Musik

Jan Delay - 30 Jahre Showbiz "Für alles vor 'Bambule' schäme ich mich"

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Probiert sich auf seiner neuen Platte in Clubsound: Jan Delay

(Foto: Thomas Leidig)

Lange war es still um Jan Delay als Solokünstler. Sieben Jahre ist es her, dass seine letzte Platte "Hammer und Michel" erschien. Eine Pause hat sich der wohl beliebteste FSK-0-Rapper Deutschlands dazwischen aber nicht gegönnt - vielmehr war er mit den Beginnern auf Tour, hat seine Familie vergrößert und ist aus der grauen Hauptstadt zurück in sein geliebtes Hamburg gezogen. Pünktlich zum Sommerbeginn meldet sich der 45-Jährige nun mit seinem neuen Clubsound-Album "Earth, Wind & Feiern" zurück. Im Interview mit einem alten Fangirl von ntv.de spricht er außerdem über finstere Zeiten, die nichts mit Corona zu tun haben, sein ausgeprägtes Schamgefühl und musikalische Authentizität.

ntv.de: Du glaubst nicht, wie ich mich freue, mit dir zu reden! Ich habe dich vor über 15 Jahren in Göttingen live gesehen. Du hattest einen Auftritt im Jungen Theater und ich war vorher mit meiner Theatergruppe bei der Generalprobe. Ein paar von uns haben dann noch mit dir gesprochen am Ende. Aber ich hab mich im Hintergrund gehalten, weil ich dachte, das wäre cooler, als dich anzusprechen. Danach habe ich mich krass geärgert, weil ich nicht sagen konnte, dass ich mit Jan Delay gesprochen habe.

Jan Delay: (lacht) Ach krass, das war auf jeden Fall ein sehr besonderer Auftritt, der erste oder zweite der "Disko No. 1"-Tour. Ich hatte eine ganz neue Band, nur mein Bassist und mein Saxophonist waren alt, alle anderen waren neu.

Gemeinsam gehört ihr jetzt zu den wenigen Musikern, die seit Corona wieder einen Auftritt hatten - wenn auch ohne Publikum und mit Livestream. Wie war's?

Das war krass! Da war so viel los im Vorfeld, dass man gar nicht realisiert hat, dass wir einen Auftritt machen. Dann kam schon die Generalprobe, und dann waren wir live. Und erst so nach einem Song, wo sich die Aufregung legt, erst da ist man in seinem Element. Dann ist alles gut, alle sind geflasht und auf Adrenalin. Und dann kommt auch so ein Auftrittsgefühl, das manchmal ein bisschen weggewischt wird, wenn der Song zu Ende ist und so drei Leute klatschen.

Fühlt es sich eher an wie ein Soundcheck, nur mit der Band auf der Bühne zu stehen?

Ja, vor allem waren die (klatschenden Leute) nicht da, wo wir hingeguckt haben, sondern standen oben auf der Empore. Aber trotzdem war es toll und hat riesig Spaß gemacht. Und als ich danach wiederum den Applaus im Netz gesehen habe - das war voll schön. Ich hätte nicht gedacht, dass das so vielen Leuten so viel bedeutet. Ich habe es mir sogar zweimal angeguckt. Das habe ich noch nie gemacht bei einem Konzert von mir. Aber es ist eben tausendmal schöner, diese Reaktion live zu kriegen und zu sehen.

Weißt du schon, ob du jetzt im Sommer mit deiner neuen Platte "Earth, Wind & Feiern" irgendwie auf Tour gehen kannst?

Es gibt so geplante Strandkorb-Konzerte überall in Deutschland und ich klopfe hier auf Holz und bete und hoffe, dass die stattfinden. Ab Juli geht das los.

Du sprichst im Intro von "finsteren Zeiten", aber an sich ist es eine richtige Feelgood-Platte. Beziehst du dich damit auf die Pandemie beziehungsweise auf das, was danach kommt?

