Musik

Unikum ohne Schubladendenken Agnes Obel will kein Abbild sein

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Agnes Obel war 2006 mit ihrem Mann von Kopenhagen nach Berlin gezogen - und ist immer noch da.

(Foto: Alex Flagstad)

Ihr angeschwollenes blaues Auge sticht zu Beginn des Interviews als Erstes heraus. Sie habe sich an einer Autotür gestoßen, entschuldigt sich Agnes Obel sofort für ihr Aussehen. Mit ihrer leisen Stimme und ihrem schüchternen Auftreten könnte man fast meinen, die Singer-Songwriterin fühle sich unwohl in ihrer Haut - ob mit oder ohne Veilchen. Für einige Journalisten ist das ein gefundenes Fressen: Sie werde oft einseitig beschrieben und in Schubladen gesteckt, beklagt die 39-Jährige. "Das ist sehr limitierend."

Nicht ohne Grund liest sie deswegen so gut wie nichts über ihre Person. Doch beim näheren Kennenlernen wird eines sehr deutlich: Obel ist Musikerin durch und durch und hat einfach gar keine Lust auf das ganze Drumherum. Pressetermine, sich erklären, Live-Auftritte - auf all das würde die Dänin sofort verzichten, wenn sie könnte. Für ihr neues Album, "Myopia" (Kurzsichtigkeit), lässt sie sich dennoch auf ein Interview mit ntv.de ein, erzählt von ihrem befreienden Umzug nach Berlin und ihrer tiefen Verbindung zu Karstadt.

ntv.de: Als Singer-Songwriterin singst und nimmst du deine Lieder alle selbst auf. War dein neues Album, "Myopia", auch so ein Soloprojekt?

Agnes Obel: Ja, so mache ich das immer, das ist meine Technik. (lacht) Ich wollte über meinen eigenen Verstand schreiben und über meine Erfahrung, meinem Verstand nicht trauen zu können. Es war ein bisschen verlinkt mit meinem "Citizen of Glass"-Album, das von verzerrter Wahrnehmung handelt, die von Technologien beeinflusst wird. Dann ist mir aufgefallen, dass ich diese verzerrte Wahrnehmung auch selbst in mir drin habe. Ich wollte sehen, ob ich einen passenden Sound dafür finde und Lieder über diese Erfahrung schreiben.

Wie gehst du dabei vor?

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Wenn die Ideen kommen, nehme ich sie sofort auf und gucke, ob sie funktionieren. Wenn es gut läuft, fange ich an, sie zu produzieren. Beziehungsweise, eigentlich lege ich ja nur Effekte drüber oder mische ein neues Instrument unter. Das nennt man schon produzieren - für mich ist es aber einfach Teil des Liederschreibens. Nur bei Live-Auftritten begleiten mich neuerdings eine Cellistin und eine Violinistin. Das Ziel ist, dass sich die Band auch hält. Die Musikerinnen, mit denen ich in der Vergangenheit gespielt habe, konnten irgendwann wegen ihrer Kinder nicht mehr weitermachen. Wenn man ein Baby hat, kann man nicht ein Jahr auf Tour gehen.

Hast du eine Veränderung zwischen deinen beiden letzten Alben gemerkt? Ich finde, es klingt wie eine sphärische Reise durch sein Innerstes.

Es war nicht beabsichtigt, ein experimentelles Album zu machen. Die Frage war eher, wie ich meine Erfahrungen rüberbringen soll und ob es sich für mich interessant anhört. Auf meinen Alben geht es immer darum, wie ich mich zu dem Zeitpunkt fühle, was mich interessiert. In den letzten Jahren sind mir viele verrückte Dinge passiert, also musste ich zu meinem Nullpunkt zurückkehren und mich fragen, ob ich den Augen trauen kann, die all diese Dinge für mich sehen. Nicht nur in meinem Leben, sondern allgemein. Was auf der Welt passiert, ist überwältigend. Ich kann nicht mal beginnen, zu erklären, wo wir uns derzeit befinden. Und wohin alles führt.

Hast du Angst vor der Zukunft?

