Kino

Dench kann mehr als Bond-"M" "Philomena" und der gestohlene Sohn

3288B400759EA82D.jpg6793730123412550644.jpg

Philomena Lee und Martin Sexsmith suchen gemeinsam nach ihrem Sohn Anthony, 50 Jahre nach dessen Geburt.

(Foto: AP)

Sie sind ein ungleiches Paar, die tiefgläubige Philomena mit einer Schwäche für Groschenromane und der abgeklärte Journalist Martin. Nachdem sie ihr Geheimnis nach 50 Jahren gelüftet hat, gehen beide auf die Suche nach ihrem gestohlenen Sohn und stoßen dabei auf Unfassbares.

Irland, Anfang der 1950er-Jahre: ein junges Mädchen schlendert über einen Jahrmarkt, ein junger Mann spricht sie an. Wie es sich für ein anständiges irisches Mädchen gehört, wehrt sie seine Annäherungsversuche zuerst ab ("Ich darf nicht mit fremden Männern sprechen"), erliegt dann aber doch seinem Charme. Sie scherzen, er trifft für sie an der Schießbude, irgendwann küssen sie sich. So weit, so millionenfach erlebt. Dann aber: sie steht mit schwangerem Bauch verheult vor sie hart verhörenden Nonnen: Hast du dich nicht gewehrt, hast du deine Unterhose ausgezogen? Hast du es etwa genossen? Schande über dich!

49198640.jpg

Streng: Abtei Sean Ross in Irland (undatiert).

(Foto: picture alliance / dpa)

Die 18-jährige Philomena, die der Vater zu den Nonnen ins Internat geschickt hatte, da er nach dem Tod der Mutter mit der Kinderschar überfordert war, wurde allerdings nie aufgeklärt – ihr hat nie jemand gesagt, was es mit den Babys auf sich hat. Das lassen die hartherzigen Nonnen aber nicht gelten; zur Strafe für ihre Sünden muss Philomena die schwere Geburt – das Kind liegt in Steißlage – ohne Schmerzmittel durchstehen. Damit der Bestrafung nicht genug: die jungen Mädchen und Frauen in der katholischen Anstalt müssen sieben Tage die Woche hart schuften, ohne Entlohnung (sie bekommen ja schließlich Essen und Unterkunft) und sie dürfen ihre Kinder jeweils nur eine Stunde am Tag sehen. Und das auch nur so lange, bis ihre Kinder an reiche US-Amerikaner verkauft werden – dann werden die Kinder weggeführt, ohne Abschied, ohne jeden weiteren Kontakt.

Schande Kind

Klingt wie ein grausamer Alptraum? Ist aber bittere Realität, so geschehen über viele Jahre im erzkatholischen Irland, wo ein uneheliches Kind als große Schande galt. Die jungen Mütter mussten der Adoption ihrer Kinder sogar zustimmen – sie hatten allerdings auch keine andere Wahl; ihre Familien hätten sie und ihre "Bastarde" ja nicht aufgenommen. Die Geschichte von "Philomena" ist also eine wahre – sie wurde im Jahr 2009 im Buch "The lost child of Philomena Lee" des Journalisten Martin Sixsmith veröffentlicht. (In Deutschland erschien es im Februar 2014 unter dem Titel "Philomena: Eine Mutter sucht ihren Sohn".) 2013 wurde sie schließlich von Regisseur Stephen Frears verfilmt.

AP685562065802.jpg

Philomena hat nur ein einziges Foto von ihrem Sohn.

