Musik

"Es ist auch irgendwie surreal"ESC-Sieger JJ reflektiert seinen "I made it"-Moment

13.05.2026, 16:02 Uhr Foto-Volker-ProbstInterview: Volker Probst
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Der Moment, in dem feststand: JJ hat den ESC 2025 gewonnen. (Foto: picture alliance / SIPA)

Mit einem spektakulären Auftritt, Stimmgewalt und dem epischen Song "Wasted Love" gewinnt der Österreicher JJ 2025 den Eurovision Song Contest und holt das Event so nach Wien. Mit ntv.de spricht er über seinen Sieg, das Leben danach und seine diesjährigen Favoriten.

ntv.de: Was kommt dir als Erstes in den Sinn, wenn du heute an deinen Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC) vor einem Jahr mit "Wasted Love" in Basel zurückdenkst: die Aufregung im Vorfeld, der Proben-Marathon, das Zittern im Vorentscheid, der Auftritt im Finale oder dann doch der Moment, als du wirklich gewonnen hast?

JJ: Das ist tatsächlich dieser "I made it"-Moment, direkt im Augenblick des Siegs. Wie ich da rumgeheult und dann als allererstes meine Familie gesehen habe - das kommt mir immer wieder in den Kopf. Das habe ich noch heute bildlich vor Augen.

In einer Dokumentation über dich, die gerade erst veröffentlicht wurde, sagst du, der ESC-Sieg habe wirklich alles in deinem Leben verändert. Wie würdest du dein vergangenes Jahr beschreiben?

Es war wirklich ein extrem cooles und erlebnisreiches Jahr. Ich war unglaublich viel unterwegs, habe neue Leute kennengelernt und mit vielen neuen Menschen zusammengearbeitet. Ich war praktisch in jeder Ecke der Welt - eigentlich nur beruflich, aber so hat es sich gar nicht angefühlt. Das alles zu sehen und mitzunehmen, war echt schön. Und ich bin sehr dankbar dafür.

Oft heißt es: Dabei sein ist alles beim ESC. Aber de facto stimmt der gute, alte ABBA-Satz dann doch: The winner takes it all. Im Gegensatz zu den Siegern und Siegerinnen geraten viele andere Teilnehmer und Teilnehmerinnen schnell wieder in Vergessenheit. Was wäre gewesen, wenn du nicht gewonnen hättest?

Dann hätte ich trotzdem weiter Musik gemacht und veröffentlicht. Das war für mich schon immer die oberste Priorität. Dass es sich jetzt so ergeben hat, macht mich aber natürlich sehr froh.

Hast du noch Kontakt zu Teilnehmerinnen und Teilnehmern beim ESC in Basel?

Auf jeden Fall! Meine engsten Freunde von damals sind zum Beispiel Kyle aus Norwegen (Kyle Alessandro), Sissal aus Dänemark und Miriana aus Malta (Miriana Conte). Miriana kommt jetzt auch nach Wien, um hier zu performen (als Teil eines Intervall-Acts im Finale, Anm.d.Red.). Der Kontakt ist noch immer sehr eng. Wir haben eine Gruppe und schreiben täglich.

Trotz deines Siegs scheint einiges aber auch beim Alten geblieben zu sein: Wohnst du immer noch bei deinen Eltern und kabbelst dich mit deinen Geschwistern?

(lacht) Ja, ganz genau. Ich wohne immer noch zu Hause. Und wir streiten uns immer noch, wer jetzt den Geschirrspüler ausräumt oder den Müll rausträgt. Ich bin wirklich sehr froh, immer noch zu Hause zu leben und gemeinsam mit meiner Familie all das zu erleben, was passiert.

In der erwähnten Dokumentation sprichst du darüber, wie ihr "Wasted Love" damals komponiert und alsbald erkannt habt: Das ist ein "Banger". Hattest du eine Vorahnung, dass du gewinnen könntest, als du zum ESC gereist bist?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Natürlich bin ich in den Wettquoten gestiegen, als bekannt gegeben wurde, dass ich für Österreich teilnehmen würde. Weil ich aus der Wiener Staatsoper kam, dachten die Leute wohl: "Okay, der kann sicher singen." Als dann das Lied herauskam, ging es in den Prognosen noch weiter nach oben. Da waren dann auf einmal schon alle am Zittern: "Oh Gott, wir könnten wirklich gewinnen. Wie machen wir jetzt weiter? Wir müssen uns vorbereiten." Dass wegen einer Person und einem Song so etwas Großes in Gang kommen kann, war schon faszinierend.

Mit deinem Sieg hast du den ESC nicht nur nach Österreich gebracht, sondern auch in deine Heimatstadt Wien. Welches Gefühl überwiegt bei dir, wenn du den ganzen Trubel hier jetzt erlebst? Bist du stolz, ergriffen oder einfach nur happy?

Alles irgendwie! Zu sehen, wie die Menschen im Eurovision Village am Rathausplatz im ESC-Fieber sind, überall ESC-Brandings prangen und das Event die ganze Stadt elektrisiert, ist mega. Zugleich ist es auch irgendwie surreal. Ich kann es gar nicht glauben, dass eine so große Veranstaltung nach Österreich kommt. Mir fällt schwer, zu realisieren, dass das gerade wirklich alles passiert.

Als Vorjahressieger spielst du natürlich hier in Wien eine wichtige Rolle. Du bist zum Beispiel bereits bei der Eröffnungsfeier aufgetreten. Glaubst du, dass du dem ESC auch in Zukunft verbunden bleiben wirst?