Nee, ich habe das alles vorher geschrieben. Aber die finsteren Zeiten, von denen ich rede, waren da auch schon für mich da: Der Rechtsruck überall auf der Welt und speziell in Deutschland und die drohenden Klimakatastrophen, und dass nichts dagegen getan wird. Dem wollte ich aber wiederum mit positiven Dingen entgegentreten, mit einer Platte zum Feiern und Tanzen. Dass man sich dessen bewusst ist, aber dass man Energie und Kraft daraus zieht, um dagegen anzugehen. Und das kann man genauso auf diese Corona-Situation übertragen. Aber es ist eigentlich für die langfristigere, nachhaltigere Situation gedacht und gemacht.

Aber du hast ja eigentlich immer so eine Musik gemacht?

Nee, meine erste LP war voll von Protestsongs und aufklärerischen Texten, aber das war eher so Mittelfinger und ablehnend und nicht: "Heeey, lasst uns dieses Problem zusammen lösen", sondern mehr so: "Fuck you!" Die letzte Platte (Hammer und Michel, Anm. der Red.) war auch eher so eine Mittelfinger-Platte. Mit sehr vielen kritischen Texten auch, aber ohne positive Vibes, eher das Gegenteil. Also, ich habe zwar immer Texte mit Inhalt, die was aussagen wollen, aber nicht immer so gut gelaunt und nicht immer einladend und mit offenen Armen.

Zu deiner letzten Platte: Die kam ja gerade bei eingefleischten Fans nicht so gut an. Wie gehst du mit solchen Rückschlägen nach 30 Jahren im Musikbusiness um? Enttäuscht dich das?

Es hat mich genervt. Das ist sieben Jahre her, damals waren es 20 Jahre Musikbusiness. Aber damals hat es mich genervt, weil ich das ganz ungerecht der Platte und den Liedern gegenüber fand. Dass das für eingefleischte Jan-Delay-Fans nicht taugt, damit muss ich klarkommen, wenn ich auf einmal eine Rockplatte mache.

Dabei war es kommerziell wirklich erfolgreich.

Genau! Es war eine Gold-Platte, aber die Platten davor waren halt noch erfolgreicher. Und danach, als ich dann auf diese riesen tolle Tour gegangen bin und ich die Leute gesehen hab, wie die dazu abgegangen sind, war auch alles cool. Aber als die Platte rauskam, war das schon ätzend, weil das auch für mich das erste Mal war.

Hast du deswegen sieben Jahre gewartet mit einem neuen Album?

Nee, man vergisst ja, dass ich zwei Künstler bin. Und meine andere Band (die Beginner, Anm. der Red.) hat in diesen sieben Jahren auch ein bisschen was an den Start gebracht. Ein, zwei Jahre haben wir die Platte gemacht, ein, zwei Jahre waren wir damit auf Tour, weil sie ein Riesenerfolg war. Und das sind dann schon drei, vier Jahre, die du von den sieben abziehen musst. Zugegebenermaßen, andere Leute bringen jedes Jahr eine Platte raus. Aber das könnte ich gar nicht, weil ich Platten ganz anders aufnehme, gerade Jan-Delay-Platten.

Wie denn?

Das dauert einfach länger, ich mache das mit Musikern zusammen, produziere da ganz herum, mache mir einen Kopf, schmeiße Sachen weg und nehme neue Sachen rein. Ich will eine ganz bestimmte Form von Qualität haben, und die kriegst du nicht, wenn du jedes Jahr eine Platte machst. Dann kann ich nicht die Texte schreiben, die ich schreibe. Das geht nicht so schnell.

In deine Musik fließen immer viele verschiedene Genres mit ein. "Earth, Wind & Feiern" hast du unter anderem mit Hallentechno unterlegt. Willst du dich überall mal ausprobieren?

