Musik

Protest und Liebe Gregory Porter steht mit "All Rise" wieder auf

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"All rise, please!"

(Foto: imago/CTK Photo)

Schon seine ersten beiden Alben wurden jeweils für einen Grammy nominiert und ebneten ihm den Weg zu seinem Blue Note-Debüt "Liquid Spirit" (2013), das mit dem Grammy für das beste Jazzgesangsalbum ausgezeichnet wurde. Seitdem hat er seine stetig wachsende Fangemeinde nie enttäuscht. Gemeinsam mit dem britischen Garage-Duo Disclosure landete er 2015 mit "Holding On" sogar einen Club-Hit. Für "Take Me To The Alley” strich er 2017 seinen zweiten Grammy ein. Noch immer ist Porter von seinem durchschlagenden Erfolg selbst am meisten überrascht. Darüber, über Autos, Kochen, Familie und Rassismus spricht der Ausnahmekünstler mit ntv.de offen und gelöst. Wenn es allerdings um den Präsidenten der Vereinigten Staaten geht den er nicht beim Namen nennen will, wird er aufbrausend.

ntv.de: Wir haben uns 2013 zum ersten Mal getroffen, da begann Ihre Karriere.

Gregory Porter: Ja, kaum zu glauben, dass das schon so lange her ist!

Damals haben Sie nach den Konzerten, in meinem Fall war das im Kammermusiksaal in Berlin, noch Ihre CDs nach dem Auftritt signiert.

Vielleicht ist das tatsächlich gar nicht mehr nötig, aber ich habe das bis vor Kurzem immer mal wieder gemacht. Ich mag das, nach dem Konzert unter die Leute zu gehen, ein bisschen Händeschütteln, ein paar Selfies, das mag ich noch immer.

Sie haben meinem Mann damals bestätigt, dass er eine "Singing-Voice" hätte … das hat für eine Menge Unruhe gesorgt, denn er kann wahrlich nicht singen.

(lacht) Oh, das tut mir leid, ich hoffe, er hat nicht gleich gekündigt!?

Alles in Butter, danke. Ihr neues Album ist ein bisschen wie "nach Hause kommen", ich empfinde es als "typisches Gregory-Porter-Album". Ist die Einschätzung okay? Oder wollten Sie alles ganz anders machen?

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Er mag es, unter Leute zu gehen.

(Foto: imago/Future Image)

Mit dieser Einschätzung kann ich wirklich sehr gut leben. Was ist denn schöner, als nach Hause zu kommen? Ich singe sogar ein Lied darüber.

Ja, gleich das erste, "Concorde".

Es ist ein wirklich starker Song mit einer kraftvollen Botschaft. Deswegen ist es auch der erste auf dem Album. Er handelt davon, nach Hause zu kommen, wenn man so wie ich in den letzten Jahren sehr viel reist. Es gibt nichts Besseres. Ich will nicht so tun, als ob mir das Reisen keine Spaß machen würde, denn das tut es, und meine Auftritte sind jeder einzelne so wertvoll für mich, ich treffe ständig neue, interessante Menschen - es ist großartig. Aber nichts lässt sich vergleichen mit dem Gefühl, seine Liebsten in die Arme zu schließen.

Sie sind um die Welt gereist für dieses Album, fast unvorstellbar in unserer momentanen Situation …

Ja, wir waren in Los Angeles, in Paris und haben es in London beendet. Wir haben alles reingepackt an Herzblut, was wir hatten.

Sie haben das schon vor Beginn der Corona-Pandemie aufgenommen.

Wir waren quasi fertig damit. Es hätte bereits viel früher veröffentlicht werden sollen und der Zeitpunkt wurde immer weiter nach hinten verschoben. Ich bin so froh, dass es jetzt raus ist.

Und es ist gleich so gut gestartet …

Ja, das macht mich natürlich besonders glücklich. Ich würde ja so weit gehen, zu behaupten, dass dieses Album die Quintessenz von mir - oder besser: meiner künstlerischen Laufbahn bisher - ist. Es ist voller Soul, voller Seele, aber auch voller Protest. Neu ist, dass ich das Orchester mit meiner Band kombiniert habe, da ist etwas ganz Spezielles entstanden, wie ich finde. Wir sind so schon aufgetreten, deshalb hielten wir es für eine gute Idee, es aufzunehmen. Wir haben uns wirklich Zeit genommen für diese Aufnahmen.