Das wird sicher davon abhängen, wie das zeitlich und von meiner Beschäftigung her passt. Aber ich bin sehr froh darüber und stolz darauf, ein Teil der ESC-Familie sein zu dürfen. Ich freue mich auch für die Person, die dieses Jahr gewinnt und dann auch ein Teil der Familie sein wird.

Die Begeisterung und die Akzeptanz, die du jetzt erlebst, hast du nicht immer erfahren. Du hast in der Vergangenheit auch viel Hass und Häme in den sozialen Netzwerken ertragen müssen. Der deutschen ESC-Teilnehmerin in diesem Jahr, Sarah Engels, ist Ähnliches widerfahren. Wie geht man damit am besten um?

Es ist schon ziemlich viel, was auf einen zukommt. Ich bin dafür aber nicht so anfällig. Ich wurde auch schon in der Schule gemobbt und habe mir dadurch eine so dicke Haut zugelegt, dass mich das nicht mehr stört und an mir vorbeigeht. Aber ich verstehe, dass das sehr anstrengend sein kann. Ich hatte zum Glück ein super Team um mich, das mich sehr unterstützt hat. Man muss sich klarmachen: Es gibt immer negative Kommentare. Die muss man aber ausblenden, weil 90 Prozent der Kommentare eigentlich positiv sind. Man muss sich auf die Leute konzentrieren, die einem den Rücken stärken.

Seit deinem Sieg sind die Hater ja wohl auch weitgehend verstummt …

Auf jeden Fall. Plötzlich hieß es dann: "Oh mein Gott, unser Held …" (lacht) Da wunderst du dich dann doch einen Moment. Aber der Zuspruch jetzt ist natürlich voll schön.

"Wasted Love" war ein englischsprachiger Song, dein Auftritt mit ihm episch und melodramatisch. In diesem Jahr schickt Österreich mit Cosmó und "Tanzschein" so ziemlich das komplette Gegenteil ins Rennen: deutsch gesungen, minimalistischer Electro-Sound, Partysong. Wie findest du das?

Ich find's geil! Man kann wirklich gut dazu tanzen und es ist doch toll, dass es so eine Abwechslung gibt. Praktisch jeder in Österreich hat sich bereits seinen "Tanzschein" geholt (dazu musste man die Choreo des Songs tanzen, online hochladen und sich auf einer Cosmó-Website registrieren). Für Cosmó freut mich das sehr. Und er ist erst 19! Es ist wirklich cool, wie er das alles so souverän abliefert.

Hast du auch schon deinen "Tanzschein" gemacht?

Klar. Ich war einer der Ersten, die ihn sich geholt haben.

Mal komplett unparteiisch darauf geblickt: Welche Favoritinnen oder Favoriten hast du beim diesjährigen ESC?

Ich bin ein Riesenfan von Finnland. Das Zusammenspiel eines klassischen Instruments und einer schönen Stimme ist einfach super. Das passt auch richtig gut zum ESC. Weil ich ein Fan von großen Stimmen bin, finde ich auch Dänemark mega. Auch die Performance ist geil und die Melodie so wunderschön, dass man sie sich direkt merkt.

Nicht nur Finnland verbindet dieses Jahr Pop und Klassik, das machen auch Rumänien und Frankreich. War dein Auftritt womöglich eine Inspiration für sie?

Oh, das weiß ich nicht. Ich habe noch nicht mit ihnen gesprochen. Aber was Monroe aus Frankreich mit ihren Vocals abliefert, ist auch echt krass. Auch sie ist erst 17.

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Was deine eigene Musik angeht, erscheint am Freitag deine EP "Into the Unknown". Was erwartet uns?

Jedes Lied auf der EP stellt eine Momentaufnahme in meinem zurückliegenden Jahr dar. Von der vergeudeten Liebe in "Wasted Love" bis hin zu "Shapeshifter" - der Verwandlung der Gestalt, nachdem ich realisiert habe, wie viel der ESC-Sieg in Gang gesetzt hat, bei mir oder auch bei anderen Menschen, die von meinen Songs berührt werden. Im zweiten Semifinale am Donnerstag werde ich den Song "Unknown" performen. In ihm geht es darum, ins Ungewisse geschmissen zu werden, ohne zu wissen, wo die Reise hingeht.

Warum ist es kein ganzes Album geworden?

Ich wollte es erst einmal bei einer EP belassen, an der ich auch wirklich sehr hart gearbeitet und in die ich jede Menge Herzblut gesteckt habe. Auf ihr möchte ich die Leute auf meine Reise nach dem ESC-Sieg mitnehmen, sodass sie das auch alles mitbekommen und mitfühlen. Danach kommt dann ein neues Kapitel, wenn ich im Herbst auf eine größere Europatour gehe.

Die Dokumentation über dich endet mit einem schönen Schlusswort: Der ESC-Sieg mache dich stolz. "Aber das Leben geht weiter. Es wird noch was kommen." Das wünscht man dir mit deinem Talent und auch erst 25 Jahren natürlich. Was soll denn noch kommen?

Ich wünsche mir, dass ich noch viel Musik herausbringe, mit den Fans zusammen sein und auf Tour fahren kann. Die kommende Europatour führt mich etwa nach Warschau und Prag, Amsterdam und Skandinavien. Auch drei Stopps in Deutschland wird es geben. Darauf freue ich mich schon sehr.

Mit JJ sprach Volker Probst

Quelle: ntv.de

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