Hörbücher

"Wir Kinder vom Bahnof Zoo" Christiane F. zuhören - und lernen!

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Christiane F. - sie fasziniert noch immer.

(Foto: imago images / Photo12)

Christiane F. war 16 Jahre alt, als ein Buch sie schlagartig berühmt machte: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", geschrieben von den "Stern"-Redakteuren Kai Hermann und Horst Rieck, dokumentierte das Leben eines drogensüchtigen Kindes im Moloch Berlin. Seit dem 18. Februar bietet Audible nun die Möglichkeit, so tief in die Welt der Kinder vom Bahnhof Zoo einzutauchen wie noch nie zuvor. Mit der Audio-Dokumentation "Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo" von Clemens Marschall, Lorenz Schröter und Miku Sophie Kühmel bekommt man erstmals bislang unveröffentlichte Original-Aufnahmen der Interviews zwischen Christiane F. und den "Stern"-Reportern zu hören. Man taucht ein in diese Welt, die so schrecklich und dennoch faszinierend ist, man erfährt, was für ein kluges Mädchen diese Christiane F. war und was für eine starke Frau diese Christiane Felscherinow noch immer sein muss. Die aufrüttelnden O-Töne und Recherchen der Autoren entführen die Hörer in das West-Berlin der 70er-Jahre und lassen sie das Lebensgefühl einiger Teenager, das von Drogen, Musik, Nachtleben, Prostitution und Emanzipation geprägt war, nachempfinden.

Schauspielerin und Hörbuchpreis-Preisträgerin Bibiana Beglau führt durch diese einmalige Audio-Dokumentation, mit ntv.de spricht sie über West-Berlin, die Zeit, in der sie selbst das Buch gelesen hat und darüber, was sie an der Geschichte der Christiane F. fasziniert hat - und immer noch fasziniert.

ntv.de: Christiane F. auf allen Kanälen - das zweite Buch gibt es schon eine Weile, die Serie seit Mitte Februar und nun eine Audio-Dokumentation. Wie kam es dazu?

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Einzigartig in der deutschsprachigen Film- und Theaterszene: Bibiana Beglau.

(Foto: Stephanie Fuessenich)

Bibiana Beglau: Ich wurde gefragt und habe sofort zugesagt, da mich dieser Stoff schon immer gereizt hat. Obwohl ich noch gar nicht genau wusste, wie es vonstattengehen soll. Es ist ja kein Hörspiel, ich spiele keine Rolle, sondern ich lese eine Beschreibung der Zeit. Dieser sehr speziellen Zeit. Was damals los war in der "BRD" und in West-Berlin, was Frauenrechte angeht zum Beispiel. Wie die Gesellschaft noch keinen Umgang mit Suchtkranken hatte und wie Kinderprostitution einfach übersehen worden ist.

Christiane F. war damals weit weg für mich, obwohl ich höchstens zehn Kilometer entfernt vom Bahnhof Zoo in der Zeit aufgewachsen bin - ich habe mich ferngehalten. Und fühlte mich ihr aber immer nah. Sie jetzt in der Audio-Doku zu hören ist wirklich krass, denn sie wirkt so schlau und wohl überlegt auf mich.

Das hat mich auch sehr für sie eingenommen: Sie ist ja eine unglaublich intelligente Galionsfigur für eine Jugend. Dass sich da ein Mensch getraut hat, die Amplitude des Lebens so komplett auszuprobieren. Sie ist ja später auch anschaffen gegangen, obwohl sie mit dem Buch und dem Film schon damals nicht nur berühmt, sondern auch reich geworden war. Sie hat sich zwischen den Welten bewegt, sie war eine strahlende Pop-Ikone einer Welt, von der viele lieber nichts wissen wollten, denn man sah ihr den Drogenmissbrauch auf den ersten Blick ja kaum an. Sie war ein irre schönes Mädchen und später junge Frau. Und auf der anderen Seite war sie diese dunkle, traurige Person - sie vereint einfach große starke Gegenpole, das macht sie so besonders.

