Unterhaltung
Samstag, 15. Januar 2011

Ein Film wie ein Hochglanzmagazin: Im Reich der Tiger, Bären und Vulkane

von Andrea Beu

Bei russischer Natur denkt man an Bären, Birken und Taiga. Aber an Vulkane und Geysire, Schildkröten und Robben? Wohl weniger. Mit dieser Unkenntnis will ein Naturdokumentarfilm aufräumen, der prachtvolle Bilder bietet.

Eisiger Arbeitsplatz: Ein Kameramann hat den gut getarnten Polarfuchs im Visier.
Eisiger Arbeitsplatz: Ein Kameramann hat den gut getarnten Polarfuchs im Visier.(Foto: Polyband)

Russland, das größte Land der Welt: endlose Weite, riesige Wälder, Kälte, der man nur mit Pelzen und viel Wodka Herr wird, herzzerreißend traurige und herzerwärmend fröhliche Gesänge – so weit, so klischeehaft. Bei russischer Natur denkt man in erster Linie an Bären, Birkenwälder und die Taiga. Aber an Vulkane und Geysire, Schildkröten und Robben? Wohl weniger. Mit dieser Unwissenheit will ein neuer Dokumentarfilm, der am 13. Januar in die deutschen Kinos kam, aufräumen: "Russland - Im Reich der Tiger, Bären und Vulkane".

Hartes Stück Arbeit

Um diese Mission zu erfüllen, wurde - nach den Worten der Produktionsfirma - "ein Projekt der Superlative" auf die Beine gestellt. Sechs deutsche Kamerateams um Henry M. Mix und Regisseur und Drehbuchautor Jörn Röver drehten an 1200 Tagen und legten bei den Filmarbeiten eine Distanz von mehr als 100.000 Reisekilometern zurück. Sie mussten Höhenunterschiede von über 5000 Metern überwinden und Temperaturdifferenzen von 90 Grad Celsius ertragen – eine echte Herausforderung für Mensch und Material und sicher eine logistische Meisterleistung. Dabei entstanden 600 Stunden Rohmaterial. Das wurde zunächst für eine sechsteilige Fernsehserie verwendet. Diese wurde von NDR Naturfilm und dem Studio Hamburg produziert und war schon 2009 zu sehen. Nun folgt die 90-minütige Kinofassung.

Ein Polarwolf schnuppert an blühendem Wollgras.
Ein Polarwolf schnuppert an blühendem Wollgras.(Foto: dpa)

Den Teams sind dabei wahrhaft beeindruckende Naturaufnahmen gelungen, bei denen das Wort "atemberaubend" nicht fehl am Platze scheint. Manches hat man sicher in ähnlichen großangelegten Naturdokumentationen (ich fühlte mich häufig an "Unsere Erde" von Alastair Fothergill und Mark Linfield erinnert) schon so oder so ähnlich gesehen, vieles aber eben auch noch nicht. Das wird der Sprecher allerdings auch nicht müde zu betonen: Aufnahmen, die so noch nie gemacht wurden, Tiere, die noch nie in freier Wildbahn gefilmt wurden ... Das wirkt nach mehrmaliger Nennung etwas zu plakativ und man möchte den Machern über den Kopf streichen und sagen: jaja, das habt ihr wirklich toll gemacht.

Und das haben sie auch. Besonders beeindruckend: die lange Sequenz des Kampfes zwischen einem Steinadler und einem Riesen-Seeadler, wo zwei majestätische Riesenvögel sich ihre Riesenflügel um den Kopf hauen, im Kampf um Futterplätze. Überhaupt kamen die Kameras den Tieren oft erstaunlich nahe, so nahe, dass man das Gefühl hat, man sitzt mit dem Tier Auge in Auge.

Ein bisschen Spaß muss sein

Natürlich verzichtet der Film nicht auf "niedliche" und "lustige" Sequenzen – das süße Robbenbaby mit den großen, immer feuchten Augen flüchtet sich gerade noch so vor dem hungrigen Eisbären, der keuchend am Eisloch steht – umsonst gerannt, Robbenbaby gerettet. Oder die "bauchtanzende" Krötenkopfagame, die sich durch ihre Bewegungen in den tarnenden Sand hineinrüttelt. Eher unfreiwillig komisch: der Bär, kurz vorm Winterschlaf noch mal auf der Jagd auf Beute, aber viel zu plump für den Tiefschnee, kommt nicht hinterher und hat das Nachsehen.

Einer der letzten seiner Art: Amurtiger im russischen Ussurien.
Einer der letzten seiner Art: Amurtiger im russischen Ussurien.(Foto: dpa)

Die Dramatik des Überlebenskampfes wird jedoch kaum gezeigt, den Machern ging es wohl eher um majestätische Schönheit, beeindruckende Weite, menschenleere Natur. Aber nur schöne Bilder wirken auf Dauer auch ermüdend – und Konflikte zwischen Mensch und Natur etwa werden fast komplett ausgeblendet. Sie finden höchstens am Rande Erwähnung mit Sätzen wie: Der Amur-Tiger, von dem es nur noch 500 freilebende Exemplare gibt, wird wohl den Menschen nicht überleben. Achselzucken, weiter im Text bzw. Bild. Von Klimawandel und Umweltverschmutzung ist keine Rede, auch Jagd und Wilderei kommt nicht vor. Als ein Wolf die Fährte eines Zobels aufnimmt, wird lediglich erwähnt, dass dessen Pelz schon zu Zarenzeiten begehrt und wertvoll war.

Musikalisches Pathos mit Märchenonkel

Das alles wird untermalt von dramatischer Musik und russischen Gesängen – manchmal passt es, manchmal ist es auch zu viel des Guten: die beeindruckenden Bilder haben diese Verstärkung oft gar nicht nötig. Erzähler des Films ist der "Traumschiff"- und "Bergdoktor"-Schauspieler Siegfried Rauch. Sein Märchenonkel-Tonfall ist sicher Geschmackssache – mein Geschmack ist es nicht.

Zudem merkt man dem Film von Zeit zu Zeit an, dass er ursprünglich als Sechsteiler konzipiert war – es gibt durchaus Sprünge und irritierende Schnitte in der Dokumentation, Stellen, an denen man nicht mehr weiß, wo der Film sich gerade befindet, zumal die Angaben dazu den Zuschauer nicht durchgehend begleiten. Kamtschatka, Ural, Kaukasus, Baikalsee, Sibirien – große Strecken werden zurückgelegt und die Orientierung ist nicht immer einfach. So muss man sich an die Bilder halten – und die sind in der Tat fast ausnahmslos beeindruckend und bestaunenswert. Ein Film wie ein Hochglanz-Naturbildband – wer so etwas mag, ist in diesem Film goldrichtig. Sehenswert, aber nichts zum nachdenken.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de