Unterhaltung
Keine Indie-Party ohne sie: Franz Ferdinand.
Keine Indie-Party ohne sie: Franz Ferdinand.(Foto: David Edwards)
Freitag, 09. Februar 2018

"Ich bin kein Fan der Royals": Franz Ferdinand schwingen wieder das Zepter

Fünf Jahre sind seit dem letzten Album von Franz Ferdinand vergangen. Mit "Always Ascending" erscheint nun das fünfte Werk der Herren aus Glasgow. Zwischenzeitlich musizierten die Schottenrocker gemeinsam mit dem Altherren-Synthie-Duo Sparks unter dem Namen FFS, verloren ein Bandmitglied und luden zwei neue Bandmitglieder - nämlich Dino Bardot an der Gitarre, Julien Corrie am Keyboard - ein. Für das neue Werk machten Franz Ferdinand gemeinsame Sache mit dem französischen Produzenten Philippe Zdar (unter anderem Phoenix, Justice, Cassius), der den Songs die elektronische Wonne verpasste. Immer noch dabei, aber viel blonder ist Sänger Alex Kapranos, der im Interview mit n-tv.de über japanische Gesellschaftsphänomene, das britische Königshaus und seinen Erstbesuch in Berlin plaudert.

n-tv.de: Mr. Kapranos, wieso schreiben Sie jetzt Lieder über das britische Gesundheitssystem NHS?

Alex Kapranos: Weil das National Health System mein Leben gerettet hat - vier- oder fünfmal sogar! Ich bin chronischer Asthmatiker. Als Kind wurde ich mehrmals mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht. Ich habe viel Zeit im Hospital verbracht. Ein funktionierendes Gesundheitssystem ist Teil einer menschlichen Zivilisation. Wenn man heutzutage nach Amerika blickt, scheint durch diesen orangefarbenen Typen all das Erreichte in Gefahr zu sein. Er zerstört alles, was Obama verbessert hat diesbezüglich. Das war mir einen Song wert.

Und den haben Sie dann "Huck & Jim" benannt - nach Mark Twains Romanhelden?

Der Song ist wie eine fantastische Reise nach Amerika, und ich suchte nach repräsentativen Charakteren des Landes. Die erste ikonische Figur aus der amerikanischen Literatur, die mir in den Sinn kam, war Huckleberry Finn. Mein Vater hat mir aus dem Buch früher immer vorgelesen. Als Kind sieht man das Abenteuer, wenn Huck und Jim den Mississippi mit dem Floß überqueren oder sie mit Ungerechtigkeiten konfrontiert werden. Aber als Erwachsener dachte ich nur: Herrje, Huck war der 13-jährige Sohn eines missbrauchenden Alkoholikers, und da war so viel Rassismus. Huck und Jim deuten eine Menge der Probleme an, die immer noch präsent sind im Amerika von heute.

Trotz der miesen Zeiten ist der Sound der neuen Franz-Ferdinand-Platte geradezu euphorisch.

Fast jedes Wahl-Ergebnis der letzten zwei Jahre hat nichts als Verzweiflung und Uneinigkeit gebracht - das macht mir wirklich Sorge. Aber wenn die Welt in solch schlechtem Zustand ist wie momentan, reagiert man auch in der Kunst darauf und setzt schon mal einen Kontrapunkt zu der Stimmung. Man sagt sich dann: Oh, schau, was dort drüben alles passiert! Jetzt feiere ich erst recht, was am Leben gut ist. Es scheint die richtige Zeit dafür zu sein, um sich den Schrecken von der Seele zu tanzen.

Auch mit Asthma?

Das geht gut! Das Asthma beeinträchtigt auch meine Stimme nicht. Es hat nur Auswirkungen darauf, wie viel Luft du durch deine Lungen aufnehmen kannst. Und es ist manchmal härter, auszuatmen als einzuatmen, wenn man einen Anfall hat. Aber ich musste noch nie einen Gig deshalb absagen. Es gibt viele Asthmatiker unter Sängern, die auch gut damit klarkommen. Okay, ich würde nicht auf Federkissen schlafen oder einen staubigen Raum betreten oder mit einer Katze schmusen.

Das mit der Katze ist bitter.

Stimmt. Ich mag Katzen und hänge gerne mit ihnen ab. Paul, unserer Drummer, hat zwei davon. Und es sind die coolsten Katzen überhaupt: eine kurzhaarige Weiße und eine mit plüschigem Fell, die wie Garfield aussieht. Ich mag rote Katzen. Ich kann in einem Raum mit ihnen sein, aber darf sie nicht anfassen, und sie dürfen nicht auf meinem Schoß sitzen. Dabei ist das doch der beste Part! Da hab' ich echt Pech. Da fällt mir ein, ich hatte übrigens mal einen schlimmen Asthma-Anfall in Berlin.

Was war passiert?

Als ich das erste Mal auf Tour in Deutschland war, noch vor der Gründung von Franz Ferdinand mit der Band The Karelia, sollten wir in einem Club nahe des Bahnhofs Zoo spielen. Der Frühling war im Anmarsch, und die Bäume sonderten fleißig ihre Pollen ab. Ich bekam eine fürchterliche Asthma-Attacke und musste ins Krankenhaus transportiert werden. Ich wurde von einem jungen Arzt behandelt, der sagte: "Nun müssen wir noch den Zettel für ihre Krankenversicherung ausfüllen." Ich bekam einen Schreck, denn ich hatte damals noch keine Krankenversicherung und sollte deshalb selbst für die Behandlung zahlen.

Aber das konnten Sie als junger Musiker nicht.

Nein, ich hatte überhaupt kein Geld. Und dann sagte der Arzt: "Okay, also sie müssten dann dieses Formblatt mit all ihren Details ausfüllen, damit wir sie finden können, um ihnen die Rechnung zu schicken." Und er führte aus, dass es tatsächlich schon passiert sei, dass Leute in die Felder Fantasie-Namen wie Mickey Mouse oder Ronald Reagan eingetragen hätten und irgendeine Adresse, die nicht existierte, was natürlich eine schreckliche Sache sei ... "Aber was können wir dagegen tun?", lachte er. Und ich dachte nur: Hier ist einer, der seinen Job aus genau den richtigen Gründen macht! Ich war ihm so dankbar, weil er mir einfach nur helfen und mich behandeln wollte. Ich bin immer noch voller Bewunderung für den Arzt.

Nicht schlecht für den ersten Berlin-Trip!

Es war das perfekte Willkommen in Berlin! Und es scheint sehr der Berliner Attitüde zu entsprechen. Die Art, wie er das rüberbrachte, war knochentrocken. Für mich ist das seit jeher der Berlin-Style - dieser außergewöhnlich trockene Humor und die Art, diesen rüberzubringen. Ich liebe das. Ich bin selten so warm und perfekt von einer Stadt willkommen geheißen worden. Hinter all der Coolheit von Berlin versteckt sich eine Menge Warmherzigkeit.

Darf ich fragen, welchen Fantasie-Namen Sie sich gegeben haben?

(lacht) William Wallace! Das ist ein schottischer Ritter, der zum Anführer während der schottischen Unabhängigkeitskriege wurde.

Wo sich Franz Ferdinand doch nach einem Adeligen benannt haben: Bedeutet Ihnen die bevorstehende Hochzeit von Prinz Harry mit Meghan Markle eigentlich etwas?

Mir? Nein! Aber schön für ihn! Megan Markle scheint eine coole Person zu sein. Ich bin allerdings kein Fan der Königlichen Familie. Es ist ein Anachronismus, der uns in die Zeit zurückwirft, in der Diebstahl am Volk begangen wurde. Und das Königshaus ist heute sowieso total irrelevant. Ich finde es sogar richtig peinlich, dass wir eine Königsfamilie haben. Und ich habe auch das Gefühl, dass Prinz Harry es manchmal peinlich findet, Teil davon zu sein.

Wirklich?