Mein Eindruck ist, dass Sie sich ganz schön verändert haben. Am Anfang kamen Sie mir fast ein bisschen schüchtern vor. Wenn ich aber auf Ihrem Instagram-Account bin, dann ist da eine Menge los, Sie zeigen auch Ihre Familie, das ist ungewöhnlich.

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Immer wieder aufstehen - nicht so einfach.

(Foto: imago/CTK Photo)

Am offensten bin ich natürlich in meinen Songs, da bin ich auch am verletzlichsten. Und ganz ehrlich, ich bin immer noch recht schüchtern, auch wenn ich Nacht für Nacht vor einem großen Publikum auftrete. Das kann man sich gar nicht vorstellen, aber das ist wirklich so. Aber ich glaube, ich stelle mich ganz gut an dafür, dass ich zum Beispiel auch überhaupt kein Social-Media-Typ bin, schon rein technisch gar nicht. (lacht) Ich behalte gerne Dinge, Augenblicke, nur für mich. Aber ein paar Momente teile ich natürlich auch mit meinem Fans, denn ohne sie wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Insofern stimmt das, ich bin da etwas offener geworden.

Die letzten Monate waren für uns alle hart, für Sie aber ganz besonders. Zwei Ihrer Geschwister sind kurz hintereinander gestorben, das tut mir sehr leid.

Danke. Ich muss Ihnen sagen, und das klingt wie eine typische Musiker-Antwort, aber so ist es nun mal: Die Musik hat mir in dieser Zeit sehr geholfen. Sie ist beruhigend und ausgleichend, sie bringt mich auf andere Gedanken. Ich kann Dinge mit Musik besser verarbeiten. Ich kann in der Musik meine Sorgen, meine Wut, meine Trauer, meine Enttäuschung, aber auch meine Freude und meinen Optimismus ausrücken.

An welchen Song denken Sie jetzt vor allem?

An "Thank You", der ist für meinen Bruder. Der hat immer an mich geglaubt, mir schon als kleiner Junge gesagt, dass ich eine gute Stimme habe. Ich war so etwas wie ein Rohdiamant, der geschliffen werden musste - und das hat er übernommen. Er und meine Mutter waren die Ersten, die an mich geglaubt und mich also dementsprechend auch "poliert" haben. Er war mein älterer Bruder und hat gesagt, dass ich eines Tages berühmt sein werde. Da habe ich am allerwenigsten dran geglaubt.

Er hatte großen Anteil an Ihrem Erfolg …

Ja, er hat anfangs einige Videos produziert, "Liquid Spirit" und "Hey Laura", "1960 What?", "Be Good", um nur einige zu nennen. Er war sehr sehr wichtig für mich.

Das Album heißt "All Rise" - symbolisiert das den Kreislauf des Lebens, dass wir auch immer wieder aufstehen müssen nach einem Schicksalsschlag?

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Porter liebt "cars and cooking".

(Foto: imago/MediaPunch)

Egal, an welcher Stelle unseres Lebens wir uns gerade befinden, uns sollte klar sein, dass wir durch die Musik, durch die Liebe, immer wieder aufstehen können. Meine Songs "Concorde", "Phoenix", "Revival", sie alle stehen für Bewegung, auch wieder aufzustehen, ja.

Abgesehen davon, und von Ihrer Frau und Ihrem Sohn natürlich, habe ich den Eindruck, dass "Cars" und Cooking" einen großen Teil dazu beitragen, dass Sie sich wohlfühlen in Ihrem Leben.

Ist das mit dem Kochen wirklich so offensichtlich? Oh je. Lassen Sie uns lieber über Autos sprechen! Ich habe mein drittes deutsches Auto, das lenkt jetzt vielleicht ein wenig davon ab, dass ich während der Corona-Zeit wirklich viel gekocht habe. Aber ich liebe es nun mal, für meine Liebsten zu kochen. Und auch zu essen. (lacht) Es ist fast wie eine Mediation, wirklich, ich sehe das überhaupt nicht als anstrengend an.

Zum Mercedes kamen jetzt noch ein Porsche 911 …

… ja, und ich muss gestehen: Ich bin nicht der beste Autofahrer. Aber es macht so viel Spaß! Ich hatte eine Art Erweckung, was das Autofahren angeht, es war auf einer Fahrt von Frankfurt am Main nach Berlin. Und so klischeehaft es auch klingt, diese Autobahnfahrt hat mich berauscht. Und ich liebe es, einfach herumzufahren. Ich weiß, dass man heute nicht mehr einfach so cruist, aber da kommen mir sehr gute Ideen.