Ja, absolut. Manchmal fühle ich mich, als ob mein Verstand überlastet sei. Ich glaube, mein Album ist meine Art, die Dinge für mich klarer zu sehen. Es ist zu leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und ihnen vorzuwerfen, dass ihre Sicht auf die Dinge verzerrt sei. Meine Realität ist auch nur eine Konstruktion meines Geistes. Und die verändert sich zurzeit sehr durch Technologien. Also sollte ich mir das angucken und von da beginnen, um später vielleicht einmal einen besseren Überblick zu bekommen.

Nicht jeder würde die Schwächen, die er an sich entdeckt, herausposaunen. Du dagegen hast bei dir eine Kurzsichtigkeit diagnostiziert und sogar dein Album danach benannt. Wieso das?

Weil ich von meiner eigenen Kurzsichtigkeit lebe, auch wenn ich an einem Album arbeite. Daher kommen meine Ideen und davon wachsen sie weiter. Das ist meine Technik.

In dem Song "Myopia" wiederholst du am Ende "I'll be okay, okay, okay" ("Mir wird es gut gehen, gut gehen, gut gehen"). Und in "Can't Be" singst du "I won't be no effigy" ("Ich werde kein Abbild sein"). Musst du dich manchmal daran erinnern?

Ich glaube, ja. "Abbild" vor allem, weil ich das Gefühl nicht mag, in eine Schublade gesteckt zu werden. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht mehr in meinem Heimatland lebe. In Dänemark passiert das so schnell. Das ist wahrscheinlich überall anders auch so, aber sobald du aus der gewohnten Umgebung raus bist, ist es schwerer für Menschen, dich einzuschätzen. Und es ist schwerer für dich, herauszufinden, wer sie sind. Also musst du das Individuum kennenlernen und das ziehe ich vor. Deswegen lebe ich so gerne in Berlin.

Was ist hier anders?

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Für Obel gibt es wenig Schlimmeres, als mit ihrer Musik in Schubladen gesteckt zu werden.

(Foto: Alex Flagstad)

Es geht nicht so sehr um wer, wann, wo. In der Musikwelt gefällt mir das Schubladendenken auch nicht. Es ist nur ein Mittel, Komplexitäten zu reduzieren. Ein Mittel der kapitalistischen Systeme, um dir etwas zu verkaufen. Warum sollte man daran festhalten? Es ist so limitierend. Wir Menschen wissen ja noch nicht einmal wirklich, was Musik ist. Wie sollen wir einem Alien, das auf der Erde landet, erklären, warum wir die Spezies sind, die so stark auf Soundwellen reagiert? Also wird versucht, die Musik zu kategorisieren - und ich weigere mich, ein Teil davon zu sein. Ich will kein Genre sein, kein Etwas, keine "weibliche Klavierspielerin". Es nervt mich einfach. Ich bin ein Individuum.

Ich hätte gedacht, es sei von Vorteil, Singer-Songwriterin zu sein. Dass man dadurch weniger kategorisiert wird als Mainstream-Musiker, die ein riesiges Label und Management hinter sich haben und weniger frei agieren können.

Ich fühle es trotzdem, dass man mit Vorurteilen konfrontiert wird. Es war zu Beginn meiner Karriere wirklich ein Schock für mich, wie schwer es mich trifft und mit wie wenig Vieldeutigkeit ein Musiker wahrgenommen wird. Es nervt mich. Das ist auch der Grund, weshalb ich es vermeide, Sachen über mich in der Presse zu lesen. Dass ich selber aufnehme und produziere, wird nicht einmal erwähnt, weil es nicht in den Rahmen der Story passt. Es gab so viele Situationen, in denen ich denke: 'Wow, der Raum, in dem man sich als weibliche Künstlerin bewegen kann, ist sehr limitiert. Meine männlichen Kollegen haben es da deutlich einfacher.' Es ist verrückt. Aber ich glaube, der Raum wird langsam größer. Zumindest hoffe ich es. Ich bin auch nicht in der ganz kommerziellen Sparte und keine Performerin.

