Kino

Es war (k)einmal in Hollywood Tarantino gräbt Charles Manson aus

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Nein, das ist nicht Manson, sondern Brad Pitt als Stuntman Cliff Booth.

(Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH)

"Once Upon a Time in ... Hollywood" heißt der neue Film von Quentin Tarantino. Doch tatsächlich erzählen er, Leonardo DiCaprio und Brad Pitt darin eine fiktive Geschichte - mit ein paar Anleihen bei der Realität. Hat Tarantinos womöglich vorletzter Streifen wieder mal das Zeug zum Kult?

Es ist die Nacht auf den 9. August 1969. In Los Angeles dringen ein paar durchgeknallte Anhänger von Sektenguru Charles Manson in das Anwesen von Regisseur Roman Polanski und dessen Ehefrau, Schauspielerin Sharon Tate, ein. "Ich bin der Teufel. Und ich bin hier, um die Arbeit des Teufels zu verrichten", erklärt Haupttäter Charles Watson, ehe das Massaker beginnt. Mit zahlreichen Messerstichen ermorden die Manson-Jünger die im neunten Monat schwangere Tate, deren Mann gerade in London dreht, und drei ihrer Freunde. Schon zuvor hatten sie einen 18-Jährigen niedergeschossen, der sich nur zufällig in der Nähe der Villa aufhielt.

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Quentin Tarantino ist an diesem 9. August 1969 gerade mal sechs Jahre alt. Doch vermutlich gehen die Gräueltaten auch an ihm als Kind nicht spurlos vorüber. Schließlich erschüttern sie damals nicht nur die Hollywood-High-Society. Sie sorgen überall in den USA und auf der ganzen Welt für Entsetzen - aber das Grauen übt auch Faszination aus.

Somit sind die damaligen Ereignisse eigentlich geradezu prädestiniert dafür, von Tarantino cineastisch aufs Tapet geholt zu werden. Sei es, weil der Regisseur damit ein Kindheitstrauma verarbeiten kann. Sei es, weil die Geschehnisse eins zu eins mit seiner Leidenschaft für Gewaltexzesse auf der Leinwand korrespondieren. Sei es, weil das Sujet perfekt zu Tarantinos Faible für die Zeit, Moden und Looks der 70er (oder in dem Fall der späten 60er) passt. Oder sei es, weil ihm die Geschichte mal wieder eine Blaupause für eines seiner Lieblingsthemen bietet: den selbstreferenziellen Blick auf das Filmgeschäft.

Der Star und sein Double

Letzteres ist vordergründig ohnehin der eigentlich bestimmende Handlungsstrang in "Once Upon a Time in ... Hollywood", Tarantinos mittlerweile neuntem und womöglich vorletztem Kinofilm - zumindest hat er erklärt, nicht mehr als zehn Filme drehen zu wollen. Im Zentrum stehen zunächst einmal der Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) und dessen Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt). Beide hat es im wahren Leben nie gegeben. Ihre Beziehung ist lediglich lose an reale Vorbilder wie Steve McQueen und sein Double Bud Ekins oder Burt Reynolds und seinen Stuntman Hal Needham angelehnt.

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Leonardo Di Caprio mimt den Schauspieler Rick Dalton.

(Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH)

Dalton hat eine Karriere als TV-Star hinter sich, die in der sich wandelnden Branche der Flower-Power-Ära jedoch den Bach runterzugehen droht. Booth ist nicht nur im Film sein Mann für alle kniffeligen Fälle, sondern auch privat sein bester Kumpel und Helfer in jeder Lebenslage. Während Dalton als Nachbar von Polanski (Rafal Zawierucha) und Tate (Margot Robbie) das luxuriöse Leben eines Schauspielers lebt, reicht das Salär für Booth lediglich zu einem bescheidenen Leben im Trailer. Der Freundschaft zwischen den beiden tut das keinen Abbruch.

Eines Tages gabelt Booth eine junge Frau mit dem Spitznamen Pussycat auf, die sich trotz des Altersunterschieds für ihn zu interessieren scheint. Gemeinsam fahren sie zur Spahn Movie Ranch, einem ehemaligen Western-Drehort, wo die Mitglieder der Manson-Sekte hausen. Sein Flirt mit dem Hippie-Mädchen wird für Booth rasch zu einer unheimlichen Begegnung der anderen Art, scheint er bei den Kumpanen von Pussycat doch nicht gerade willkommen zu sein. Noch weiß er nicht, dass es nicht sein letztes Zusammentreffen mit der Manson-Gang sein wird ...

Märchen aus der Traumfabrik

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Grandseigneur Al Pacino schlüpft in eine Nebenrolle.

Mit seinen lediglich acht Filmen (wenn man die beiden Teile von "Kill Bill" zusammenzählt) vor "Once Upon a Time in ... Hollywood" hat sich Tarantino den Ruf des vielleicht größten Kultregisseurs unserer Zeit erarbeitet. Und das, obwohl nun auch nicht wirklich alle seiner Streifen - wenn man etwa auf "Death Proof" oder sein bis dato letztes Werk "The Hateful Eight" blickt - uneingeschränkte Meisterwerke waren. Dennoch gelang es ihm, immer wieder unterschiedliche Maßstäbe zu setzen, sei es bei der Story und den Dialogen ("Pulp Fiction") bei der Action ("Kill Bill") oder bei den Leistungen seiner Schauspieler (von John Travolta in "Pulp Fiction" über Uma Thurman in "Kill Bill" bis hin zu Christoph Waltz in "Inglourious Basterds" und Leonardo DiCaprio in "Django Unchained").

In den USA ist "Once Upon a Time in ... Hollywood" bereits erfolgreicher als jeder Tarantino-Film zuvor gestartet. Umfrageinstituten zufolge gaben dabei überproportional viele Kinobesucher an, sich den Streifen speziell wegen des Regisseurs anzugucken. Spielt die Identität des Filmemachers normalerweise eine verschwindend unbedeutende Rolle, erklärte in diesem Fall nahezu jeder Zweite, das Kinoticket gelöst zu haben, weil Tarantino bei dem Film im Regiestuhl saß.

Mit anderen Worten: Die Erwartungen an "Once Upon a Time in ... Hollywood" sind exorbitant hoch. Doch kann Tarantino seinem Lebenswerk mit seinem neuen Märchen aus der Traumfabrik einen weiteren Meilenstein hinzufügen?

Pitt und DiCaprio - wie Stan und Olli

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Margot Robbie wird zu Sharon Tate.

(Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH)

Fangen wir mit dem Positiven an: Visuell ist sein Film Nummer neun vielleicht der stärkste, den Tarantino je auf die Leinwand gebracht hat. Mit einer unglaublichen Liebe zum Detail entführt er uns zurück in das Los Angeles seiner Kindheit, als wäre man tatsächlich mittendrin statt nur dabei. Spaß macht nach "Inglourious Basterds" auch Tarantinos erneutes Spiel mit der Vermischung von Fiktion und Realität, bei der etwa auch Action-Ikone Bruce Lee (Mike Moh) eine reichlich unrühmliche, dafür aber umso amüsantere Rolle zufällt.

Schließlich ist der Streifen auch schauspielerisch mal wieder ein absolutes Highlight. Nie zuvor standen Leonardo DiCaprio und Brad Pitt bislang gemeinsam vor der Kamera. Spätestens jetzt schüttelt man verwundert den Kopf darüber: Warum eigentlich nicht? Bei der Spielfreude, die die beiden als Duo in "Once Upon a Time in ... Hollywood" an den Tag legen, gehören sie eigentlich zusammen wie Stan und Olli, Bud Spencer und Terence Hill oder R2-D2 und C-3PO. Ein besonderes Bonmot ist auch der Einsatz von Schauspiellegende Al Pacino in der Nebenrolle des Filmagenten Marvin Schwarz.

Witzigkeit kennt eine Grenze

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Ist es wirklich Quentin Tarantinos vorletzter Film?

(Foto: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH)

Doch trotz all dieser positiven Aspekte: "Once Upon a Time in ... Hollywood" gehört nicht zu den größten Filmen Tarantinos. Das liegt zum einen am nur bedingt originellen Plot, zum anderen an der mitunter ziemlich langatmigen Erzählung der Geschichte mit nur wenigen Spannungsmomenten. Vor allem jedoch hapert es - von ein paar Ausnahmen wie der Szene mit besagtem Bruce Lee mal abgesehen - am Tarantino-typischen Dialogwitz.

John Travolta und Samuel L. Jackson hätte man in "Pulp Fiction" stundenlang dabei zuhören können, wie sie sich über einen schnöden Cheeseburger unterhalten. Der Gangster-Smalltalk in der Eingangsszene von "Reservoir Dogs" ist beispielsweise ebenso legendär wie natürlich die Eröffnung von "Inglourious Basterds" mit Christoph Waltz als SS-Scherge Hans Landa. Bei "Once Upon a Time in ... Hollywood" versickern die Dialoge in ihrer Länge dagegen regelmäßig. Statt Faszination breitet sich Ermüdung aus. Das ist schade, macht Tarantinos Werk Nummer neun aber noch nicht zu einem schlechten Film. Nur eben nicht zu seinem besten.

"Once Upon a Time in ... Hollywood" läuft ab dem 15. August in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de