Musik

Krieg, Corona, Donald Trump Hinter Serj Tankian liegt die "Hölle"

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Egal, worum es geht - er nimmt kein Blatt vor den Mund: Serj Tankian.

(Foto: Alchemy Recordings / BMG)

Mit der EP "Elasticity" meldet sich Serj Tankian lautstark zurück. Dabei hat der Sänger von System Of A Down "verheerende" Zeiten hinter sich. Mit ntv.de spricht er über seine Gesundheit, die Folgen von Corona, den Krieg in Bergkarabach, die Differenzen in der Band und die Chancen, sie zu überwinden.

ntv.de: Ich weiß, dass Sie sich Ihre Zeit zwischen den USA und Ihrer zweiten Wahlheimat Neuseeland aufteilen. Wo sind Sie gerade?

Serj Tankian: Ich bin in Los Angeles. Während des Lockdowns bis Oktober vergangenen Jahres war ich mit meiner Familie allerdings in Neuseeland. Erst danach sind wir in die USA gereist, um ein bisschen Chaos zu erleben. (lacht) Nein, auch um unsere Verwandten wiederzusehen. Zudem tobte gerade der zweite Bergkarabach-Krieg. In dieser Zeit erhoben viele Armenier im Exil ihre Stimme. Wir haben uns in dieser Hinsicht in Neuseeland etwas isoliert gefühlt. Wir sind auch hierhergekommen, um unsere Community so gut es geht zu unterstützen.

Wie ist denn die Corona-Situation aktuell in Los Angeles? Bei uns in Deutschland gibt es immer noch eine Art Lockdown ...

Hier hat eigentlich alles geöffnet. Restaurants dürfen zwar innen nicht bedienen, aber außen schon. Davor waren sie eineinhalb Monate geschlossen, sodass man Essen nur abholen konnte. Aber jetzt ist wieder alles geöffnet. Es werden ja auch immer mehr Menschen geimpft. Trotzdem ist es auch hier nach wie vor alles kein Spaß. Die Menschen im Gesundheitssystem haben noch immer hart mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. Das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass sich viele Menschen in den USA nicht impfen lassen wollen. Zugleich wissen wir, dass die Impfung vermutlich nur ein paar Monate wirkt. Wo das hinführt, kann man sich ausmalen.

Sie haben in einem anderen Interview gesagt, die Pandemie sei für Sie persönlich "verheerend" gewesen. Inwiefern?

Nun, ich habe einen Onkel in New York verloren. Der Bruder meines Vaters ist im Frühjahr 2020 an Covid-19 gestorben. Zugleich hatte ich selbst sehr viele Gesundheitsprobleme. Als ich Anfang vergangenen Jahres das erste Mal nach Neuseeland gereist bin, hatte ich viele Symptome, die inzwischen als typisch für Covid-19 gelten. Ich habe zwar meinen Geruchs- und Geschmackssinn nicht verloren, aber ich hatte lange extrem hohes Fieber, Gelenkschmerzen und Schwellungen. Zwischen Januar und Februar 2020 habe ich mich tatsächlich so krank wie noch nie in meinem Leben gefühlt. Ich war deshalb auch im Krankenhaus. Aber es wurde damals kein Test auf Covid-19 durchgeführt. Deshalb weiß ich nicht, ob ich wirklich infiziert war. Aber das war noch nicht alles ...

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Zuletzt musste er mit vielen gesundheitlichen Problemen kämpfen.

(Foto: Travis Shinn / Alchemy Recordings / BMG)

Sondern?

Als ich mich davon im März erholt hatte, bekam ich plötzlich schreckliche Rückenschmerzen. Es hat mich sprichwörtlich mehrere Tage lang auf die Bretter gestreckt. Das hinter mir zu lassen, hat erneut monatelang gedauert. Dann kamen noch andere Rückenprobleme hinzu, bis ich vor drei Monaten schließlich einen wirklich schlimmen Bandscheibenvorfall erlitten habe. Deswegen bin ich gerade erst operiert worden. Das war, was ich gemeint habe: Das ganze letzte Jahr war in vielerlei Hinsicht die Hölle für mich.

Heißt das, dass Sie mit der unfreiwillig gewonnenen freien Zeit gar nicht viel anfangen konnten?

Nein. Das ist die gute Sache daran: Ich habe in dieser Zeit musikalisch viel arbeiten können. Aber es war eine extrem herausfordernde und schmerzhafte Zeit - im wörtlichen Sinn. Ich hoffe jedoch, dass das nun hinter mir liegt. Ich bin geimpft worden! Jetzt tut mir der Arm ein bisschen weh. (lacht) Aber das ist das kleinste Problem. Ich will einfach nur wieder gesund sein - und das komplette letzte Jahr vergessen.