Die Corona-Phase haben Sie bisher wie verbracht?

Sehr ruhig, sehr isoliert. Wir haben nicht viele Freunde gesehen, obwohl ich für die auch sehr gerne koche. Ich habe viel geschrieben, bin im Garten hin und her gewandert. Ich habe aber auch viel für das Album gearbeitet, was man aus der Isolation heraus eben so machen kann.

Ein Song auf Ihrem neuen Album heißt "Faith In Love" - haben Sie neben dem Glauben an die Liebe auch noch den Glauben an die Politik, kurz vor den Wahlen in den USA?

Puh, das ist wirklich nicht einfach! Aber ich bin fast ein bisschen aufgeregt, ja, denn vor allem glaube ich an die Veränderung! Wir werden einen Wechsel an der Spitze haben, jawohl! Ich bin wirklich erschöpft, die letzten vier Jahre haben ihre Spuren hinterlassen, nicht nur bei mir natürlich. Ich hoffe sehr, dass die Menschen zur Wahl gehen und dass sie dieses Mal anders, besser wählen! Er (Porter nennt seinen Namen nicht, er vermeidet das Wort Trump, Anm. d. Red.) ist so gefährlich, er ist eine Bedrohung für die Menschheit. Er schleudert seine Worte heraus, ohne nachzudenken, was er damit anrichtet. Ich meine, Worte können die Welt auf den Kopf stellen, sie können Kriege auslösen, er wählt seine Worte so dumm, das ist gefährlich. Jeder weiß außerdem, dass er ein Lügner ist.

Sie können ihn wirklich nicht leiden …

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Er ist nicht nur ein Lügner, er stellt andere Leute bloß, das ist noch schlimmer. Er verdreht auch die Tatsachen und stellt sie dann als Wahrheit dar. Es ist schockierend. Er negiert Tatsachen, er hat behauptet, dass es Corona nicht gibt, dass dieses Virus nicht existiert. 200.000 Menschen sind in den USA gestorben. Ganz ehrlich, Länder, die von Frauen regiert werden, sind mit diesen Tatsachen besser umgegangen. Nehmen Sie Deutschland, Ihre Kanzlerin hat sehr viel bessere Arbeit geleistet als er. Und immer noch sagt er, er würde einen "great job" machen.

Lassen Sie uns lieber noch über "Mister Holland" reden, es geht um das leider sehr aktuelle Thema Rassismus.

"Mister Holland" basiert auf einer wahren Geschichte, die ich aber verändert habe, damit er sich nicht erkennt und auch niemand anders ihn erkennt. Als Jugendlicher wollte ich ein weißes Mädchen zum Tanzen ausführen. Aber ihre Eltern verboten den Kontakt. "Mister Holland", der Vater, reagiert, zumindest in meinem Song, nicht rassistisch, sondern normal. Er wollte einfach nur nicht, dass ich mit seiner Tochter ausgehe, unabhängig von meiner Hautfarbe. Im wahren Leben hatte er schon etwas dagegen, dass ich ein Schwarzer bin.

Sie haben Rassismus-Erfahrungen gemacht …

Jede Menge. Man wollte unser Kinder-Baumhaus abreißen, man hat in unserem Garten ein Kreuz verbrannt. Wir waren eine von zwei schwarzen Familien in einer rein weißen Gegend. Man hat mich weggestoßen, man hat uns beschimpft. "Mister Holland" ist ein kleiner Protest-Song, in dem ich dazu aufrufe, uns ganz normal zu behandeln, nicht besonders, nur so wie die anderen auch. Ich rufe vor allem dazu auf, unsere Kinder normal zu behandeln. Denn ein normales Kind wird nicht von hinten erschossen, mit sieben Kugeln im Rücken. Ein schwarzer Teenager schon. Der Song ist mir sehr wichtig, weil er unsere Zeit widerspiegelt, von der ich nicht glauben kann, dass sie noch immer so rassistisch ist.

Dann hoffen ich, dass es "Mister Holland" inzwischen leidtut, dass er seine Tochter nicht mit Ihnen hat ausgehen lassen.

(lacht) Wenn er das hört könnte es schon sein, dass er sich ärgert.

Mit Gregory Porter sprach Sabine Oelmann

Seine Deutschlandtour startet im Juli 2021.

Quelle: ntv.de