Kino

Die wollen nur spielen Hinter der Fassade der coolsten Türsteher

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Sieht härter aus, als es ist ...

(Foto: imago/Seeliger)

"Es zählt nur, dass du in dem Moment da bist und feiern willst," so David Dietl, Regisseur von "Berlin Bouncer". Er begleitet drei legendäre Türsteher und zeigt Sven Marquardt, Smiley Baldwin und Frank Künster hinter ihren coolen Fassade. In Dietls Film lernen wir die Legenden besser kennen, die seit über 25 Jahren maßgeblich die Clubkultur einer ehemals geteilten Stadt bis hin zur weltweit bekannten Partymetropole begleitet haben. Dietl hat über vier Jahre einen besonderen Draht zu den drei exzentrischen Männern aufgebaut und darf hinter die schillernden Fassaden dieser Charakterköpfe schauen. Sie öffnen ihm die Türen zu ihrem Leben und gewähren dabei einen Einblick über die Nächte hinaus in ihren Alltag. Entstanden ist ein Film über die Berliner Party-Szene, die nicht nur Wirtschaftsfaktor, sondern Touristen-Magnet und Teil des Berliner Selbstverständnisses ist, aber auch über das Leben und seine Unwägbarkeiten. Für den mitreißenden Soundtrack sind unter anderem Basti Schwarz/Tiefschwarz und David Specht und Max Bauer/Isolation Berlin verantwortlich. n-tv.de kam sofort rein, traf den Regisseur in Berlin am helllichten Tag und hat herausgefunden, dass die drei eigentlich nur spielen wollen.

n-tv.de: Dieser Film löst eine Menge in einem aus - 1000 Dinge fallen einem wieder ein, wenn man sich erstmal auf diese Memory Lane der alten Ausgehkultur zu Zeiten kurz nach dem Mauerfall begibt …

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Frank und Smiley mit dem Regisseur ihres Vertrauens.

(Foto: imago images / Photopress Müller)

David Dietl: Das freut mich, ich war ja nicht dabei damals. Ich kam erst 2001 nach Berlin und deswegen hat es mich interessiert, mit diesem Film für mich Dinge aus den Neunzigern herauszufinden, über die alle geredet haben. Außerdem ist meine Hoffnung, dass der Film auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Zum einen für die, die dabei waren und die alles Revue passieren lassen können, zum anderen für die, die es irgendwie verpasst oder nur so halb erlebt haben. Und obendrein natürlich für die junge Generation, die es gar nicht mitbekommen hat, die sich nicht vorstellen kann, dass diese Stadt einmal zweigeteilt war und was das überhaupt bedeutet hat für die Menschen damals.

Der Film ist tatsächlich auch für diejenigen ideal, die jetzt Party machen und auf Türsteher-Legenden treffen. Woher kam dein Ansatz, eine Türsteher-Doku zu drehen?

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Ob der junge Frank so ins KingSize gekommen wäre?

Als ich so richtig nachtaktiv war, waren gerade die Nullerjahre. Und da hat man so oft gehört, dass es ja alles ganz schön sei, aber eben nicht mehr wie in den Neunzigern. Die, die jetzt Party machen, müssen sich wahrscheinlich anhören, dass es in den Nullerjahren so toll war (lacht). So wird das wohl immer weitergehen. Ich war allerdings schon mit der Recherche für einen Spielfilm beschäftigt, der im Nachtleben spielt, und da bin ich auf die Themen gestoßen. Was da hängengeblieben ist, sind die Geschichten und Biografien von Frank Küster und Smiley Baldwin. Smiley, der als GI herkam, der jung Vater wurde, der die Army verließ, dann einen Job gesucht hat, und dann über einen russischen Soldaten - DJ Sergej - seinen ersten Job an der Tür bekam. Und plötzlich traf sich das große Weltpolitische ein paar Nummern kleiner an der Tür eines Clubs (lacht).

Und Frank?

