Kino

Die bittere Pille danach "Matrix 4" trocknet den Verschwörungssumpf

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Die "Matrix" hat wieder geöffnet.

(Foto: Murray Close / Warner Bros. Entertainment)

Als 1999 der Film "Matrix" erscheint, ist er spektakulär. So spektakulär, dass er sogar Verschwörungsmärchen bis heute Vorschub leistet. Mit "Matrix Resurrections" feiert die Saga nun Wiederauferstehung - und gibt ihrem eigenen Mythos den letzten Rest.

Es beginnt mit einem Knall. Schließlich erscheint "Matrix" 1999 genau zur richtigen Zeit. Die Revolution des Internets hat gerade erst begonnen, Erfindungen wie das Smartphone oder gar die Künstliche Intelligenz (KI) werfen allenfalls ihre Schatten voraus. Der Boden, nicht nur viele Chancen zu erahnen, sondern auch alle möglichen potenziellen Gefahren zu wittern, ist jedoch bereitet. Die Saat des Films, der den vagen Blick in die Zukunft geradezu philosophisch und mit religiösen Motiven auflädt, geht darin voll auf.

Die Wirkmacht des Films ist so stark, dass sie bis heute nachhallt. Vor allem die Szene, in der Morpheus dem in der Gedankensimulation der "Matrix" gefangenen Neo zwei alternative Pillen serviert, ist hängengeblieben. Die blaue Pille, um weiter in der Scheinwelt vor sich hin zu dämmern. Die rote Pille, um zu erwachen und die Realität einer von Maschinen in ihrer Bewusstlosigkeit versklavten Menschheit zu erkennen.

Nicht wenige Verschwörungsmärchen, die auch und gerade heute Konjunktur haben, saugen daraus ihren Nektar. Der Kampfbegriff "Schlafschaf", der Klardenkern unterstellt, sich sinnbildlich für die blaue Pille des Nichtwissens um die "wahren" Zusammenhänge entschieden zu haben, rekurriert darauf. Dass Aluhutträger Argumentationshilfe für ihren Wahnwitz ausgerechnet aus einem Blockbuster des Hollywood-Establishments beziehen, ist freilich nicht ganz frei von Komik.

Eine Transgender-Geschichte?

Dass wiederum ausgerechnet zumeist am rechten Rand operierende Märchenonkel in ihrem Film Bestätigung suchen, dürfte den Wachowski-Geschwistern nicht so wirklich schmecken. Als sie bei "Matrix" gemeinsam für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichneten, hießen sie noch Larry und Andy Wachowski. Seit ihrem beidseitigen Transgender-Coming-Out gehen sie allerdings als Lana und Lilly durchs Leben.

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Die ersten drei "Matrix"-Filme drehte Lana Wachowski (r.) noch mit ihrer Schwester Lilly zusammen - "Matrix Resurrections" realisierte sie allein.

(Foto: picture alliance / PAP)

Lilly Wachowski stellte 2020 persönlich eine Interpretation ihres Kultstreifens in den Raum. Eigentlich sei es ihr und ihrer Schwester darum gegangen, eine Transgender-Geschichte zu erzählen, sagte sie da. Für sie gehe es in dem Film um Themen wie Verwandlung und die Konfrontation unterschiedlicher Welten, was auch in der queeren Community zum Alltag gehöre. Auf diese Auslegung soll mal einer kommen! Doch weiter entfernt von rechten Verschwörungsfantasien könnte sie kaum sein.

Dabei müsste man gar nicht so weit gehen, um den "Matrix"-Mythos zu zerlegen. Dafür haben die Wachowskis nämlich schon vor langer Zeit selbst gesorgt - mit den Fortsetzungen 2 und 3 alias "Reloaded" und "Revolutions", die 2003 kurz nacheinander ins Kino kamen. Spätestens da musste allen klar sein: Alles nur Science-Fiction, Leute! Und zwar großartige Science-Fiction im Original - aber nur noch ein jämmerlicher Abklatsch in der Weitererzählung.

