Hörbücher

Neues von Elena Ferrante Die Tabu-Tante und viele Lügen

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Protagonistin Giovanna lernt eine Welt kennen, die sich sehr von ihrer Wohlstandsumgebung unterscheidet.

(Foto: imago/Kickner)

"Was sind das denn für Charaktere?", hat sich Eva Mattes beim ersten Lesen des neuen Romans von Elena Ferrante auf so mancher Seite gefragt. Dann hat sie den Figuren mit all ihren Lügen und kollabierenden Lebensentwürfen ihre Stimme geliehen. Und das ist - mal wieder - eine Freude.

Eva Mattes und Elena Ferrante - diese beiden Namen gehören im deutschsprachigen Raum untrennbar zusammen. 91 Stunden konnten Hörerinnen und Hörer der Schauspielerin bisher dabei lauschen, wie sie die vier "Meine geniale Freundin"-Bestseller der italienischen Schriftstellerin vorliest. Jetzt sind mit "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen" fast 12 weitere Hörbuch-Stunden hinzugekommen.

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Eva Mattes ist die deutsche Stimme von Elena Ferrante.

(Foto: picture alliance / Patrick Seege)

Der in diesem Jahr auf Deutsch bei Suhrkamp erschienene Roman wurde mit viel Neugier erwartet: Es ist das erste Buch, das die unter Pseudonym schreibende Ferrante veröffentlicht hat, nachdem sie mit ihrer Neapel-Tetralogie um die beiden Freundinnen Lenù und Lila weltweite Erfolge gefeiert hatte. Die Story ist wie gewohnt packend, spielt natürlich in Neapel und knüpft erzähltechnisch an die Vorgängerromane an. Mattes fühlte sich nach ihren bisherigen Ferrante-Erfahrungen in dem neuen Buch sofort "zu Hause", wie sie in einem Interview für den Hörverlag berichtet.

Die Hässlichkeit in Person?

Im Mittelpunkt der Coming-of-Age-Geschichte steht Giovanna, zu Beginn 13 Jahre alt, am Ende 16. Die Ich-Erzählerin wächst in den 1990er-Jahren in einem Akademikerhaushalt auf und ist eine brave Tochter und Schülerin. Dann kommt die Pubertät, Giovanna schämt sich für ihren sich verändernden Körper, ihre schulischen Leistungen lassen nach. Und ein Satz ihres Vaters trifft sie zutiefst: "Sie kommt nun ganz nach Vittoria."

Vittoria ist die Schwester des Vaters und in der Familie ein absolutes Tabuthema. Wird sie doch einmal erwähnt, dann klingt ihr Name "wie der eines Monsters, das jeden besudelt und infiziert, der mit ihm in Berührung kommt", heißt es. Vittoria gilt als die personifizierte Bösartigkeit und Hässlichkeit. Doch wer ist sie wirklich? Durch den Vergleich des Vaters verunsichert, beschließt Giovanna, ihre Tante kennenzulernen.

Ferrante lässt in ihrem neuen Roman zwei Neapels mit ihren unterschiedlichen sozialen Schichten aufeinanderprallen: Giovanna und ihre Eltern, zwei Gymnasiallehrer, leben im "Rione Alto", einem wohlhabenden Viertel auf dem Vomero-Hügel. Der Vater hat sich buchstäblich aus der ärmeren "Zona industriale" hochgekämpft. Vittoria, die als Putzfrau arbeitet, wohnt noch immer dort im unteren Neapel, in einem nach Müll stinkenden Haus mit kaputten Stufen.

Zwischen Sexgeplauder und Katholizismus

Das Treffen mit ihrer Tante ändert für Giovanna alles. Sie taucht in eine ihr fremde Welt ein, in der es lebendig, leidenschaftlich und auch gefährlich zugeht. Auf der einen Seite wird vulgär über Sex gesprochen, auf der anderen spielt der Katholizismus eine große Rolle. Aber Giovanna kommt auch verstörenden Geheimnissen auf die Spur. Sie muss feststellen, dass ihre Eltern ein verlogenes Leben führen, im Falle des Vaters ein Doppelliebesleben. Giovannas Neugier auf ihre Tante setzt einen Prozess in Gang, in dessen Verlauf das scheinbare Mittelstandfamilienidyll zerbricht.

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"Es gibt Stellen in diesem Buch, da denkt Giovanna so intensiv nach und reflektiert ihre Situation und die ihrer Eltern so genau, so differenziert, so wahrhaftig", findet Mattes. "Das sind Stellen, die mich einfach besonders beeindruckt haben. (...) Das sind Perlen." Giovanna zieht ihre eigenen Schlüsse aus den vielfältigen Lügenkonstrukten um sich herum: Je weniger ersichtlich für sie ist, wem sie wirklich trauen kann, desto mehr empfindet sie selbst Spaß daran, zu lügen - egal ob sie gerade im oberen oder unteren Neapel ist.

Wie spielen Lüge, Wahrheit und Wahrnehmung zusammen? Dieser Frage spürt Ferrante aus der Sicht eines pubertierenden, um Identität ringenden Mädchens klug nach. Dabei gelingt ihr wieder das, was schon ihre neapolitanische Saga ausgezeichnet hat: mit großer Süffigkeit und Zugänglichkeit über tiefgründige psychologische Fragen zu schreiben.

"Zum Teil sehr ordinär"

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Ganz Ferrante scheut sie dabei nicht das Schmutzige, Abgründige und Überraschende. "Die Temperamente der einzelnen Figuren sind wieder sehr konkret, sehr kräftig, zum Teil sehr ordinär", sagt Mattes. Manchmal habe sie sogar gedacht: "Um Gottes willen, was sind das denn für Charaktere? Aber die kann man dann auch sehr 'saftig' sprechen." Und das Ergebnis macht beim Zuhören extrem viel Freude. Mattes' Ferrante-Interpretation ist erneut ein Genuss. Ihre warme und ruhige Stimme und die Art, wie sie die einzelnen Personen und ihre Emotionen durch sprachliche Schattierungen lebendig werden lässt, passen perfekt.

Das Ende des Romans lässt hoffen, dass die ehemalige "Tatort"-Kommissarin auch in Zukunft noch Gelegenheit bekommen wird, ihre Hörerschaft mit weiteren Ferrante-Stunden zu beschenken. Der letzte Satz des Buches kann nämlich durchaus als Versprechen eines Folgeromans gedeutet werden.

Quelle: ntv.de