So ein schönes und schlaues Mädchen, so reif - wie konnte sie so abrutschen in die Drogenwelt? Es tut weh, diesem 15-jährigen Mädchen zuzuhören.

Christiane F. beschreibt sehr eindrücklich, wie so etwas vonstattengeht. Wir können froh sein, dass wir eine solch mutige Berichterstatterin aus dieser Welt haben. Die, die nicht wie Babsi und Co. verstorben oder total abgestürzt ist - und nicht wortlos im Nichts verschwunden ist. Sondern da ist ein Mensch, der die anderen aufgeregt, aufgerüttelt und mitgenommen hat. Baudelaire würde sagen: "Ein Engel geht durch den Raum". Wir brauchen diese Menschen, die davon erzählen. Oder denken Sie, dass auch nur ein Mensch auf dem Zettel hatte, was da am Bahnhof damals wirklich los war? Es wusste ja auch keiner damals, wie man reagieren sollte. Das waren Kinder! Mädchen und Jungs, die auf den Strich gegangen und einer todbringenden Droge verfallen sind …

… auch auf den sogenannten "Babystrich"...

Da ist dann ein junger Mensch wie Christiane F., die Zeugnis ablegt und Räume betritt, in die sich andere niemals hineintrauen würden. Die sie bis heute überlebt hat. Dass sie aus ihrem Leben berichtet, ist ein Glück für unsere Gesellschaft.

Wie sie das überlebt hat, wundert mich auch immer wieder.

Es gibt einfach Ausnahmefiguren. Dazu gehört Christiane F. auf jeden Fall. Und solche Menschen lernen dann auch immer andere Überflieger kennen, so wie sie zum Beispiel den Alexander Hacke (von den Einstürzenden Neubauten, Anm.d.Red.) - solche Leute lernen sich ja nicht umsonst kennen. Ich glaube, da gibt es eine spezielle Anziehungskraft.

Christiane F. hat sich immer wieder gefangen - was für eine Stärke!

Sie war - und ist wahrscheinlich - ein todesmutiger Mensch. Und sie war bestimmt auch irgendwo kaputt und hat Höllenqualen gelitten, aber menschlich war sie nie kaputt. Wenn man sich ihre Aufnahmen anhört, dann spürt man, was für eine Energie sie schon damals hatte. Da müssen sich andere vor gefürchtet haben. Dieser Trotz, diese Stärke, dieser Mut, der von ihr ausgeht. Die Leute müssen von ihr irgendwie immer sehr überrascht gewesen sein, weil sie mit diesem Selbstbewusstsein aufgetreten ist, das man bei Kindern und jungen Erwachsenen eher nicht erwartet.

Ich war jedenfalls geflasht, sie zu hören.

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Tatsächlich war Christiane F. einfach immer wunderschön.

(Foto: imago images / Photo12)

Ich hoffe, dass sich ganz viele unsere Audio Doku anhören, denn Christiane F. ist einfach ein brennendes Thema. Sie war es und sie ist es und wahrscheinlich bleibt sie es auch. Sie vereint zwei Welten in sich, sie ist eine wahre Ikone.

Sollten sich Teenager die Serie, die auch gerade angelaufen ist, angucken, die Audio-Doku anhören? Ich bin da so hin- und hergerissen ….

… zwischen "Soll eine Warnung sein" und "Wow, wie faszinierend?" (lacht) Versteh' ich. Meine Mutter hat mir das Buch gegeben, da war ich zwölf, glaube ich, und sie meinte das als Warnung! Ich fand das natürlich mehr als aufregend, das war ein Bericht aus einer Welt, die ich so überhaupt nicht kannte. Ich lernte, dass das Böse durchaus nicht hässlich sein musste. Das Dunkle, diese andere Welt, dieses Verführerische, das mit ganz anderen Parametern operierte, als das normale Leben, als die Saubermannwelt, aus der ich kam. Heute sprechen wir nicht mehr von "der Droge" - es gibt einfach zu viele, man wirft alles ein, ist eher polytoxisch unterwegs und viel weniger abhängig von einem einzigen Rauschmittel wie zum Beispiel Heroin.

Heute sind es, glaube ich, Amphetamine.

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Christiane Felscherinow 2013 auf der Frankfurter Buchmesse.

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

In den verschiedensten Formen, das kann sein. Die Welt träumt weiterhin davon, im Berghain und anderen Berliner Clubs durchzutanzen; damit meine ich, dass Clubber aus der ganzen Welt kommen, um in diesen Tempeln zu tanzen. So lebendig und wunderbar die Szene auch ist, so todbringend kann sie auch sein. Und so war damals auch die Szene um Christiane F. Diese Stadt kann eine Menschenfresserin sein. Ich glaube, dass Jugendliche eine solche Welt immer noch faszinierend finden.

Das versteh' ich, aber man muss dann drüber reden, oder? Hat Ihre Mutter mit Ihnen geredet über das Buch?

Bei uns wurde nicht viel geredet. Ich habe das Buch dann auch nicht mehr aus der Hand gelegt, weil ich es toll fand. Die Warnung hat überhaupt nicht funktioniert.

Waren Sie gefährdet, fühlten Sie sich hingezogen?

Hingezogen auf eine gewisse Art, aber gefährdet war ich nicht. Ich hatte etwas entdeckt, und zwar andere Autoren, die nicht so kommod ins Weltbild passten. Zum Beispiel Baudelaire, den lese ich bis heute immer wieder und gerne. Weil ich durch das Buch einen Blick in eine andere Welt bekommen habe. Und ich will diese Welt weder bewerten noch verachten, ich akzeptiere diese Welt und ich weiß, dass sie ein Teil von uns ist.

Wir haben ja eine Sehnsucht nach dem Kaputten, dem Dunklen, sind fasziniert von abgeranzten Läden, wollen zu ohrenbetäubender Musik tanzen und besinnungslos werden, auf die eine oder andere Art. Ist das das Tier in uns, besonders nach diesem Corona-Jahr, dass man sich wieder nach einer schlimm riechenden Kneipe und verbotenen Sachen sehnt?

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Christiane Felscherinow ist selbst Mutter - hält den Sohn aber schon immer aus allem raus.

(Foto: imago stock&people)

(lacht) Was uns fehlt, ist das Ausbrechen, in der uns vertrauten Form. Nicht dieses dem Tode geweihte, das um Christiane F. schwelte, sondern der kleine Ausbruch ins Nachtleben. Wir wollen ja nicht, dass unsere Kinder in eine solche Szene abrutschen, das ist der Horror für jede Familie. Und in der damaligen BRD muss das Bild eines jungen Menschen mit der Spritze im Arm, im Gully verreckt, ein solcher Affront gewesen sein, obwohl man doch auf dieser wunderbaren Insel West-Berlin lebte. Dass da ein so schwarzer Engel wie Christiane F. lebt und angebetet wird, das passte ja auch überhaupt nicht ins Weltbild. Aber dort lebten eben auch David Bowie, Iggy Pop, Blixa Bargeld und Konsorten, das war selbstverständlich anziehend für viele junge Menschen. Dieses Leben, obwohl es schnell tödlich enden konnte, hatte eine enorme Ausstrahlungskraft, eine hohe Erotik, das darf man nicht unterschätzen. Und die Stadt hat das immer noch mit der sehr diversen Club-Landschaft.

Ich habe lange nicht mehr darüber nachgedacht, über die Kinder vom Bahnhof Zoo und die Zeit damals, habe alles irgendwie dreckig in Erinnerung. Aber es hatte tatsächlich eine enorme Faszination.

Dreck hat eben auch Schönheit. Wir wollen eigentlich, dass das Böse, das Dreckige, hässlich ist. Und dass das Gute licht ist, hehr und schön.

Wird der Dreck, werden die Orte, an und auf denen man sich früher so rumgetrieben hat, gerade nach dem Mauerfall, weniger? Ist alles zugebaut mit weißen Stadtvillen und mietengedeckelt? Oder finden wir diese Orte nur nicht mehr? Der Drogenkonsum steigt seit 40 Jahren ja dennoch kontinuierlich an …

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1981: David Bowie und Natja Brunckhorst - im Drama von Uli Edel.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Von außen mag das stimmen, aber eine Gesellschaft hat eben immer und weiterhin ihre Drogentoten. Ich bin sehr gespannt darauf, was in Oregon passieren wird, wo seit dem 1.1. ja alle Drogen frei sind. Wird die Zahl der Toten eventuell erstmal kräftig steigen? Und sich dann einpendeln? Und dann vielleicht sogar abnehmen? Zu Christiane F.s Zeiten hatte Deutschland nicht mit diesem Phänomen, diesem Problem, gerechnet. Heute wissen wir besser damit umzugehen. Wir wissen, dass Drogen Kinder und Jugendliche aus allen Schichten betreffen und wir haben Rettungsstellen, die gab es damals nicht. Das können wir uns in der heutigen Zeit kaum vorstellen. Auch, wie die Eltern, in Christiane F.s Fall gerade die Mutter, angefeindet und für alles verantwortlich gemacht wurden …

Die dafür sorgte, dass die Familie über die Runden kam, in dem sie Tag und Nacht arbeitete, das ist nicht allzu weit entfernt von vielen Wirklichkeiten auch heute noch.

Christiane F., und das können wir den Tonaufnahmen ganz deutlich entnehmen, hat einen ziemlich guten Überblick gehabt über ihre Zeit, die Themen der Gesellschaft und ihre Umwelt.

Fast beschützt sie ihren Vater und schlägt vor, man sollte doch eine Art Familienführerschein machen, bevor man Kinder zeugt. Der Vater hat ja so getan, als ginge ihn das alles nichts an, er hat seine Tochter verleugnet.

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Nimmt uns mit auf eine Wahnsinns-Zeitreise: Bibiana Beglau.

(Foto: Stephanie Fuessenich)

Vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, war damals nicht so, ganz klar. Ich habe mir einige der Orte aus Christiane F.s damaligen Leben nochmal angeschaut: den Bülowbogen und den Bahnhof Zoo, den Ort, wo früher der legendäre Club "Sound" war. Wenn man heute nach Gropiusstadt fährt, dann ist das da gar nicht so schlecht. Dort hat alles angefangen und das war ein krasser Unterschied zu ihrem vorigen Leben. Gropiusstadt war in den 1970ern weniger grün und sozial schwieriger als heute. Das ist auf Fotos deutlich zu erkennen. Es war eine Trabantenstadt, wo viele Menschen in Wohnsilos untergebracht waren. Heute sind die Bäume hoch und die Bürgersteige gepflegt. Damals hat die Welt durch dieses Buch auf die Gropiusstadt geguckt und Berlin dann eben auch so gesehen. Das hat dazu geführt, dass sich die Verantwortlichen dann mehr Mühe mit dem Viertel gegeben haben und es aufgewertet wurde - was in meinen Augen auch in einem bestimmten Maß gelungen ist.

Was ist das Beste daran, dass es "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" jetzt als Audio-Doku gibt?

Unsere Autoren haben da richtige Schätze geborgen, noch nie Gehörtes ans Tageslicht befördert. Und Menschen, die aufgeschlossen sind, die sich mit der Stadt und ihren Veränderungen befassen, die bekommen mit dieser Audio-Doku eine Menge geboten. Das ist ja eine Wahnsinns-Zeitreise, fernab vom Mainstream.

Christiane F. kommt sehr poetisch rüber, das hat mich erstaunt.

Ja, sie ist eine irre gute Erzählerin. An ihr wird die Stadt und diese Zeit festgemacht und erzählt. Und eine Insel ist Berlin doch immer noch irgendwie, oder?

Mit Bibiana Beglau sprach Sabine Oelmann

Die Audio-Doku "Das Berlin der Kinder vom Bahnhof Zoo" ist seit dem 18. Februar exklusiv bei Audible abrufbar.

Quelle: ntv.de

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