(Foto: AP)

Frears konzentriert sich dabei auf das Verhältnis der beiden gegensätzlichen Charaktere – die einfache, tiefgläubige Philomena (Judi Dench) und der abgeklärte, skeptische Sexsmith (Steve Coogan) – und ihre gemeinsame Suche nach Philomenas Sohn. Erst an dessen 50. Geburtstag hatte sie ihrer Tochter von ihrem Sohn Anthony erzählt – über Jahrzehnte hatte sie ihre "Schande", aber auch ihr Leid vor aller Welt geheim gehalten. Ihre Tochter macht ihr jedoch keine Vorwürfe, sondern will ihr im Gegenteil helfen, Anthony zu finden, und fängt sofort an, im Internet zu recherchieren. So kommt es zum Zusammentreffen mit Sexsmith, eigentlich Politik-Journalist bei der BBC, gefeuerter Pressesprecher – er lehnt sein Engagement in dieser "human interest story" zuerst ab, nicht sein Metier. Aber da er gerade nichts zu tun hat, stimmt er letztlich doch zu, Philomena und ihrer Tochter bei der Suche zu helfen und im Gegenzug darüber zu schreiben.

Gebäude aus Lügen

RTR3FUG6.jpg

Die wahre Philomena Lee und ihre Tochter Jane bei einer Vorführung "ihres" Films in Los Angeles.

(Foto: REUTERS)

Was sie auf ihrer gemeinsamen Reise zum Mutter-Kind-Heim der Sean Ross Abbey in Tipperary und später in die USA herausfinden, ist schmerzhaft und empörend. Sie stoßen auf ein riesiges Gebäude aus Lügen, das die katholische Kirche aufgebaut hatte und bis zuletzt aufrechterhielt, ohne Reue. Und der irische Staat hatte die Geschehnisse nicht nur geduldet, sondern auch daran mitverdient – schließlich mussten für die adoptierten Kinder Pässe ausgestellt werden. Und es war für den Staat, der der Kirche Unterhalt für die "gefallenen Mädchen" zahlte, billiger, als für sie selbst sorgen zu müssen. Wenn Mädchen wegliefen, wurden sie meist von der Polizei wieder zurückgebracht.

Was Sexsmith - und sicher auch viele Zuschauer - erstaunt: obwohl ihr so viel Unrecht geschehen ist und geschieht, verteidigt Philomena die Nonnen noch und fühlt sich auch immer noch schuldig. (Darum hat sie dieses Geheimnis auch 50 Jahre lang mit sich herumgetragen - aus Scham. Ein uneheliches Kind - was sollen denn die Leute denken?) Ihr Glauben an Gott und auch an die Institution Kirche ist nicht oder kaum erschüttert. Dennoch ist sie tieftraurig über den Verlust - um so mehr, als sie endlich eine Spur zu Anthony finden und noch mehr tragische Ereignisse ans Licht kommen.

Es darf gelacht werden

Trotz der erschütternden, schmerzvollen Geschichte ist "Philomena" ein Film, in dem auch gelacht wird. Vor allem aus der Gegensätzlichkeit der beiden Protagonisten Philomena und Martin zieht Regisseur Frears so manchen komischen Moment - wenn sie ihm etwa begeistert die Handlung ihres gerade ausgelesenen Groschenromans erzählt oder einfach durch ihre naive Art, wie sie sich über Gratis-Getränke und Bademäntel auf Hotelzimmern freuen kann wie ein kleines Kind.

Zudem ist Steve Coogan ein komödiantisches Großtalent und vor allem als Komiker bekannt - was aber nicht dazu führt, dass er das ernste Thema durch Grimassenschneiden ins Lächerliche zieht. Im Gegenteil: Coogan beweist seine Vielseitigkeit und stellt die Entwicklung vom vor allem auf seine Story bedachten, fast schon zynischen Journalisten zum mitfühlenden Zeitgenossen und Kämpfer für Philomenas Recht glaubwürdig dar. An seiner Seite: die großartige Judi Dench, Oscar-Preisträgerin, als "M" in James Bond ebenso überzeugend wie als die brave irische Katholikin Philomena mit Oma-Dauerwelle. Die "echte" Philomena ist zu Recht stolz, im Film von ihr verkörpert zu werden. Nicht zuletzt durch seine beiden Hauptdarsteller gelingt es Regisseur Stephen Frears, die dramatische Geschichte der gestohlenen Kinder unsentimental, aber nicht minder berührend zu erzählen.

Die DVD zu "Philomena" ist bei Universum Film erschienen - bei Amazon bestellen

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen