Kino

Julian Schnabel über Van Gogh "Was es bedeutet, Künstler zu sein"

Die Kamera schweift über ein Sonnenblumenfeld. Die Pflanzen sind geknickt, verblasst, vertrocknet. Manchmal erkaltet das Bild in Schwarz-Weiß, dann wieder ist alles in Goldgelb getaucht. "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" ist ein Film, den man vor allem für seine Bilder lieben kann. Er ist langsam erzählt, zu langsam vielleicht für den durchschnittlichen Kino-Gänger. Doch hier gelingt etwas, für das es auszuharren lohnt. Als Regisseur blickt Julian Schnabel, selber auch Maler, hinter den Mythos Van Gogh. Er macht ihn in seiner Leidenschaft erlebbar und lässt den Wahnsinn nebenher existieren.

Für seinen Film hat der 67-jährige Schnabel große Namen verpflichtet. Willem Dafoe ist umwerfend ausdrucksstark als Van Gogh. Zu ihm gesellen sich Oscar Isaac als Malergefährte Paul Gauguin, Rupert Friend als Bruder und Kunsthändler Theo von Gogh und Mads Mikkelsen, der einen Geistlichen spielt. Doch nicht nur aus Hollywood hat sich Schnabel Hilfe geholt. Seine Frau stand ihm während der Arbeit beratend zur Seite, sie hat am Drehbuch mitgearbeitet und den Film gemeinsam mit Schnabel geschnitten. Im Gespräch mit n-tv.de erzählen die beiden von ihrem gemeinsamen Projekt und sie verraten, wer sich bei Meinungsverschiedenheiten durchsetzt.

n-tv.de: Ihr Film hat mich eher mit einem Gefühl zurückgelassen als mit einem Gedanken. Gefällt Ihnen diese Reaktion? Haben Sie es vielleicht sogar darauf abgesehen?

Louise Kugelberg: Uns war es sehr wichtig, den Film zu einer körperlichen Erfahrung zu machen. Das Publikum soll fühlen, was Vincent gefühlt hat. Der Film ist in der ersten Person erzählt. Die Figuren sprechen einen an. Man wandert durch weite Landschaften, betrachtet sie durch seine Augen. Das Gefühl ist dabei genauso wichtig wie der Gedanke.

Julian Schnabel: Es gibt keine Trennung von Gefühl und Gedanke.

Interessant. Wieso finden Sie das?

Schnabel: Wieso nicht? Ich glaube, dass es wahr ist. Ich verstehe, was Sie meinen, wenn Sie sagen: Ich hatte ein Gefühl, keinen Gedanken. Was aber ist, wenn jemand zu Ihnen sagt: "Lass all deine Gedanken los!"? Es geht nicht. Das Leben ist eine Erfahrung, ein Zusammenspiel von Dingen, die einen Eindruck hinterlassen. Vor der Arbeit an "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" bin ich mit unserem Drehbuchautor Jean-Claude Carrière durchs Musée d'Orsay gelaufen, und wir haben uns Gemälde angeguckt. Ich wusste sofort, dass der Film keine klassische Biografie werden würde. Wenn man sich 15 Malereien anschaut, hat man beim Verlassen der Ausstellung ein Gefühl für den Künstler. Es ist eine Anhäufung von Gefühlen. Wir haben also begonnen, uns solche Versatzstücke selbst auszudenken, zusammenzusetzen und daraus etwas Neues zu machen. Etwas, das auch ohne Sprache auskommt.

Sie haben das Musée d'Orsay bereits erwähnt. Dort hatten Sie vor ein paar Monaten die Gelegenheit, Ihre Arbeiten neben denen von Van Gogh zu zeigen. Wie war das?

Schnabel: Es war schön. Mich hat es sehr glücklich gemacht. Louise hat übrigens die Wände für die Ausstellung gebaut. Sie haben die Räume auch nach Ende der Show so gelassen und werden Gauguins und Van Goghs Arbeiten in den Raum hängen.

Kugelberg: Es ist interessant, wie Van Gogh immer wieder in unserem Leben auftaucht, obwohl wir mit dem Film fertig sind.

Schnabel: Sie haben die Ausstellung nicht gesehen, oder?

Nein, aber ich habe darüber gelesen.