Einige hoffen ja, dass die Pandemie auf lange Sicht den positiven Effekt haben könnte, dass die Menschen ihre bisherige Lebensweise überdenken. Hoffen Sie das auch oder ist das Wunschdenken?

Vielleicht ist es Wunschdenken. Aber ich halte es für zwingend notwendig. Als wir im März und April des vergangenen Jahres im Lockdown waren, fragten alle andauernd, wann wir wieder "normal" leben könnten. Aber als sich auf einmal wegen der Flugzeugausfälle der Himmel auftat und wir gesehen haben, welche Möglichkeiten ein anderer Lebensstil mit sich brächte, ist etwas in Bewegung geraten. Es wurde klar, wie schnell wir die Umwelt in ein Gleichgewicht bringen und den Klimaschutz vorantreiben könnten, wenn wir nur unseren Lebensstil ändern.

Glauben Sie, dass das passiert?

Für mich ist jedenfalls klar: Dass, was wir "normal" nennen, wird uns zerstören. Also können wir nicht dorthin zurück. Es würde schließlich weiterhin fortschreitendes Wachstum bedeuten - auf einem Planeten, der nicht mitwächst. Es würde weiteres Bevölkerungswachstum bedeuten, die wachsende Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und damit einhergehend Kriege um diese Ressourcen. Die Art und Weise, wie wir gelebt haben, ist mit Blick auf unsere eigene Existenz überholt. Wir müssen uns drastisch ändern und eine neue "Normalität" definieren.

Ein in gewisser Weise positiver Effekt der Krise liegt jetzt schon vor - Ihre neue EP "Elasticity". Im Begleittext dazu heißt es sinngemäß: "Es ist 2021 - Zeit einer globalen Pandemie, sozialer Unruhen, weltweiter Veränderungen und der ersten Wochen nach US-Präsident Donald Trump. Mit anderen Worten: die beste Zeit für neue Musik von Serj Tankian." Stimmen Sie zu?

(lacht) Ich weiß es nicht. Als Künstler veröffentlicht man seine Musik immer dann, wenn man sie fertig hat, glücklich damit ist und die Zeit dafür für gekommen hält. Eigentlich wollten wir die Songs schon im Oktober veröffentlichen. Aber dann begann mit der Invasion Aserbaidschans, unterstützt von türkischen und syrischen Söldnern, der Krieg in Bergkarabach. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich keine persönlichen Songs veröffentlichen.

Stattdessen haben Sie mit System Of A Down zwei neue Songs veröffentlicht - "Protect the Land" und "Genocidal Humanoidz" ...

Ja, um humanitäre Hilfe zu organisieren und den Blick auf die Ereignisse in Bergkarabach zu richten. Aserbaidschan verwendet seine Petrodollar nicht nur militärisch, sondern auch für Desinformation in den sozialen Netzwerken weltweit. Mit System Of A Down konnten wir das zumindest ein bisschen durchbrechen.

Der EP-Titel "Elasticity" erinnert an das Erfolgsalbum "Toxicity" von System Of A Down. War das beabsichtigt?

Ja. Diese Songs wurden vor rund fünf Jahren geschrieben. Zwischenzeitlich haben wir auch mal darüber diskutiert, ein neues System-Of-A-Down-Album zu machen. Ich habe meinen Bandkollegen diese Songs auch vorgespielt. An einigen haben sie mitgearbeitet. Aber wir haben einfach keinen gemeinsamen Nenner gefunden, um mit einem kompletten neuen Album kreativ voranzugehen. Die Songs waren nun aber schon da. Zwei Freunde haben mich in dem Beschluss bestärkt, sie zu veröffentlichen.

Also waren die Songs eigentlich für System Of A Down gedacht ...

Ich denke, einige von ihnen haben diesen starken Punk- und Metal-Ethos, der in der Musik von System Of A Down steckt. "Electric Yerevan" zum Beispiel, "Your Mom" und zu einem gewissen Grad auch der Titelsong. Deshalb dachte ich auch, dass wir sie zusammen veröffentlichen könnten. Es waren eher unsere zwischenmenschlichen Differenzen, die uns daran hinderten, als die Musik selbst.

Sie werden das ja immer wieder gefragt: Wird es nochmal ein neues Album von System Of A Down geben?