Das passiert beim Machen, wenn bestimmte Elemente, die ich mag, von irgendwo kommen und ich finde, sie passen super. Ich habe einfach keine Berührungsängste. Ich mache mir höchstens vor einer Session mit der Band, bei der wir eventuelle neue Songs, neue Rhythms einspielen, einen Kopf darüber, auf was ich Lust habe. Dann sage ich: Wir hatten lange keinen Reggae, lass das mal wieder ausprobieren, oder Ska. Das ist dann ein bewusster Plan, aber es kommt auf das Ergebnis an.

Und wenn du auf dein ganz altes Material zurückblickst, "Flashinizm" zum Beispiel, die erste LP der Absoluten Beginner …

(verzieht das Gesicht zu einer Grimasse) "Bambule" (zweite LP der Beginner, erster kommerzieller Erfolg, Anm. der Red.) ist bei mir die Zeitenwende, ab da mag ich alles. Für alles davor - egal, ob Vocals, Texte oder wie ich gerappt habe, der Flow - schäme ich mich. Aber die Beats, die ich gemacht hab, die mag ich wiederum. Da höre ich auch das, was andere vielleicht auch an mir und an meiner Performance mögen: diese Naivität und dass man alles macht, ohne nachzudenken. Aber bei den Vocals ist mir das peinlich. Ab "Bambule" ist alles cool.

Also, ein paar Lieder wie "Natural Born Chillas" …

Aargh!

… mit dem Musikvideo oder "Pissen from Outta Space" sind mega nice!

Ja, das Video von "Natural Born Chillas" ist super, die Strophen von Dennis und Martin auch, aber meine Sachen finde ich peinlich.

Natürlich ist es ein großer qualitativer Unterschied zu allem, was ihr heute macht. Aber wenn man bedenkt, dass das von 1996 ist und ihr am Anfang eurer Karrieren standet - dafür ist das echt solide. Da ergibt Sinn, dass ihr jetzt da steht, wo ihr steht.

Ja, das mag sein. Ich kann auch jeden verstehen, der damals meinte, aus den Jungs kann mal etwas werden. Vielleicht ist das auch einfach nur, weil ich das bin und mich schäme und denke, das ist nicht gut. Das ist so, wie wenn man sagt: "Oh, entschuldige, hier ist noch nicht aufgeräumt!", wenn Leute zu einem nach Hause kommen.

Und gibt es nach "Bambule" Sachen, die du jetzt nicht mehr machen würdest?

Ja, aber da muss ich schon überlegen. Auf "Blast Action Heros" von Denyo und mir, da sind ein paar Songs, die sind richtig gut und zeitlos wie "City Blues" über Hamburg. Aber da sind auch so Songs drauf, wo wir ein bisschen lost sind und rumprobieren und nicht so richtig wissen - und das hört man. Aber das ist halt so.

Apropos Hamburg: Dadurch, dass ihr in so vielen Liedern euren Lokalpatriotismus besingt, habt ihr ja einen richtigen Hamburg-Hype erschaffen. Bis heute bin ich fast schon ein bisschen aufgeregt, wenn ich in "euer Revier" fahre und muss dann auch alte Musik von euch oder von Dynamite Deluxe hören.

(lacht) Ja, das kann ich voll unterschreiben. Das gilt ja für jeden Menschen - bestimmte intensive Musik aus der Jugend, das hat einen krass geprägt. Und wenn man dann an den Ort kommt, dann will man das nur reproduzieren, ist ja klar!

Du hast ja eine Weile in Berlin gewohnt, aber jetzt hat dich die Hauptstadt dann doch wieder an Hamburg verloren ...

Ja! Ich bin tierisch froh darüber! Ich hab die ganze Zeit darauf hingearbeitet, wieder zurückzugehen.

Warum warst du überhaupt in Berlin?