Hoher Nostalgiefaktor

Die Aura, die "Matrix" umgab, legten "Reloaded" und "Revolutions" mal eben handstreichartig in Schutt und Asche. Klar, die Effekte waren state of the art. Die Kung-Fu-Kämpfe hatten Wumms. Der Look war nach wie vor hyper-futuristisch. Doch all das kratzte nur an der Oberfläche. Von der Tiefe, in die man beim ersten Aufschlag 1999 eingetaucht war, war hingegen vier Jahre später nichts mehr übrig. Ins Gedächtnis brannten sich nur Krawall und Remmidemmi, verworrene Handlungsstränge und die Erinnerung an irgendwelche zwei Science-Fiction-Filme unter vielen.

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Sie sind zurück: Neo (Keanu Reeves) und Trinity (Carrie-Anne Moss).

(Foto: Courtesy of Warner Bros. Pictures)

Ob die Wachowskis wohl damals schon voller Absicht den Vorschlaghammer ausgepackt haben, um ihr eigenes Denkmal zu zerstören? Ganz sicher ist dies allerdings nun der Fall, da nur noch Lana Wachowski mit "Matrix Resurrections" nach 18 Jahren noch einmal die titelgetreue Wiederauferstehung des Kults feiert. Das mit Spannung erwartete Comeback, das neben "James Bond" und "Spider-Man" sicher zu den größten Film-Highlights des an Film-Highlights armen Corona-Jahres 2021 gehört, versucht erst gar nicht, den Mythos neu zu beleben.

Stattdessen ist der Nostalgiefaktor hoch angesetzt, auch und gerade weil mit Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss die beiden Hauptdarsteller von einst abermals mit ihren Figuren Neo und Trinity ins Zentrum des Geschehens rücken. Die Mitfünfziger mögen bei ihren Kampfkunst-Einlagen zwar nicht mehr ganz so geschmeidig wirken wie damals und Reeves ohne lange Haare und Bart inzwischen ein bisschen anmuten wie der nette Opa, der gleich die Kinder zum Spielen abholt. Doch darum geht es nicht. "Matrix Resurrections" setzt vielmehr dazu an, selbstreferenziell und auch mit einiger Selbstironie zu punkten.

Zurück in der "Matrix"

Bedeutungsschwanger ist daran nichts. Schließlich ist Neo auch nicht der Jesus-gleiche "Auserwählte" und "Erlöser", der er in der Vergangenheit zu sein schien. Stattdessen ist er gealtert, frei von Erinnerungen und nichts von seiner Rückkehr in die Scheinwelt ahnend zurück in der "Matrix". Hier fristet er sein Dasein als Entwickler von Computerspielen, die just "Matrix" heißen und doch tatsächlich sein früheres Leben zum Inhalt haben - ohne dass er davon einen Schimmer hätte, versteht sich. Als nun erneut Morpheus, diesmal nicht etwa von Laurence Fishburne, sondern von Yahya Abdul-Mateen II dargestellt, auf den Plan tritt, fängt alles wieder ganz von vorne an …

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Über den Weg nach hinten tritt "Matrix Resurrections" die Flucht nach vorne an. Das ist nicht ganz ungeschickt. Besser als "Reloaded" und "Revolutions" ist das Spiel mit der eigenen Geschichte als eine Art Perpetuum Mobile allemal. Ihrem eigenen Mythos gibt die Reihe damit jedoch endgültig den letzten Rest und trocknet so ganz nebenbei auch noch den Verschwörungssumpf aus, auch wenn hartgesottene Verstrahlte das natürlich nicht raffen werden. Für manch einen Fan mag das nach 18 Jahren eine bittere Pille sein. Zum Trost sei jedoch gesagt: Sie ist nicht rot oder blau, sondern … sagen wir … pink vielleicht.

"Matrix Resurrections" läuft ab 23. Dezember in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de

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