Ich weiß es wirklich nicht. Wie gesagt: Wir haben keine gemeinsame Vision, wo es hingehen soll. Sollten sich das einmal ändern, gibt es vielleicht wieder die Chance. Umso glücklicher bin ich, dass wir zumindest an den beiden Songs mit Blick auf den Bergkarabach-Krieg zusammengearbeitet haben. Ich finde, das sagt viel aus. Wir haben unsere kreativen Differenzen dem untergeordnet. Ich bin deshalb sehr stolz auf die Jungs, die ich nicht ohne Grund meine Brüder nenne.

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Ein Freund von Donald Trump ist er - im Gegensatz zu seinem Schwager - nicht.

(Foto: Tavis Shinn / Alchemy Recordings / BMG)

Nicht ganz so einig sind Sie sich innerhalb der Band mit Blick auf die US-Politik. Sie haben sich oft deutlich gegen Ex-Präsident Donald Trump positioniert. Schlagzeuger John Dolmayan, der tatsächlich auch Ihr Schwager ist, ist dagegen ein glühender Trump-Anhänger. Wie gehen Sie damit um?

Ich sage immer: Jeder hat einen Schwager, der politisch andere Ansichten hat als man selbst. Ich bin da keine Ausnahme. Aber wir respektieren uns gegenseitig. Wenn es um Themen geht, die Armenien betreffen, ziehen wir an einem Strang. Auch bei familiären Angelegenheiten - wir verbringen viel Zeit miteinander. Ja, es stimmt, wir haben zwei komplett unterschiedliche Sichtweisen auf die Politik in den USA und vertreten diese jeweils sehr leidenschaftlich und kompromisslos. Aber das ist okay. Wichtig ist, dass man sich gegenseitig persönlich respektiert.

Mit Blick auf die USA ist oft von einer Spaltung der Gesellschaft die Rede, die sogar quer durch Familien gehe. Sind Sie sozusagen das perfekte Beispiel dafür?

Ja, vielleicht. Wir befinden uns schließlich in einer Familie, in einer Band, in einer Stadt, in einer Kultur. (lacht) Von daher mag das stimmen. Aber die Medien lieben es natürlich auch, solche Unterschiede anstelle der Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, weil sie eher zum Aufreger taugen.

Kommen wir beim Thema Familie zurück zu Ihrer EP. Der Song "Rumi" dreht sich zum einen um Ihren Sohn, zum anderen aber auch um einen persischen Dichter aus dem 13. Jahrhundert. Was war die Idee dahinter?

Auch dieser Song ist vor rund fünf Jahren entstanden. Damals war mein Sohn noch ziemlich jung. Da mein Klavier in meinem Haus steht und nicht in meinem eigentlichen Studio, war er zu dieser Zeit oft dabei, wenn ich musikalische Ideen ausgearbeitet habe. Er spielte nebenher, machte Geräusche oder ich versuchte, mit meinem Gesang seine Aufmerksamkeit zu erregen. Im ursprünglichen Demo dieses Songs konnte man das alles hören. Ich fand das ziemlich cool! Zugleich haben wir ihn ja nach dem Dichter Rumi benannt, der einer der bekanntesten Liebesdichter überhaupt ist. So kam es zu der Idee für den Song: die Botschaften des Dichters an die Welt mit der Botschaft eines Vaters an seinen Sohn zu verknüpfen.

Ihr Sohn ist inzwischen sechs Jahre alt. Was hat es mit Ihnen gemacht, Vater zu werden?

Ich glaube, jeder, der ein Kind bekommt, wird das antworten: Die Prioritäten im Leben verschieben sich. Nichts mehr ist dir wichtiger als das Glück dieses Menschen. Ich sage immer: Das Einschneidendste, was wir als Menschen erleben, ist der Tod unserer Eltern - bis wir selbst Kinder haben. Egal, ob Musik, Kunst oder was auch immer ich als meinen Beitrag in diesem Leben gesehen habe - all das ist in gewisser Weise unwichtiger geworden als das Glück meiner Familie. Zugleich hat es mich als Künstler stärker gemacht, weil es mich freier gemacht hat. Dass ich heute für Filme komponiere oder mit Menschen aus allen Musikrichtungen zusammenarbeite, hat auch damit zu tun.

"Rumi" ist ein sehr persönlicher Song. "Your Mom" und "Electric Yerevan" sind dagegen wieder politisch angehaucht. Sie bezeichnen sich selbst oft auch als Aktivist. Sind Sie ein Musiker, der zum Aktivisten geworden ist, oder ein Aktivist, der Musiker wurde?