Schnabel: Haben Sie das Bild von Tina Chow neben dem Bild von Van Gogh gesehen? Die Gemälde haben unterschiedliche Größen, aber das Größenverhältnis der Figuren zum Rahmen ist dasselbe. Achten Sie auch auf die Strichführung: Er malt diese Energiewellen um seinen Kopf herum, ich habe mit Keramikscherben einen ähnlichen Effekt erzielt. So treten die Arbeiten miteinander in den Dialog.

Im Film sagt Van Gogh: "Ich male, um aufzuhören, zu denken." Würden Sie sagen, das kommt unter Künstlern häufig vor?

Schnabel: Ich habe keine Ahnung, wie das bei den anderen ist, aber in meinem Fall trifft es definitiv zu. Vielleicht haben wir den Film gemacht, um mit dem Denken aufzuhören. Oder wir haben ihn gemacht, um damit anzufangen. Darüber müssten wir mal nachdenken. Oder aufhören, darüber nachzudenken.

Haben Sie darüber nachgedacht, wie es sein würde, mit dem Partner zusammenzuarbeiten?

Kugelberg: Wir haben das nie wirklich entschieden. Es ist einfach passiert.

Schnabel: Es gab diesen Moment, in dem wir uns entscheiden mussten: Tun wir es oder tun wir es nicht? Wir selbst sind keine sonderlich professionellen Leute. Vielleicht ist sie es, aber ich bin es nicht. Wir arbeiten allerdings mit hochprofessionellen Schauspielern zusammen. Wenn wir nicht zu dem Zeitpunkt gedreht hätten, an dem wir gedreht haben, hätten wir ein Jahr warten müssen. Und wenn wir ein Jahr gewartet hätten, hätten sie vielleicht andere Verpflichtungen gehabt. Dabei wollte ich eigentlich gar keinen Film über Van Gogh machen. Es gibt zu viele Filme über ihn. Jeder glaubt, bereits alles über ihn zu wissen.

Was hat Sie überzeugt?

Schnabel: Genau das: Es gibt so viele Filme über ihn und keiner ist wirklich gelungen.

Haben Sie durch die gemeinsame Arbeit am Film etwas über die Kreativität des anderen gelernt?

14_AEG.jpg

Willem Dafoe spielt in Julian Schnabels Film den Maler Vincent Van Gogh.

(Foto: DCM)

Schnabel: Ich schon.

Kugelberg: Selbstverständlich. Ich wusste ja nicht, dass ich an einem Film arbeiten würde. Aber ich habe verstanden, dass ich dabei helfen kann, Dinge umzusetzen. Irgendwann hatten wir das Gefühl: Das kann der eine von uns besser machen, das der andere. Wir haben sehr eng zusammengearbeitet.

Schnabel: Louise hat den Film besser gemacht. Manchmal waren wir uns uneins darüber, an welchem Ort wir eine Szene filmen wollen. Ich habe einige Takes gedreht, aber es hat nicht funktioniert. An ihrer Location war es dann definitiv besser.

Woher haben Sie Ihr gutes Auge für Landschaft?

Schnabel: Louise ist in Schweden auf dem Land aufgewachsen und war viel in der Natur unterwegs. Van Gogh ist auch viel gelaufen - quer durch England, quer durch Südfrankreich. Wenn Sie sich seine Zeichnungen ansehen, werden Sie merken: Er ist weit weg von anderen Menschen. Deswegen mussten wir auch weit laufen. Ich bin vorher niemals irgendwohin gelaufen. Also bin ich Louise gefolgt. Nur weil wir diese Wanderung gemacht haben, konnten wir die Blickachsen und Bilder entdecken, die jetzt im Film zu sehen sind.

Sie haben ja bereits erwähnt, dass es schon viele Filme über Van Gogh gibt. Was macht Ihren zu einer notwendigen Ergänzung?

Schnabel: Es geht um Malerei und nicht nur um Van Gogh. Jeder, der irgendwann mal versucht hat, irgendetwas zu kreieren, wird durch diesen Film etwas über seinen eigenen Schaffensprozess verstehen. Es geht darum, was es bedeutet, Künstler zu sein.

Mit Louise Kugelberg und Julian Schnabel sprach Anna Meinecke

"Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" läuft ab dem 18. April in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema