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Die deutsche Kate WinsletJudith Hoerschs "Niemands Töchter" zieht in den Bann

07.03.2026, 12:32 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Judith Hoersch steht für Authentizität. Und spannende Erzählweise. (Foto: Marcus Höhn)

Judith Hoersch ist Schauspielerin. Mit "Niemands Töchter" ist ihr ein Hit gelungen. Und das, obwohl sie zwischen Bayern und Berlin pendelt, eine kleine Tochter hat und sehr viel arbeitet. Hoersch spielt die Hebamme "Lena Lorenz" in einer erfolgreichen Serie, in der es ums Kinderkriegen und -haben geht. Genau wie in ihrem ersten Roman.

"Ich gehe jetzt ins neunte Jahr mit Lena Lorenz", erzählt Judith Hoersch ntv.de an einem sonnigen Wintertag in ihrer schönen Berliner Wohnung, in der ein paar Kisten stehen. Das bedeutet, dass Hoersch am Packen ist: Für ein paar Monate geht sie wieder nach Berchtesgaden, wo die Serie gedreht wird. "Vor diesem Wechsel ist es immer Horror. Jetzt drehe ich auch noch einen 'Tatort' in Köln. Und dann habe ich genau 24 Stunden, alles zusammenzupacken."

"Alles" bedeutet in ihrem Fall nicht nur ein paar Koffer mit Klamotten, sondern der halbe Hausstand: "Ich packe fast alles ein, die Steuerunterlagen, den Drucker, den Rechner, den Monitor. Faktisch ziehe ich zweimal im Jahr um. Die Kinderspielsachen, die Fahrräder, die Übergangsjacken, die Sommerkleidung, die Wintersachen, die Kochtöpfe, die Bücher. Okay, es ist ein bisschen spinnert", sagt sie und lacht mit hochgekrempelten Ärmeln. "Aber meine Tochter ist noch nicht schulpflichtig und da reingeboren, die kennt das nicht anders. Die hat schon immer zwei Kinderzimmer, zwei Freundeskreise, zwei Kindergärten gehabt. Ein Kind ist einfach da, wo es ist."

Hoerschs Mann ist Kameramann, "der kommt dann dazu", sagt sie und man fragt sich, wann die 44-Jährige die Zeit gefunden hat, "Niemands Töchter" zu schreiben. "Jeden Tag, an dem ich nicht drehe. Im Zug, in jeder Lücke. Das habe ich ein bisschen gelernt. Früher konnte ich nur schreiben, wenn ich so gar nichts vor mir hatte. Also, es durfte mich nichts stören - keine E-Mail, kein Mensch, keine Verabredung. Das hat sich zum Glück geändert. Wenn man Kinder hat, wird man einfach superflexibel."

Da ihr Erstlingswerk recht komplex ist, was die Figuren angeht, konnte sich Hoersch keine großen Pausen leisten, sie musste dranbleiben "Das ist engmaschig und psychologisch ausgearbeitet, das kann man nicht ein halbes Jahr liegen lassen." Also, was bleibt ihr anderes übrig - sie steht sehr früh auf. Um fünf. "Ich bin ein superkrasser Frühaufsteher. Ich mache mir einen Kaffee und ein bisschen Sport, und dann setze ich mich oft nur eine Stunde hin, weil ich spätestens um 7.30 Uhr los muss. So, wie ich jetzt bin, bin ich auch um fünf Uhr morgens. Man könnte mit mir sofort ein Gespräch führen. Ich brauche keinen Anlauf." Sie lacht, aus sehr wachen Augen.

Und wer ist schuld? Mutti?

Ihr Buch, ihr erstes, saugt einen hinein ins Geschehen, egal, ob als Buch oder zum Anhören: Hoerschs Figuren hängen auf eine Art miteinander zusammen, die den Leser oder Zuhörer am Ball hält. Man will wissen, wie es mit den einzelnen Figuren weitergeht. Bis man wissen will, wie es mit den Figuren gemeinsam weitergeht. Es geht um Mütter, die nicht greifbar sind, die nicht da sind, die ihre Töchter vielleicht sogar ablehnen. Aus Gründen, die Stück für Stück deutlicher werden. Es werden ganz unterschiedliche Mutterbilder gezeichnet. Mütter, die gerne Mütter sein wollen und nicht sein können. Mütter, die total überfordert sind. Narzisstische Mütter und Mütter, die sehr ängstlich sind und an ihrer Rolle wachsen. Oder scheitern. "Es gibt so viele Mutterbilder, die ich versucht habe, da gegenüberzustellen. Aber das ist eigentlich nicht die entscheidende Frage, mit der ich geschrieben habe. Die entscheidende Frage für mich war die Prägungsfrage. Ich weiß aus eigener Erfahrung, egal, wohin und wie weit ich reise, ich nehme mich immer mit. Dieser Ursprung, diese Ursprungsfamilie, diese Ursuppe, aus der wir kommen, die wollte ich beschreiben."