Auf jeden Fall ein Aktivist, der zum Musiker wurde.

Finden Sie, dass es generell zur Aufgabe von Künstlern gehört, politisch Stellung zu beziehen?

Ich denke nicht, dass es eine spezielle Verpflichtung oder Verantwortung von Künstlern dafür gibt. Ich finde eher, dass es jedermanns Sache ist, sich zu positionieren und Wahrheiten auszusprechen. Wenn ein Unrecht geschieht, muss man seine Stimme erheben, ob als Journalist, Politiker oder Mechaniker. Das hat nichts damit zu tun, ob jemand ein Künstler ist, sondern damit, ein Mensch zu sein.

Vor Kurzem ist auch die Dokumentation "Truth To Power" erschienen. Sie wirft unter anderem ein Schlaglicht auf die Rolle von System Of A Down bei der sogenannten "Samtenen Revolution" in Armenien 2018. Sie sind einer der bekanntesten Wortführer mit armenischen Wurzeln. Sie werden dort von vielen Menschen verehrt. Mal ehrlich: Wie groß schätzen Sie Ihren Beitrag zu der Revolution ein?

Sehr gering. Ich habe über die Jahre meinen Fokus auf das Unrecht in den USA und auf der Welt ein wenig auf das Unrecht in Armenien verlagert. Zu dieser Zeit gab es dort eine postsowjetische, oligarchische und korrupte Regierung. Ich habe angefangen, über dieses Unrecht zu sprechen. Weil ich ein bekannter armenischer Musiker im Exil bin, bekam ich dafür in Armenien sicher deutlich mehr Aufmerksamkeit, als ich das in einem bestimmten Teil Deutschlands oder der Niederlande bekommen hätte. Auch als ich 2013 offene Briefe an den damaligen Präsidenten Sersch Sargsjan schrieb und darin das korrupte Wahlsystem thematisierte, hat das für einigen Wirbel gesorgt.

Das spricht doch für einen gewissen Einfluss ...

Ja, das war natürlich in der Presse und jeder hat es mitbekommen. Und über die Jahre war ich sicher sehr lautstark, was einen progressiven, demokratischen Wandel in Armenien anbelangt. Als wir 2015 dann mit System Of A Down das erste Mal in Armenien gespielt haben, war auch dieser Auftritt besonders aufgeladen. Der Anlass war ja der 100. Jahrestag des Genozids an den Armeniern. Die Leute meinten deshalb, dass unsere Anwesenheit und unsere Unterstützung eines positiven Wandels in dem Land eine große Bedeutung für die Revolution gehabt hätten. Aber ganz ehrlich: Als die Revolution dann tatsächlich vonstattenging, war ich in den USA - mit Erkältung und Fieber.

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Bedauern Sie das?

Ich wäre zu diesem Zeitpunkt auf jeden Fall gern in Armenien gewesen und hätte mitgemacht. Als es mir wieder besser ging, bin ich auch sofort hingeflogen. Es ist unendlich traurig, dass sich Armenien nach dieser friedlichen Revolution nun in einer fürchterlichen Krise befindet - wegen des Bergkarabach-Krieges, den schrecklichen Waffenstillstandsbedingungen und der humanitären Katastrophe, die sich dort abspielt. Es ist jetzt eine sehr gespaltene Gesellschaft und eine sehr schwierige Zeit in der armenischen Geschichte, zweieinhalb Jahre nach der Revolution, die für mich einer der Höhepunkte in dieser Geschichte war.

Haben Sie womöglich je daran gedacht, selbst Politiker zu werden?

Nein.

Warum nicht?

Weil man dann die Neutralität verliert, die man mit unverstelltem Blick hat.

Die Dokumentation ist raus, die EP ist erschienen, Ihre politischen Anliegen liegen Ihnen sehr am Herzen. Wie sieht die nächste Zukunft bei Ihnen aus?

Top 1: Ich will gesünder werden. (lacht) Top 2: Ich will, dass Armenien gesünder wird. Top 3: Ja, ich habe natürlich auch weitere musikalische und kreative Vorhaben. Ich arbeite verstärkt an der Produktion und Vertonung von Filmen. Daneben habe ich während des Lockdowns viel an Musik gearbeitet, die ich noch in diesem Jahr veröffentlichen möchte - von instrumentaler Filmmusik über eine weitere EP mit eher melodischem Electro-Rock bis hin zu einem 24-minütigen Klavierkonzert, auf das ich sehr stolz bin.

Mit Serj Tankian sprach Volker Probst

Quelle: ntv.de

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