Der wollte ja eigentlich studieren in Berlin, dann fiel die Mauer und das Nachtleben war viel interessanter als die Vorlesung. Und da mir aber klar war, dass ich auch die andere Perspektive brauche, also nicht nur die aus Berlin-West, kam ich an Sven Marquardt natürlich nicht vorbei. Denn auch wenn die beiden anderen wirklich sehr berühmt sind in Berlin, ist doch Sven Marquardt derjenige, der bis nach Japan oder in die USA weltbekannt ist.

Bis nach Australien! Dort ist der Türsteher vom Berghain zumindest berühmter als der Berliner Bürgermeister, aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zum Film: Diese Türsteher sind alle ja supernett! Damit nimmst du der ganzen Einlasszeremonie schon ein bisschen den Schrecken, weil wir erfahren, wer hier gern Mini fährt oder lieber Zug, wer Kinder hat und wer zu Hause gern seine Ruhe hat.

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Sven Marquardt, Frank Künster und Smiley Baldwin - da muss man erstmal dran vorbei.

Das war für mich natürlich das absolut Interessante: Wie sieht euer Alltag eigentlich aus? Wer sind die Menschen hinter der harten Fassade? Das war gar nicht so einfach, dahinterzukommen, und ich wäre gern auch noch tiefer in das Privatleben meiner Protagonisten eingetaucht (lacht), aber ich habe natürlich akzeptiert, dass ich nur bis zu einem bestimmten Punkt komme.

Man bekommt dennoch einen guten Einblick …

Super. Ich wollte zeigen, was das für Charaktere sind, und manchmal liegt die größte Wahrhaftigkeit vielleicht in dem, was gar nicht gesagt oder gezeigt wird. Ich habe auf jeden Fall drei sehr charismatische, aber auch sehr ambivalente Männer kennengelernt, die berühmt dafür sind, dass sie Türsteher sind. Und immer, wenn ich Frank und Smiley begegnet bin, war klar, dass das eine überaus respektvolle Art der Begegnung ist. Es war immer klar, dass selbst wenn man nicht reinkam, sie das auf eine Art und Weise vermitteln, die verständlich ist. Wo man keinen blöden Spruch nachgerufen bekommt.

Sie wirken geradezu so, als ob es ihnen leidtut …

(lacht) Ja, die haben eine sehr warmherzige Art trotz ihrer Coolness.

Schön, dass wir auch ein bisschen Familie und Umfeld kennenlernen.

Ich bin sehr gespannt, wie die drei ab jetzt damit leben werden, dass wir hinter ihre Fassade blicken konnten. Denn für ihren Beruf ist eine gewisse Distanz ja schon wichtig. Und wenn sie sich jetzt anhören müssen: "Mensch, ich kenn' dich doch, eigentlich willst du mich doch reinlassen!" Und ja, Frank war da am offensten, Smiley hat mich mitgenommen auf die Virgin Islands und Sven war am privatesten. Aber das ist alles vollkommen in Ordnung so. Auch wenn ich ihn gern auf dem Sofa mit seinen Katern gefilmt hätte (lacht).

Du läufst mit einem anderen Film parallel im Kino, "Rate Your Date" …

Ja, das ist ein schöner Zufall. Jetzt muss ich aber mal wieder andere Themen angehen als das Nachtleben …

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Manchmal tat es Frank leid, wenn er Leute wegschicken musste.

(Foto: dpa)

Warum?

Weil das gar nicht so eine Priorität in meinem Leben hat.

Weil dein Nachtleben gerade ganz anders aussieht?

Ja, ich bin ja vor Kurzem Vater geworden.

Herzlichen Glückwunsch! Aber das kommt alles wieder! Später!

(lacht) Gut zu wissen. An Berlin ist so toll, dass man hier über die Generationen hinweg feiern kann. Vorm Berghain stehen auch die Mittfünfziger noch in der Schlange an. Das gibt es so in nur wenigen Städten, würde ich sagen.

Franks Geschichte ist ja auch die - unter anderem - des legendären Clubs KingSize.

Ja, der Laden läuft, dann macht er zu. Dann passiert etwas mit Frank. Es gibt Hoffnung, er wird wieder eröffnet, es ist aber nicht mehr das Gleiche. Er wird wieder geschlossen. Und Frank hat bis jetzt nichts gefunden, was ihn je wieder so erfüllt hat.