Da begegnen wir zum Beispiel Marie, die eine narzisstische Mutter hatte, die sich im Verlauf ihres Lebens, ohne dass sie das will, einen Partner sucht, der auch narzisstische Züge hat. Wieso sucht sie sich ausgerechnet den? Sie merkt es sogar und kann trotzdem nicht aus ihrer Haut. Hoersch glaubt, dass eine Übermutter eher ein Kind bekommen wird, das dann selbst ein sehr ängstlicher Elternteil wird. Sie fragt nach, woher gewisse Schwingungen kommen. Wir lernen Alma kennen, die nicht bei ihrer Familie aufwächst und die viel Zeit in der Bäckerei ihrer Großeltern verbringt. Wie die Autorin: "Meine Großeltern spielen in meiner Biografie eine große Rolle, weil ich da einfach Zeit verbracht habe ohne Ende, die ich sehr lebendig in mir abrufen kann." Sie selbst hat viel von dieser Bäckerprägung, von diesem frühen Aufstehen und Funktionieren und Fleißigsein und die Arbeit machen, die zu machen ist.

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Hoersch erzählt in Stückchen, Vor- und Rückblick. "Deswegen war für mich sehr schnell klar, dass ich in den Zeiten hin und her springe, dass es ein Puzzle wird. Am Ende ist zentral, dass es diese Frage nach der Mutterschaft ist, und deshalb erzähle ich von vier Frauen, die man schließlich alle verstehen kann." Damit wir verstehen, wie Menschen und Mütter ticken? "Ja, weil ich glaube, wenn wir uns mit Menschen richtig doll beschäftigen, dann verstehen wir alles. Sogar Mütter."

"Den Atem kannst du dir sparen"

Hoersch ist Mutter, Tochter, Schwester und weiß, dass man gerne nah an seinem eigenen Leben schreibt. "Ich bin keine der einzelnen Frauen", lacht sie, "ich stecke aber in allen trotzdem drin. In manchen mehr als in anderen." Aus Fantasie, Recherche und dem eigenen Leben hat sie dann "was zusammengewurschtelt und auf einmal entsteht etwas komplett Neues", sagt sie. Sie konnte viel aus ihrer Filmwelt in das Buch einfließen lassen. Beispiel Berlinale: "Hey, und wie geht's? Ja, alles cool", resümiert sie nachdenklich, "den Atem kann man sich eigentlich sparen, denn es interessiert niemanden, wie es dir geht. Da muss man schon wirklich befreundet sein, dass man dann auf einer Veranstaltung in so ein Gespräch reingeht."

Hoersch glaubt an Authentizität, die sich durchsetzt, und erlebt trotzdem oft, dass Kolleginnen nicht zugeben, Mutter geworden zu sein, weil sie dann nicht mehr sexy sind, angeblich. "Das nimmt diesen Frauen unheimlich viel an Spielmöglichkeit, wenn sie nicht authentisch sein können. Ich musste damit offen umgehen, ich habe schwanger gedreht", so Hoersch und fügt lachend hinzu: "Was ich eigentlich sagen will, ist, ich versuche, die deutsche Kate Winslet zu sein und für meine Werte einzustehen."

Das ist nicht der schlechteste Plan, denn wir brauchen Menschen mit Tiefgang. Wir brauchen Menschen mit bewegten Gesichtern, mit einem bewegten Herzen, mit Abgründen. Echte Menschen. Und ebensolche Bücher. Das ist Hoersch gelungen. Lesen Sie rein, hören Sie rein, gehen Sie zu einer ihrer Lesungen, Sie werden sich verlieben - in "Niemands Töchter" und in die Autorin.

Quelle: ntv.de

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