Ja! Das gefällt mir so an ihm und seinem Bruder: Sie stammen aus einer Generation, in der ihnen die Bedeutungslosigkeit des Königshauses sehr bewusst ist. Sie wissen, dass es wohl nur noch ein paar Jahre dauern wird, bis es Veränderungen geben wird. Ich habe die Hoffnung, dass sie den Scheiß mit Anmut auflösen werden, wenn es so weit ist. Denn das Königshaus wäre besser schon vor Hunderten von Jahren aufgelöst worden.

Gründungsmitglied Nick McCarthy hat Franz Ferdinand verlassen, weil er sich mehr um seine junge Familie kümmern will. Wie sieht es da bei Ihnen aus?

Auch ich habe Verpflichtungen in meinem Privatleben. Trotzdem ist mein kreatives Leben immer noch das, was mich antreibt. Ich schätze mich extrem glücklich, dass ich meinen Traum leben kann. Davor habe ich Jobs gemacht, um meine Miete zu bezahlen, obwohl ich sie hasste. Ich beschwere mich daher über nichts und nehme es auch nicht als selbstverständlich, dass ich das tun kann, was ich liebe.

Sind Sie eigentlich der "Lazy Boy", den Sie auf der Platte besingen?

Das Album "Always Ascending" ist ab sofort erhältlich.
Das Album "Always Ascending" ist ab sofort erhältlich.(Foto: Domino Recording Company)

Der bin ich! Als Künstler und Mensch, der kreativ ist, braucht man die Faulheit. Denn das sind die Momente, wenn die Vorstellungskraft Flügel bekommt. Daraus entstehen meist die besten Ideen. Das Lied ist ein Aufruf dazu, die eigene Faulheit zu umarmen und zu feiern. Du kannst an einem anderen Tag hart arbeiten! Aber wenn du faul bist, mach es richtig - nämlich ohne schlechtes Gewissen.

In dem Song "The Academy Award" erwähnen Sie das japanische Phänomen "Hikikomori". Das sind Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren. Auch so eine Art von Faulheit, oder?

Für die Personen ist es eher ein Käfig, den sie nicht verlassen wollen. Sie verlassen ihn nur noch durch den Bildschirm ihres Laptops oder Handys. Sie denken, dass sie dadurch in einem größeren Universum leben. Für mich wäre das eine Horror-Vorstellung. Ich habe zu viel Spaß in der Welt jenseits des Internets. Ich mag es, mich mit Menschen zu verbinden. Aber ich verstehe auch die Psychologie, die hinter dem Phänomen steckt. Sie haben keine körperlichen Beziehungen zu Mitmenschen, zu realen Menschen. Alles ist virtuell. Da müssen sie sich bestimmten Problemen gar nicht mehr stellen. In dem Lied singe ich aber auch über die guten Zeiten, denn das erste Mal in der Menschgeschichte hat jeder von uns eine Filmkamera à la Hollywood in der Hosentasche. Und diese ist auf die Bühne gerichtet, wo wir konstant performen. Es sind immer nur die guten Zeiten, die wir dann später auf den Sozialen Netzwerken von uns zeigen. Wir sind also alle Schauspieler eines guten Lebens. Wenn eine ganze Welt das simultan macht, ist das ziemlich angsteinflößend.

In "Paper Cages" widmen Sie sich dem taiwanischen Performance-Künstler Tehching Hsieh, der sich ein Jahr in einen Käfig einschließen ließ. Sie haben es wohl mit den Käfigen, was?

Das Besondere an seinem Käfig war, dass er nur mit einem Stück Papier versiegelt wurde. Er hätte ihn ganz einfach öffnen können. Es war eher ein psychologisches Schloss. Ich musste beim Schreiben des Songs an die psychologischen Käfige denken, die wir selbst um uns und unsere Leben errichten. Die sind quasi das metaphorische Äquivalent zu dem Papierschloss. Dabei könnten wir so einfach ausbrechen. Aber solche Käfige sind auch nicht nur schlecht, denn oftmals schützen sie uns auch.

Mit Alex Kapranos von Franz Ferdinand sprach Katja Schwemmers.

Das Album "Always Ascending" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Franz Ferdinand befinden sich im März 2018 in Deutschland auf Tour: Hamburg (1.3.), Köln (5.3.), Berlin (7.3.), München (12.3.)

Quelle: n-tv.de