Unterhaltung
Brings ist in Köln echter Kult.
Brings ist in Köln echter Kult.(Foto: imago/Future Image)
Donnerstag, 08. Februar 2018

Mehr als Karneval: Brings gewinnt

"Polka Polka Polka", "Kölsche Jung", "Superjeilezick" oder "Hallelujah"- wer da nicht mitsingen kann, ist selbst schuld. Partykracher vom Feinsten mit Schunkel- und Tanzpotenzial. Gut, alles in Kölsch, aber spätestens, wenn man ein bis zwei bis drei der gleichnamigen Nationalgetränke intus hat, hüpft und singt es sich wie von selbst. Dabei sind Brings sehr viel mehr als reine Stimmungsmusiker. Und hochdeutsch können sie auch, wie ihr letzter Hit "Liebe gewinnt" zeigt. Dabei nehmen sie in Kauf, dass sie mit ihren ehrlichen Worten zu Themen wie Fremdenhass, Schwulenfeindlichkeit oder AfD den einen oder anderen "Fan" verprellen. Sei's drum - dafür gewinnen sie täglich neue Fans dazu, zuletzt gerade in Düsseldorf.

Ja, selbst dort werden Peter und Stephan Brings, Harry Alfter, Kai Engel und Christian Blüm nicht mehr mit Brühwürstchen beworfen, wenn sie in der ausverkauften Stadthalle die TV-Sitzung zum Karneval rocken. Zugegeben, "Kölsche Jung" singen sie dort dann nicht und das ist sicher schwerer, als den Kristallsaal in Köln zum Beben zu bringen, wenn dort die "Große Kostümsitzung der EhrenGarde der Stadt Köln 1902 e.V." tagt. Und an "Helau" statt "Alaaf" muss man sich auch gewöhnen. "Aber das nehmen wir gern in Kauf", so Peter Brings im Gespräch mit n-tv.de , der ansonsten - wie nur wenige deutsche Künstler - kein Blatt vor den Mund nimmt. 

n-tv.de: Karnevalzeit - Zeit für Brings. Aber auch ohne Karneval seid ihr ganz schön unterwegs und beschäftigt. Ihr habt ein recht neues Album und vor allem den neuesten Hit: "Die Liebe gewinnt“.

Peter Brings: Ja, dieser Song scheint wirklich ein Titel zu sein, der funktioniert. Das liegt vielleicht daran, dass der in Hochdeutsch ist. Da ist die Kommunikation ein bisschen leichter. Für uns zählt, dass unsere Fans das gut finden, und das scheint der Fall zu sein (lacht).

Ist das leicht, die Berliner, die Münchner, die Hamburger oder die Hannoveraner mit Kölner Mundart in die Gänge zu bekommen? Auch wenn sie bei den Kölschen Gesängen nur Bahnhof verstehen?

Das ist dann wohl mehr. Also mehr als nur Worte, die das dann ausmachen. Und klar, in unseren Konzerten sind immer ne Menge Exil-Rheinländer …

Peter Brings bezieht auch Stellung gegen die AfD.
Peter Brings bezieht auch Stellung gegen die AfD.(Foto: imago/Future Image)

vom Heimweh zerfressen …

… ja, aber die anderen feiern da auch! Da müssen wir uns nichts vormachen: Unser Ziel ist es, alle zu kriegen, und das schaffen wir, indem wir auch mal hochdeutsch singen. Oder reden.

Polka-Pogo geht immer …

… ja, in jeder Sprache. Und wenn die Leute dann noch rauskriegen, dass das kein Bullshit ist, den wir da von uns geben, dann ist alles in Ordnung.

Du meint, französische Chansons verstehen wir auch nicht wirklich und finden sie trotzdem ganz charmant?