Trittst du nicht gerne auf?

Ich könnte die ganze Zeit Alben machen, ohne zu performen. Das wäre okay für mich, ich strebe nicht nach Auftritten. Deswegen ist es wichtig für mich, dass mein geistiger Raum frei ist und dass ich die Meinungen anderer über mich nicht zu sehr an mich herankommen lasse. Ich möchte die Freiheit haben, das zu sein, was ich will. Ich möchte nichts Spezifisches sein, das jemand anderes über mich denkt. Wenn man ein Performer-Typ ist, macht es vielleicht mehr Spaß, damit zu spielen, man kann sich darüber lustig machen und sich dadurch selbst befreien. Aber das bin ich nicht, deswegen fühle ich mich wie in einem Gefängnis. Es macht Spaß, Leuten beim Performen zuzugucken, denen es Spaß macht. Ich dagegen musste sehr viel lernen, um überhaupt auf einer Bühne stehen zu können. Das fällt mir nicht leicht.

Aber mit "Myopia" gehst du trotzdem auf Tour, oder?

Ja, sie wird sogar sehr lang. Ich habe mich selbst ein bisschen ausgetrickst, um mehr Gefallen an Live-Sachen zu finden. Ich habe auch keine große Bühnenangst mehr, weil ich mit den Jahren so viele Shows gespielt habe. Das macht es weniger gefährlich. Wir starten im Januar mit einer kleinen Tour in den USA. Ende Februar geht's dann richtig los bis Ende April, dann wieder USA - und dann fängt die Festival-Saison an, in der ich auch viel auftrete. Aber es ist interessant, zu sehen, ob ich etwas Neues aus meiner Musik kriege. Es tut mir gut, das Performen zu lernen und aus meiner Komfortzone herauszukommen. Und es ist interessant, zu sehen, wie die Musik beim Publikum ankommt. Es sind sehr private Songs.

Kurzer Schlenker zurück zur Presse: Was würdest du denn gerne über dich lesen?

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Das ist eine gute Frage … Du bist klug, du hast mich ausgetrickst! (lacht und überlegt lange) Für "Myopia" wurden verschiedene Biografien geschrieben und jedes Mal, wenn mir die Journalisten ihre Version gegeben haben, habe ich gedacht: 'Nein, darum geht es in meinem Album nicht! Warum verstehen sie es nicht?' Es war alles so klischeebehaftet. Mich nervt, wenn Leute gleich sagen: 'Ach, noch ein Klavier-Album' oder 'Sie ist typisch skandinavisch'. Das mag die Person so sehen, aber ich nicht. Für mich ist es viel mehr, es ist meine eigene kleine Welt und mein Baby, da bin ich sehr kritisch. Deswegen ist es einfach besser, es gar nicht erst zu lesen und meine Zeit für bessere Dinge zu nutzen.

Du bist 2006 mit deinem Mann, Regisseur Alex Flagstad, von Kopenhagen nach Berlin gezogen. Warum?

Es ist schön, in Kopenhagen aufzuwachsen. Aber ich brauchte meinen eigenen Raum und Privatsphäre, um meine eigene Musik zu entwickeln. Die Zeit, in der ich nach Berlin gezogen bin, war die schwierigste meines Lebens. Ich hatte kein furchtbares Leben in Dänemark, aber ich habe mich mit dem Umzug so frei gefühlt. Und von diesem Gefühl kriege ich manchmal noch Flashbacks.

Zum Beispiel?

In Kopenhagen habe ich verzweifelt nach einem Tonstudio gesucht, aber es gab nichts. Und alle Musiker, die ich dort kannte, waren sehr karriereorientiert und professionell, es ging nur darum, im Radio gespielt zu werden. Und als ich hierhergezogen bin, war es gleich ganz anders. Hier wird ganz anders über Musik gedacht und geredet. Es geht vielmehr um die Ideen dahinter, das ist befreiend. Ich war erleichtert, in einer Umgebung zu sein, in der es in der Musik um Expressionen und Experimente geht. Je mehr "Do it yourself" es war, desto besser kam es an.

