch was die 32-Jährige sicherlich nicht gedacht hätte: Dies ist der Beginn einer Abwärtsspirale, die auf Konformismus, Tradition und Schuld beruht.

"Heute bin ich zum Wolf geworden"

Statt sich über ihr Jahr voller Glück freuen zu können, wird Petrunya von der Polizei abgeholt - gerufen von ihrer eigenen Mutter, die die spontane Aktion des "undankbaren Monsters", wie sie sie nennt, verurteilt. Warum genau sie ohne Anklage auf dem Revier bleiben muss, kann ihr niemand sagen, ein Verbrechen liegt schließlich nicht vor. Und während der Priester und der Polizeichef über den weiteren Verlauf diskutieren und auf Befehle von oben (von den Behörden, nicht von Gott) warten, ist die Antwort bereits klar: Sie hat es gewagt, als Frau aus der Reihe tanzen - und das muss vom Patriarchat bestraft werden. Bevor sie das "gestohlene" Kreuz nicht freiwillig wieder hergibt, darf sie nicht gehen. Und sie haftet für sämtliche Risiken.

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Petrunya wird im Polizeidschungel vom Schaf zum Wolf.

(Foto: picture alliance/dpa)

Regisseurin Teona Strugar Mitevska beleuchtet in ihrer düsteren Satire "Gott existiert, ihr Name ist Petrunya" auf bittersüße Art und Weise eine traurige Realität: nämlich die der modernen Gesellschaft, die die männliche Herrschaft noch immer unter dem Deckmantel der Tradition auslebt. Petrunyas Forderung nach Gleichberechtigung kommt einer Kriegserklärung gleich. Vor der Wache beginnt ein wütender Lynchmob damit, für seine altertümlichen und absurden Privilegien zu protestieren und Gewaltfantasien auszuleben, ein Polizist rastet aus und der Geistliche mahnt Petrunya zur Vernunft.

Doch all die Einschüchterungsversuche haben den gegenteiligen Effekt: Je mehr sie von allen Seiten schikaniert wird, desto mehr ist sie auch von ihrem Recht überzeugt, das Kreuz zu behalten. Bei der zunächst noch träge und schwach wirkenden Protagonistin wächst mit jeder verstreichenden Stunde das Selbstvertrauen. Ohne es darauf anzulegen, entwickelt sie sich sogar zu einer Frauenrechtlerin. "Heute bin ich zum Wolf geworden", zieht sie selbst - in Anlehnung an die Fabel von Wolf und Schaf - Bilanz.

Film beruht auf wahrer Geschichte

Ganz nüchtern und unaufgeregt setzt Regisseurin Teona Strugar Mitevska dabei eine Frau mit all ihren Macken und Unsicherheiten in den Mittelpunkt ihres Films, die normalerweise kaum Beachtung auf der Leinwand findet. Die Rolle der Petrunya, von Zorica Nusheva hervorragend und sehr intensiv umgesetzt, ist zunächst keine, mit der man sich gerne identifizieren möchte. Aber es braucht nicht viel, um die Entwicklung der 32-Jährigen zu zeigen. Ihr gesunder Menschenverstand spricht für sich selbst. Das macht den Film so wertvoll und - angesichts all der Ungerechtigkeiten, die ihr widerfahren - die verzweifelte Wut des Zuschauers so echt.

Manch einer wird das Dargestellte womöglich übertrieben finden oder darauf beharren, dass Frauen in Wirklichkeit doch schon gleichgestellt sind. Doch die Idee für den Film, der auf der Berlinale bereits den Preis der Ökumenischen Jury und den Gilde Filmpreis abräumte, kam Mitevska, als es 2014 tatsächlich eine Frau wagte, das Kreuz bei der Wasserweihe zu ergattern. Von der Bevölkerung wurde sie deswegen als gestört und problematisch bezeichnet und musste ihre Heimat verlassen. Gerüchteweise lebt sie heute in London.

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Quelle: n-tv.de

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