Genau. Wir hören uns auch Eros Ramazotti an (lacht). Die Deutschen sind anderen Sprachen und Kulturen und damit auch anderer Musik gegenüber sowieso sehr aufgeschlossen. Das hat mit unserer Geschichte zu tun, nach dem Krieg waren wir verrückt nach anglo-amerikanischer Musik, das kennen die Leute. Und jetzt nochmal zu uns: Kölsch ist und bleibt ja schon irgendwie deutsch. Ist schwierig, man versteht nicht alles, schon klar, aber wenn man will, dann kriegt man raus, was wir da singen. Und wer so weit ist, rauskriegen zu wollen, was der Alte da eigentlich erzählt, dann bist du schon einen ganzen Schritt weiter. Und das ist das Schönste, wenn dann einer zu dir sagt, dass er endlich verstanden hat, was wir da von uns geben (lacht).

Beispiel: Superjeilezick …

… ja, genau, da denken die meisten, es geht um eine Frau, die früher mal toll war. Dabei geht es um die super geile Zeit (lacht).

Ihr gebt volle Power bei euren Auftritten - habt ihr ein zusätzliches Trainingsprogramm oder sind die Auftritte euer Training?

Ich laufe viel und dann trainiere ich den Rücken, da muss ich echt aufpassen, vor allem in der Karnevalszeit. Außerdem bin ich ja auch eitel und will nicht aussehen wie ein Sack Muscheln.

Ich habe irgendwo gelesen, dass ihr die Sexsymbole der 50-jährigen Frauen seid - das sollte wohl etwas lächerlich klingen, ich finde das aber völlig in Ordnung. Du auch?

(lacht) Auf jeden Fall. Die, die meinen, dass wir die Pin-Up-Boys für ältere Damen sind, die sollen mal mit uns älteren Herren auf Tour gehen. Vor allem können die sich da mal 50-jährige Frauen angucken. Die werden staunen. Und dann sind da welche, die sind so alt wie unsere Kinder und andere sind so alt wie unsere Eltern. Musik hat doch nichts mehr mit dem Alter zu tun.

Ist doch schön, wenn die ganze Familie bei euch abhottet …

Bei uns kommt ja dazu, dass Karneval keine zielgruppenspezifische Veranstaltung ist. Meine zehnjährige Tochter kennt jedes Lied, die ist in der Ehrengarde, und meine Schwiegermutter genauso, die kennt auch jedes Lied. Solange du das Bein hochkriegst, gehst du auf die Straße und tanzt mit.

Ihr habt euch ja schon öfter konkret gegen AfD und Co ausgesprochen - habt ihr was erreichen können? Habt ihr Ärger bekommen? Habt ihr Fans verloren? Gewonnen?

Wir haben wahrscheinlich ein paar Leute verloren, ganz sicher. Wir hatten in den sozialen Medien natürlich einen riesigen Shitstorm abbekommen, so von wegen 'Das ist doch eine demokratisch gewählte Partei, was wir denn hätten ...' Aber da sag' ich dir ganz ehrlich: Die brauche ich nicht auf unseren Konzerten, von denen will ich kein Geld, mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben. Die können mich mal. Was mich richtig fertig macht, ist, dass ich mir diese Leute jetzt echt im Bundestag anhören muss, und dass ich deren Gelaber mit meinen Steuern unterstütze, das k**t mich an. Deswegen habe ich einen Sog geschrieben, der sagt, dass ich auf diesen Faschisten-Scheiß keinen Bock habe. Das ist meine Art, damit umzugehen. Solche Leute wie Höcke und Co braucht unsere Gesellschaft nicht, papperlapp von wegen demokratisch gewählt, das ist keine Alternative für Deutschland, das sind Faschisten. Und das meine ich genau so, wie ich es jetzt sage!

