Kino

Ganz-oder-gar-nicht-Berlinale Großes Kino im kleinen Kreis

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Das Berlinale-Leitungsduo Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek.

(Foto: Alexander Janetzko / Berlinale)

Die 72. Berlinale will kein Corona-Filmfest sein - und ist es irgendwie doch. Nicht wegen der Debatten über das Stattfinden des Festivals, sondern weil viele Filme Erfahrungen der vergangenen zwei Jahre spiegeln: Isolation, den Blick nach innen, die Flucht aufs Land.

Das Berlinale-Leitungsduo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian hat seit Amtsantritt vor zwei Jahren nicht das, was man einen Lauf nennen würde. 2021 zwang die Corona-Pandemie die Geschäftsführerin und den Künstlerischen Leiter dazu, das Filmfest in ein digitales Branchenevent und eine Auswahl an Open-Air-Vorführungen im Sommer umzuwandeln. De facto fiel das weltweit größte Publikumsfestival damit aus.

Für dieses Jahr schlossen die Niederländerin und der Italiener die Absage einer Präsenz-Berlinale kategorisch aus: Die Filme seien fürs Kino gemacht worden, dort gehörten sie hin. Ihr Plan B lautet "2G-Plus-Maske-Plus-Test-Modell" plus nur halbvolle Kinosäle. Kritik am Stattfinden der Großveranstaltung trotz Pandemie gab es dennoch bereits zuhauf.

Ohne all die Einwände zum Ausnahmezustand-statt-Absage-Konzept erneut aufzurollen, lässt sich sagen: Das Programm der 72. Internationalen Filmfestspiele hätte ein großes Publikum verdient. Auch wenn direkt gewarnt werden muss: Glanz und Glamour verbreitende US-Produktionen sind im Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären nicht zu finden. Aber geschenkt - es wäre wohl eh kein Hollywoodstar gekommen, um eine Berlinale ohne Partys und kreischende Mengen am Roten Teppich zu beehren.

Inhaltlich ist Corona derweil offiziell kein Thema. Nur zwei Filme zeigten das Leben in der pandemischen Lage, kündigte Chatrian an. Emotionale Bindungen seien jedoch ein roter Faden, die Hälfte der Filme spiele vor dem Hintergrund einer Familiensituation, die meisten zudem auf dem Land. Viele Produktionen kämen mit nur einem Ort oder wenigen Figuren aus. Subtil und zwischen den Zeilen ist sie also doch da, die Pandemie mit ihrer Atmosphäre der Isolation, dem Blick nach innen, der Flucht aus überfüllten Städten.

Insgesamt 256 Filme sind zu sehen, 25 Prozent weniger als im Vorjahr. 18 davon laufen im Wettbewerb, der verkürzt stattfindet - die Bären werden bereits am 16. Februar vergeben. Dafür gibt es nicht nur einen Publikumstag, sondern vier.

Dresen und der Fall Murat Kurnaz

Der frühere Berlinale-Chef Dieter Kosslick wird beim Blick auf den Wettbewerb vielleicht ein wenig selbstzufrieden lächeln. Er trägt noch immer seine Handschrift, geladen sind alte Bekannte - von Denis Côté ("That Kind of Summer") über Hong Sangsoo ("The Novelist's Film") bis zu Paolo Taviani ("Leonora addio"). Elf Filmemacher waren bereits bei der Berlinale vertreten, acht von ihnen im Wettbewerb, fünf sind ehemalige Bären-Gewinner.

Ein Wiedersehen gibt es etwa mit Andreas Dresen, der einen der spannendsten Beiträge vorstellt: In "Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush" erzählt er, wie die in Bremen lebende Mutter des in Guantanamo festgehaltenen Murat Kurnaz um die Freilassung ihres Sohnes kämpft. Den Kurnaz-Anwalt spielt Alexander Scheer, den Dresen schon in seinem Biopic "Gundermann" zum grandiosen Hauptdarsteller machte.

