"Immer ist es Geld und Sex"Poe ermittelt zwischen Geheimbordell und Porzellanratte
Von Thomas Badtke
Ein Opfer, das in einem Bordell gefunden wird, von dessen Existenz es hätte gar nichts wissen dürfen. Ein Paar Schuhe mit ungleich gebundenen Schnürsenkeln. Eine Porzellanfigur aus einem polnischen Märchen als einziger Hinweis auf den Mörder. Das klingt nach einem Fall für Washington Poe.
DS Washington Poe ist bei der Series Crime Analysis Section der britischen National Crime Agency (NCA) der Mann für die ganz besonderen Fälle. Er kümmert sich nicht um Konventionen. Er eckt an. Aber er ist erfolgreich. Das liegt an seiner Art, seiner Menschenkenntnis - und an seiner Partnerin: Tilly Bradshaw. Computernerd und hochintelligent, liebt Fantasy-Rollenspiele, verehrt Superhelden - und ist im sozialen, zwischenmenschlichen Umgang eine Vollkatastrophe. Ermitteln Poe und Bradshaw gemeinsam, dauert es nicht lange, bis sie in den unbekannten Weiten des Wahnsinns verschwinden.
Das passiert auch, als sie in einer Kleinstadt in ein Bordell gerufen werden, von dessen Existenz eigentlich keiner weiß. Auch das Opfer dürfte es nicht gekannt haben, denn es existierte schlichtweg einfach nicht. Theoretisch. In der Praxis findet Poe einen Toten vor, den Schädel mit einem Baseballschläger zertrümmert. Überall ist Blut zu finden, was fehlt, ist allerdings eine kleine Porzellanfigur, die auf dem Kaminsims laut Tatortfotos hätte stehen müssen. Eine kleine Ratte, Teil eines Ensembles, das ein polnisches Märchen versinnbildlichte. Einer aus dem Team muss sie entwendet haben, wie Poes Entschluss lautet.
Tilly, als geniale Analytikerin, die sie ist, findet heraus, dass es schon einmal einen Tatort gegeben hat, wo eine Porzellanratte eine Rolle spielte. Damals ging es um einen Banküberfall, ausgeführt von Männern mit diversen James-Bond-Masken. Daniel Craig und Sean Connery schienen dabei die Strippen zu ziehen. Am Ende gab es einen Toten - und eben jene kleine Porzellanratte, drapiert in einem offenen, leeren Schließfach, die die ganze Szenerie zu beobachten schien.
Von Helden, Agenten und Witwen
Und die Sache wird noch verrückter: Die Rattenfigur aus dem Bordell wurde von einer MI5-Agentin entwendet. Das Mordopfer aus dem geheimen Bordell entpuppt sich zudem als Hubschrauberpilot, dessen Firma für einen wichtigen internationalen Wirtschafts- und Handelsgipfel engagiert worden ist. Deutet sein Tod auf einen bevorstehenden Anschlag auf den Gipfel hin? Oder ist das reiner Zufall? So ein Zufall, wie dass der Tote sich als britischer Kriegsheld aus Afghanistan-Zeiten herausstellt? Liegt etwa dort das Motiv für seine "Hinrichtung" im Bordell?
Fakt ist: Poe hat Blut geleckt und Tilly auch. Je verworrener ein Fall ist, je verzwickter eine Ermittlung erscheint, je größer die Hürden sind, die es zu überwinden gilt, umso besser arbeiten die beiden. Ein Rädchen greift ins andere, ein Puzzleteil nach dem anderen findet seinen Platz und irgendwann sieht Poe dann das Gesamtbild, erblickt das Große und Ganze.
Und in diesem Fall scheint es um Geld und Sex zu gehen: "Immer ist es Geld und Sex", so Poe: "Deshalb bin ich froh, dass ich weder das eine noch das andere habe." Damit ist der Ton gesetzt in Poes und Bradshaws viertem Fall, in dem M. W. Craven die beiden ermitteln lässt. "Die Witwe" lautet der Titel des bei Droemer und RB Media erschienenen Werks, in der Hörbuchversion von Josef Vossenkuhl humorvoll und brillant intoniert. Die Stimme so rau und sympathisch wie die Hauptfiguren.
Eine Reihe zum Suchten
Die Poe-Bradshaw-Reihe lebt von ihren Figurenzeichnungen, von ihrer Charaktertiefe, von den kleinen Geheimnissen, die nach und nach ans Licht kommen. Die Fans der Reihe wissen, dass Poe abseits seiner ganzen Mordermittlungen eigentlich nach seinem wahren Vater sucht und ihn deshalb irgendwann sein Weg einmal in die USA führen wird: Dort wurde seine Mutter einst vergewaltigt, von seinem leiblichen Vater. Aber das ist eine andere Geschichte. Man darf gespannt sein, wie Autor Craven diese Geschichte erzählen wird, wie er sie innerhalb eines anderen Plots einbettet, wie er immer wieder Twists und neue Aspekte einfügen wird.
Bis Poe das Rätsel seiner Familiengeschichte löst, fließt hoffentlich noch viel Wasser die Themse herunter, werden noch jede Menge Schafe in den Weiten Cumbrias grasen. Jetzt gilt es erst einmal, den aktuellen Fall zu lösen.