Das trauen sich nicht viele Künstler, zu sagen, aber es ist eigentlich die Pflicht von Künstlern, auf Dinge, die schieflaufen, hinzuweisen …

Ja, das kenn' ich aus dem Schlagerbereich, diesen Eiertanz: Das kann ich nicht, das geht doch nicht, das will ich nicht … Da muss man mit den Konsequenzen leben, als Künstler, ja. Und dann trennt sich die Spreu vom Weizen, dann kommen eben welche nicht mehr. Ich will, dass sich bei uns weiterhin Männer auf der Straße küssen dürfen …

du meinst aber, nicht nur zum Karneval oder nur in Köln, sondern immer und in ganz Deutschland …

Ja, natürlich. Und das geht dann immer direkt über in das Lamentieren über die Flüchtlinge, dass die an allem schuld sind und so weiter. Aber jetzt mal ehrlich, so viele sind ja gar nicht mehr gekommen. Ich kann das nur schwer ertragen, dass Menschen da ihr Kreuz machen bei der AfD, denn wenn das noch mehr um sich greift: dann gute Nacht, Deutschland.

Wie kriegt ihr die Balance hin zwischen Mitsing-Liedern wie "Besöffe vör Glück", und den ruhigeren, politischen oder zeitrelevanten Themen. Angefangen bei "Liebe gewinnt" bis hin zu "Die Färv der Freiheit" - entschuldige meine Aussprache …

Nein, Florian Silbereisen gehört nicht zur Band. Aber er macht auch gerne mal für einen Auftritt im TV mit.
Nein, Florian Silbereisen gehört nicht zur Band. Aber er macht auch gerne mal für einen Auftritt im TV mit.(Foto: imago/Eibner)

So ist das Leben (lacht)! So bin ich! Ich feiere gerne, ich bin offen, ich habe eine Meinung, ich habe eine gute Erziehung, ich konnte immer nachfragen bei meinen Eltern, noch ganz ohne Wikipedia übrigens. Da steht alles drin, was die Leute zwischen Katzenvideos und Mittagessen posten glauben wollen. Das ist doch schlimm. Jetzt mal ehrlich: George Orwells 1984 ist doch ne Lachnummer im Gegensatz zu dem, was wir hier haben. Du hast es vorhin gesagt: Musiker und Künstler haben die Pflicht, auf Missstände hinzuweisen. Ja, Party ist gut, aber man muss auch sehen, was sonst noch passiert in diesem Land.

Du hast Kinder …

Genau, und ich will mir von denen nicht sagen lassen, dass ich mein Leben nur im Musikantenstadl verbracht habe.

Apropos - ihr dankt auf eurem Album unter anderem euren Freunden und den Familien, aber auch Gaffel Kölsch und Florian Silbereisen …

Ja, der Flori. Den haben wir vor fünf Jahren kennengelernt und nach anfänglichen Berührungsschwierigkeiten beiderseits haben wir dann mal 'ne Nacht mit dem gefeiert und sind dann zu ihm in die Sendung gegangen. Der ist ein Supermusiker - der Flori spielt Akkordeon - und dann stand der eines Tages mit seiner Quetsch bei uns im Studio. Und dann haben wir Polka aufgenommen. Mittlerweile sind wir Freunde und treffen uns und singen gegenseitig auf unseren Platten. Der Flori ist ein ganz gerader Mensch und 'ne ganz treue Haut.

Kannst du mal allen Nicht-Kölnern erklären, was so besonders toll ist an Köln? Warum erwachsene Männer mit Tränen in den Augen dastehen, wenn sie "Kölsche Jung" hören?

Dat ist en Jeföhl. Das weiß man nur, wenn man Kölner ist. Das ist bei uns so, wenn wir von einer Tour nach Hause kommen und fahren über die Deutzer Brücke und du siehst den Kölner Dom und die Köln-Arena, dann sagen wir: 'Is net schön, aber is Kölle.' So sieht et us, das ist unser Zuhause. In unserem Fall ist es auch noch so, dass diese Stadt es uns ermöglicht hat, so zu leben wie wir wollen: Wir können unsere Musik machen, unsere Kinder großziehen, ich habe nie gehungert, nie gefroren - das ist doch schon eine Menge.

Mit Peter Brings sprach Sabine Oelmann

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Quelle: n-tv.de