Kino

"Woanders is' auch scheiße" "Sommerfest" mit Menschenerkenntnis

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Wenn du eh schon mal da bist - warum nicht zusammenbleiben?

(Foto: Tom Trambow X Verleih)

Wenn man wieder zurückkommt in sein Dorf oder seine Kleinstadt, oder egal wohin, dann ist meist etwas schiefgelaufen. Oder die Sehnsucht ist zu groß. Oder jemand ist gestorben. Oder die Jugendliebe ist doch größer, als man denkt.

Wenn der Regisseur sagt, dass Sommer ist, dann ist auch Sommer! Egal, wie die Temperaturen sind. Wenn also Sönke Wortmann sagt: "Sommermärchen, aber flott!", dann ballert sich die Nationalelf in die Herzen und in die Geschichtsbücher. Mit "Deutschland - Ein Sommermärchen" hatte Wortmann einen Dokumentarfilm geliefert, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte, denn es ging auch um Gefühle, die "die Deutschen" schon so lange nicht mehr gefühlt hatten: Stolz. Heimat.

Ein Fahnenmeer aus Schwarz-Rot-Gold, Musik in Einheimisch und das Schönste: Es sollte anhalten. Natürlich nicht in der Intensität, aber dieses Hochgefühl sollte anhalten! Die WM, die aus den Deutschen gute Gastgeber gemacht hatte, war 2006. Gewonnen haben "wir" nicht, aber damals stimmte einfach alles: "So stellt sich der liebe Gott die Welt vor", resümierte Franz Beckenbauer, der WM-Einfädler, begeistert. Und sogar die Temperaturen passten sich der Gefühlslage an: Es wurde auf der Stelle sommerlich.

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Kumpel und Omma - unverändert.

(Foto: Tom Trambow X Verleih )

Nun, inzwischen sind wir Fußball-Weltmeister, zum vierten Mal, die nächste WM steht vor der Tür, von einem Sommermärchen sind wir in jeglicher Hinsicht weit entfernt und die Welt ist bei Weitem nicht so, wie der liebe Gott sie sich vorstellen würde. Doch da kommt dann Sönke Wortmann um die Ecke, wieder mit etwas Sommerlichem. Nach "Das Wunder von Bern" und "Frau Müller muss weg" widmet er sich wieder dem Idyll der Kleinstadt. Auch Fußball soll eine große Rolle spielen, aber vor allem das Thema "Jugendliebe". Und Familie.

Tief im Westen

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Charlie weiß, wie der Hase läuft.

(Foto: Tom Trambow X Verleih )

Wortmann erzählt in "Sommerfest" die Geschichte einer Jugendliebe, die die Zeit überdauert hat und jung geblieben ist. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Frank Goosen kommt Wortmann mit Witz und Wehmut der literarischen Vorlage recht nahe - und widmet den Film allen, die schon einmal geliebt haben.

Und darum geht's: Stefan (Lucas Gregorowicz), mäßig erfolgreicher Theaterschauspieler in München, kommt nach zehn Jahren zurück nach Bochum (kurzes o, scharfes ch), um den Haushalt seines verstorbenen Vaters aufzulösen. Dass er nur mäßig erfolgreich ist, lässt sich leicht feststellen an der Frage, die eigentlich fast jeder an Stefan hat: "Muss man dich kennen?" Drei Tage Bochum also, dann will er wieder zurückfahren. Aber dann sind sie plötzlich alle da: die Kumpels, die Freunde, "Omma Änne", alles Originale in der weiten Welt des Ruhrgebiets, der Welt seiner Kindheit und Jugend. Und sie alle lassen ihn erkennen: "Woanders is' auch scheiße." Denn hier, im Pott, da herrscht sie noch, die unverblümte "Menschenerkenntnis". Jaa, Freunde, zu Hause, dat is' da wo dir unverblümt gesacht wird, watt is'. 

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"Sommerfest" startet am 29. Juni 2017 in Deutschland.

Gesagt bekommt Stefan auch, dass er sich mal zackig bei der Charlie (Anna Bederke) melden sollte. Und - so sehr er sich auch vor dieser Begegnung drückt - sie ist nunmal seine große Jugendliebe. Und sie weiß genau, wo es im Leben langgeht. Auch für Stefan. Als er der Frage "Und - haste dich schon bei Charlie gemeldet?" nicht mehr aus dem Weg gehen kann, nehmen die Dinge ihren Lauf. Bittersüß und jenseits aller "Keinohrhasen"-Ästhetik verläuft das Dating zwischen Duisburg und Dortmund, aber doch überraschend schön.

Für den im Ruhrgebiet geborenen und aufgewachsenen Regisseur und Drehbuchautor Sönke Wortmann ist der Film eine Hommage, eine Rückkehr zu seinen eigenen Wurzeln. Um ein möglichst authentisches Bild der Region und ihrer Menschen zu schaffen, besetzte er die Schlüsselpositionen in seinem Produktionsteam durchweg mit Mitarbeitern, die zwischen Duisburg und Dortmund großgeworden sind. So auch Lucas Gregorowicz als Stefan, der neben der sowohl spröden wie auch romantischen Anna Bederke die Hauptrolle spielt. Gregorowicz verbrachte seine Jugend in Bochum und besuchte dort auch die Schauspielschule. Dass diese Truppe ein Herz für Bochum und Umgebung hat, merkt man dem Film in jeder Sekunde an.

"Sommerfest" läuft ab 29. Juni in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de, soe