Und warum ausgerechnet Berlin?

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Auch Agnes Obel und ihr Mann haben ihre Erfahrungen mit dem hart umkämpften Berliner Wohnungsmarkt machen müssen.

(Foto: Alex Flagstad)

Ich habe in Kopenhagen an einer Uni studiert, die einen Austausch mit der Transmediale in Berlin anbot. Da habe ich ein Bändchen bekommen, mit dem man umsonst ins Haus der Kulturen der Welt, auf verschiedene Partys und Events gehen konnte. So habe ich im kalten und bedrückenden Februar gleich ganz viel von Berlin kennengelernt, aber ich habe mich sofort verliebt! Es sah so aus, als ob die ganze Stadt voller freier Räume sei, in denen Menschen sich ausprobieren können. Danach bin ich zurück nach Hause gefahren und habe meinem Freund gesagt, dass ich nach Berlin ziehen möchte. Dann sind wir im Alter von 25 Jahren hierhergekommen. Der Plan war, sechs Monate zu bleiben - und jetzt sind wir immer noch hier …

Wohnt ihr im Ostteil oder im Westteil der Stadt?

Zurzeit im Osten, wir haben unsere Wohnung verloren - der Wohnungsmarkt hier ist ja verrückt. Aber die meiste Zeit habe ich in Neukölln gelebt, in der Nähe vom Hermannplatz.

Ach, dann waren wir Nachbarinnen!

Bald sind wir es wieder, ich vermisse Neukölln sehr! Ich möchte wieder zurück und eine richtige Nachbarschaft haben, in der ich alle kenne. Viele deutsche Freunde können das nicht verstehen, aber ich liebe es so. Es ist so schön seltsam. Und ich habe eine tiefe Verbindung zum Karstadt am Hermannplatz. (lacht) Es ist wie ein Schritt in die Vergangenheit, als ob man sich in einem Shoppingcenter der 1980er befinden würde.

Wirst du auf der Straße erkannt?

Nein, fast ausschließlich, wenn ich zum Arzt muss. Viele Ärzte kennen meine Alben - einer hat mir davon erzählt, als er mir gerade eine Spritze gegeben hat, das war komisch. Aber in Deutschland ist meine Musik nicht so bekannt wie in anderen Ländern.

Du hast gesagt, es sei schwierig, zu touren, wenn man Kinder hat. Heißt das, dass du für dich erst einmal keine planst?

Ich hoffe, dass ich es irgendwann schaffe. Aber ich glaube, es ist nicht gut, darüber zu sprechen, sonst läuft man Gefahr, es zu verschreien. Ich bin die typische Sängerin, die versucht, es so weit wie möglich nach hinten zu verschieben. Meine Priorität war jetzt erstmal, "Myopia" fertigzustellen. Es ist schwer, mit kleinen Kindern zu touren. Und dann müssen sie ja in die Schule. Aber ich würde es später gerne versuchen. Auch meine Bandkolleginnen sind herzlich eingeladen, ihre Kinder mit auf Tour zu bringen, ich würde mir eine babyfreundliche Tour wünschen. Es wäre bestimmt lustig, den ganzen Bus voller Kinder zu haben.

Und ich könnte mir gut vorstellen, dass sich deine Musik entspannend auf die Kinder auswirkt!

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Ja. (lacht) Aber ich frage mich, ob die Busse nicht vielleicht zu gefährlich für sie sein könnten. Es kann so viel passieren. Man muss zum Beispiel entgegen der Fahrtrichtung schlafen, sonst kannst du dir bei einer Vollbremsung das Genick brechen. Das würde mir Sorge bereiten.

Andererseits kann alles irgendwie gefährlich werden - sogar die Tür eines geparkten Autos …

(lacht) Oh Gott, ja … mein Freund meinte auch gleich: 'Du tust dir ständig weh, ich kann dir nicht einmal mit einer Autotür vertrauen.' (lacht) Es war ja auch wirklich meine Schuld - ich habe meinen Kopf ja von alleine dagegengehauen.

Mit Agnes Obel sprach Linn Rietze

Quelle: ntv.de