Wegen meiner Tochter. Die ist da geboren worden. Und ich bin ja immer unterwegs gewesen, deshalb habe ich meiner Frau zugestanden, zu entscheiden, wo sie dann sein will, wenn sie mit dem Kind allein ist. Sie ist Berlinerin. Und als es dann zur Einschulung kam ... Die Schulen sind halt einfach geiler in Hamburg. Und vor allem sind sie da in Berlin, wo sie gewohnt haben, echt nicht geil. Die wenigen sind so hoffnungslos überfüllt und so weit weg, das war dann so das Ausschlaggebende, dass sie gesagt hat, dass wir wieder zurückziehen. Vorher war es sechs Jahre lang immer hin und her.

Deine Songtexte waren ja immer schon sehr politisch korrekt und clean. Auf "Earth, Wind & Feiern" fällt nur in "Wassermann" einmal das Wort Hurensohn in Bezug auf Nestlé.

Aber da darf man das mal sagen.

Also Beleidigungen nur an die, die es aus deiner Sicht auch wirklich verdient haben?

Ja, und wenn es passt. Ich bin auf jeden Fall nicht so Will-Smith-mäßig, dass ich sage, ich will überhaupt keine Schimpfwörter. Ich glaube, die letzte Beginner-Platte, die war wirklich clean. Da meinte Matthias Arfmann, unser Manager, am Ende: "Ey Mann, ich finde das so super. Die ganze Platte ist FSK 0." Und bei Jan Delay, da kommt das schon mal vor. Aber ich bin nicht so, dass ich mir von Vornherein sage: Ich will das auf keinen Fall. Aber ich bin einfach so, wie ich bin. Und bestimmte Sachen, die ich vielleicht vor 20 Jahren ganz anders geschrieben hätte, da denke ich mir: Nee, das will ich doch nicht sagen, selbst wenn der Reim gut ist. Dann lasse ich das Schimpfwort einfach weg. Aber wenn ich das haben will oder wenn ich dann "Scheiße" einbaue, weil mir eine Silbe fehlt, dann mache ich das auch rein. Und es ist mir egal. Darüber schimpfen tun sowieso immer nur die Kids, die sagen: "Du hast das böse Wort benutzt!" Und ich sage: "Na klar!"

Echt? Die beschweren sich?

Ja klar, weil sie gesagt bekommen haben, man darf keine bösen Wörter sagen.

Also ist Gangsta-Rap nichts, worin du dich auch mal ausprobieren wirst?

(lacht) Nee, weil ich mir da einfach blöd vorkommen würde. Ich mache ja nur das, was ich selber auch höre und was ich selber dann auch verkörpere. Ich schreibe nur Sachen auf, die ich auch meine. Und was soll ich irgendwas von Koks verticken oder von Maschinengewehren erzählen? (lacht) Das ist genauso peinlich, wie wenn ich einen Song darüber machen würde, dass ich Angler bin oder Pilze sammle oder Schach spiele - das stimmt halt einfach nicht.

Na gut, aber hier in Deutschland hat doch kaum ein Gangsta-Rapper die Erfahrungen gemacht, über die sie alle letztendlich rappen.

Ja. Aber das ist bei den Angler-Rappern und den Pilzesammler-Rappern übrigens auch so (lacht), die machen das nur für den Erfolg.

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Hört deine Tochter deine Musik?

Ja, aber jetzt nicht so, dass es unangenehm ist. (lacht) Sie hört das und freut sich, dass es ihr Papa ist. Aber sie legt sich das nicht selber auf, das wäre komisch.

Versteht sie, dass ihr Vater berühmt ist?

Natürlich. Aber das Gute ist, dass sie, seit sie denken kann, da so zart rangeführt wurde. Von Anfang an haben mich wildfremde Leute angesprochen, und dann hat Papa denen irgendwas aufgeschrieben und sie hat gefragt. Natürlich wird sie jetzt, wo sie in Hamburg auf die Schule gekommen ist, zum ersten Mal damit konfrontiert, dass keiner sie kennt, aber alle ihren Papa. Aber sie geht da super mit um und ist da auch ein bisschen stolz drauf. Ich glaube, das ist alles im grünen Bereich, was das angeht.

Mit Jan Delay sprach Linn Rietze

Quelle: ntv.de

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