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Smiley zeigt im Film seine Heimat, die Virgin Islands.

(Foto: dpa)

Im Herbst 2017 erschien dann ja auch das Buch über das KingSize. Was mich zum nächsten Punkt bringt: ich finde den Film fast poetisch, was ein bisschen merkwürdig ist, da es sich ja um das doch eher harte Pflaster in Berlin handelt …

Smiley sagt zum Beispiel, er malt jeden Abend quasi ein neues Bild, wenn er die Gäste auswählt und Frank sagt, er ist Exzessbetreuer …

… und Sven Marquardt "fährt noch immer gern in die Nacht" …

… ja! Ist das nicht schön?!

Sehr! Wie lange hast du die Herren denn begleitet?

Das hat sich über einen Zeitraum von vier Jahren hingezogen. Da gab es schon einige Ups and Downs, auf beiden Seiten, sowohl bei den Türstehern als auch beim Team (lacht). Aber wir haben diese Zeit eben gebraucht. Dadurch ist der Film in allem geworden, wie er nun geworden ist: in der Tonalität, im Tempo, im Schnitt, der Blickwinkel. Er ist schon anders, als ich ihn geplant hatte (lacht). Aber so ist das wohl beim Dokumentarfilm: Einiges muss man loslassen oder ändern, anderes bekommt man dafür dazu.

Schön, dass der Film in die Jetzt-Zeit hineingeht … 

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Sven Marquardt fährt gern in die Nacht - aber auch ans Meer.

Na klar, es ist ja auch immer noch so dermaßen viel los in Berlin, das hört nicht auf. 

Man könnte seine erwachsenen Kinder im Nachtleben treffen …

Das ist doch cool! Das ist Berlin-spezifisch und eine gewisse Form von Freiheit, weil es nämlich vollkommen egal ist, wo du herkommst, wer du bist, wie alt du bist, was du machst. Es zählt nur, dass du in dem Moment da bist und feiern willst. Dieses Nichtverurteilen, das ist doch toll. Und Marquardt sagt das ja auch, dass Berlin nirgendwo so wiedervereinigt ist wie in der Partyszene.

Die Leute, die das Nachtleben früher veranstaltet haben, veranstalten es ja zu großen Teilen noch immer …

Berlin hat es immer wieder geschafft, sich neu zu erfinden. Und die drei im Film sind ja auch kein bisschen wehmütig oder nostalgisch. Die haben nicht gesagt, dass es früher besser war. Für die ist es ganz normal, ein Teil der Szene zu sein. Der wehmütigste Blick auf das Ganze ist glaube ich mein eigener (lacht). Aber die Zeit ist ja nicht vorbei, es geht ja weiter. Nur eben mit anderen Leuten. Ich persönlich habe nirgendwo anders eine so große Freiheit empfunden wie in Berlin.

Hast du eine spezielle Philosophie beim Drehen? Du bringst Gefühle rüber, ohne kitschig zu sein, du bist wahrhaftig, ohne Übertreibung witzig …

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Die Fotografie - Marquardts Leidenschaft, für die er Anerkennung auf der ganzen Welt erfährt.

Ich glaube, ich bin so veranlagt, immer die lustigen oder positiven Seiten zu suchen. Ich glaube, Humor ist ganz wichtig im Leben im Alltag und im Film. Ich will auf eine realistische Art und Weise unterhaltsam sein, ich will berühren und das liegt alles nahe beieinander, auch Komik und Tragik. Das nächste Thema aber wird sein: Wie gehen wir als Gesellschaft mit der ganzen Technologie um, die uns umgibt? Deren Fortschritt so rasant ist, dass wir gar nicht wissen, wie wir uns verhalten sollen, denn wir verändern uns und merken es nicht. Es ist eine so wahnsinnig spannende Zeit.

Mit David Dietl sprach Sabine Oelmann

"Berlin Bouncer" läuft derzeit in Deutschland im Kino.

Quelle: n-tv.de

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