Auch der zweite deutsche Film klingt vielversprechend: Nicolette Krebitz, die in "Wild" schilderte, wie sich eine Frau in einen Wolf verliebt, widmet sich in "A E I O U - Das schnelle Alphabet der Liebe" mit Sophie Rois erneut einer ungewöhnlichen Romanze.

Generell kündigte Chatrian so viele Liebesgeschichten wie noch nie an. In "Both Sides oft the Blade" der Französin Claire Denis beispielsweise steht die von Juliette Binoche gespielte Hauptfigur zwischen zwei Männern: ihrem Ehemann und dessen besten Freund - ihrem Ex. In "Drii Winter" des Schweizers Michael Koch wird die Beziehung eines jungen Paares in einem Bergdorf auf die Probe gestellt. Der Chinese Li Ruijun zeigt in "Return to Dust", wie aus einer arrangierten Ehe eine echte Liebesbeziehung wird.

Früh für Tickets in die Startlöcher begeben sollten sich Cineasten auch für den jüngsten Film des österreichischen Extremfilmers Ulrich Seidl: In "Rimini" jagt ein Ex-Schlagerstar an der winterlichen Adria dem verblichenen Ruhm hinterher und finanziert seinen Dauerrausch mit Auftritten vor Bustouristen und Liebesdiensten an weiblichen Fans. Das asiatische Kino, für das es traditionell Stammplätze im Wettbewerb gibt, wird neben Hong und Li von der ebenfalls Berlinale-erfahrenen Indonesierin Kamila Andini ("Nana") repräsentiert.

Die AfD aus nächster Nähe

Auch ihrem Ruf als politisches Festival wird die Berlinale erneut gerecht: So schildert etwa "Call Jane" der US-Filmemacherin Phyllis Nagy die wahre Geschichte einer Gruppe von Frauen, die in den 1970ern in Chicago eine Untergrundorganisation für Schwangerschaftsabbrüche aufbaute. In der spanisch-französischen Koproduktion "One Year, One Night" von Isaki Lacuesta versucht ein junges Paar, beide Überlebende des Terroranschlags im Bataclan in Paris, das Trauma zu bewältigen. Der französisch-kambodschanische Dokumentarfilm "Everything Will Be Ok" von Rithy Pan, dessen Titel als frommer Wunsch der Pandemie-Berlinale herhalten könnte, geht der Frage nach, wie eine Welt aussähe, in der die Tiere an die Macht kämen.

Und wie immer lohnt auch der Blick über den Tellerrand des Wettbewerbs: Im Berlinale Special etwa zeigt Simon Brückners Dokumentation "Eine deutsche Partei" Innenansichten der rechtspopulistischen AfD. Auch ein Dokumentarfilm über den Musiker Nick Cave und dessen Arbeit in der Corona-Zeit ("This Much I Know To Be True") ist in der Sektion zu sehen.

Eröffnet werden die 72. Internationalen Filmfestspiele von Berlin mit "Peter von Kant" von François Ozon, einer freien Interpretation von Rainer Werner Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant". Ozon ist zum sechsten Mal im Wettbewerb, für "8 Frauen" und "Gelobt sei Gott" gewann er jeweils einen Silbernen Bären.

Wie viele Regie- und Schauspielgrößen vor dem Hintergrund des erwarteten Höhepunktes der Omikron-Welle für Mitte Februar persönlich anreisen werden, wird sich wohl immer erst kurzfristig zeigen. Möglich wären aber zum Beispiel Charlotte Gainsbourg, die in "The Passengers of the Night" des Franzosen Mikhael Hers zu sehen ist, und Sigourney Weaver, die in "Call Jane" spielt. Als gesetzt gilt Isabelle Huppert, die den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk bekommt - und natürlich der Präsident der Internationalen Jury, M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense").

Quelle: ntv.de

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