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Captain Sensible von The Damned im April 2017 in San Francisco.
Captain Sensible von The Damned im April 2017 in San Francisco.(Foto: imago/The Photo Access)
Sonntag, 15. April 2018

The Damned sind zurück: "Lemmy hat uns den Arsch gerettet"

Von Ingo Scheel

Mit "New Rose" verbuchten The Damned 1976 die erste Punk-Single im UK, es folgten Großtaten, Bandsplits und Reunions. Jetzt gibt es ein neues Album. Ein Gespräch mit Gründungsmitglied Captain Sensible über späten Ruhm und Solohits.

Er macht einen unglaublich entspannten Eindruck, der gute Captain. Drahtig, bestens aufgelegt, seine 64 Jahre sieht man ihm nicht im Geringsten an. Ebensowenig den Umstand, dass dieser Mann nicht nur über vier Jahrzehnte Punkrock-Historie mit seiner Band The Damned auf dem Buckel hat, sondern auch eine veritable Solo-Karriere in den 80ern, als Songs wie "Wot?" und "Happy Talk" weltweit in den Hitparaden funkelten. Captain Sensible sitzt im Büro seiner Berliner Promo-Agentur, vor ihm Zimtschnecken, ein kaltes Weizenbier, aus dem Soundsystem tönt ein Rock’n’Roll-Klassiker aus den Seventies.

Captain Sensible: Kennst du Alvin Stardust? Ich liebe diesen Typen.

n-tv.de: Ich erinnere mich gut an ihn, "Jealous Mind" fand ich immer klasse.

Ein großartiger Song. Stardust klang immer etwas spooky. Er hatte diese Elvis-mäßigen Refrains, aber in der Strophe hörte sich seine Stimme unwirklich hoch an, das gab ihm so etwas Bedrohliches. Alle anderen wollten Glam und Pop, er hatte immer diesen bösen Zug in seiner Person.

Hast du ihn mal kennengelernt?

Nein, leider nicht. Aber ich saß mal im Flugzeug neben einem Typen, mit dem ich ins Gespräch kam. Es stellte sich heraus, dass es der Sohn von Alvin Stardust war. Ich sage zu ihm: Ich bin Fan Nummer 1, ich kenne alle seine Songs auswendig. Wir haben uns dann zusammen einen genehmigt und die Lieder seines Vaters gesungen. Ein Supertyp.

Das könnte man wohl auch über Tony Visconti sagen. Der Mann ist für seine Zusammenarbeit mit Größen wie David Bowie und T. Rex bekannt. "Ihr hättet euch längst mal melden sollen" - seine Reaktion auf die Idee, das neue The-Damned-Album zu produzieren. Was war der Gedanke dahinter für euch als Band?

Das hat Tony tatsächlich gesagt. Für uns ging es um einen klassischen Sound, wir wollten den Klang der 70er-Jahre. Wenn du Glamrock und 70s-Punk miteinander vergleichst, dann ist das nicht sehr verschieden. Hör’ dir mal Slade an und dann die Buzzcocks hinterher, da ist nicht so klar, wer hier die Schlaghose trägt und wer die Lederjacke.

Was macht Visconti denn anders als eure bisherigen Produzenten?

Wenn man es genau nimmt, dann haben wir ja eigentlich noch nie mit richtigen Produzenten zusammengearbeitet. Die meisten Alben haben wir selbst produziert, abgesehen vom ersten, das Nick Lowe abgemischt hat, und dem zweiten, bei dem wir mit Nick Mason zusammengearbeitet haben.

Während die Sex Pistols mit "I Hate Pink Floyd"-T-Shirts auftraten, arbeiteten The Damned mit deren Drummer zusammen. Der typische Humor der Band?

Nein, gar nicht mal. Wir hatten einfach Bock auf diesen psychedelischen Sound der alten Pink-Floyd-Platten. Das hat zu Anfang nicht so hingehauen, erst mit "Machine Gun Etiquette", unserem dritten Album, schafften wir den Sound, der mir damals schon vorgeschwebt hatte.

Das Studio, in dem "New Rose", eure erste Single, aufgenommen wurde, ist nicht viel größer als ein Besenschrank. Unglaublich, wie frisch die Platte heute noch klingt.

Ich glaube, dass es deswegen so klingt, weil wir derart eng aufeinanderhockten. Weil der Sound so dicht war. Nick Lowe hatte 8 Spuren zur Verfügung, heute braucht man 24 allein für das Schlagzeug. Die Pistols klingen dagegen richtiggehend nett, alles an seinem Platz, wie bei einer Genesis-Platte. "New Rose" aber ist schroff und direkt, rough as fuck. Das ist Punkrock.

Gab es bei Visconti eigentlich viele Anekdoten über seine Arbeit mit David Bowie?

Klar, das hat uns sehr interessiert, aber nicht nur Storys über Bowie, sondern auch über Marc Bolan. Wir waren ja ganz zu Anfang noch mit T. Rex unterwegs, im Vorprogramm ihrer letzten Tour vor Marcs Tod 1977. Seine Idee war es, T. Rex mit dem neuen Sound der Stunde, mit Punkrock, zusammenzubringen. Er war ein unglaublich feiner Kerl, sehr bescheiden, und hat sich gut um uns gekümmert. Zu jener Zeit wollte er unbedingt ein paar Kilo abtrainieren, drehte dann oft seine Runden ums Restaurant, in dem wir am Fenster saßen, bei Bratkartoffeln und Rührei, und seine Zeit stoppten. Er nahm es mit Humor.

Wenn du an diese Anfangstage der Band zurückdenkst, was kommt dir als Erstes in den Sinn?

Es war eine wunderbare Zeit, aber alles andere als glamourös. Alles war heruntergekommen, schäbig und kaputt. Ich schlief oft auf dem Fußboden, im Flur bei irgendwelchen Kumpels, die nachts über mich hinwegstiegen, um auf die Toilette zu gehen. Ich habe in der Küche gepennt, durch die Katzenklappe wehte mir der Schnee ins Gesicht. Harte Zeiten.

The Damned verdienten noch kein Geld?

Nicht die Bohne. Von Stiff Records, unserer Plattenfirma, gab es zehn Pfund die Woche. Dafür gab es gerade einmal etwas zu essen. Wir konnten uns nicht mal Bahntickets leisten. Ständig waren Kontrolleure hinter uns her. Brian James, unser Gitarrist, nölte herum, wenn wir wieder einmal zu spät zum Soundcheck auftauchten. Warum nehmt ihr kein Taxi, fragte er uns. Wir haben keine Kohle, sagte ich zu ihm. Er hat die Songs geschrieben und bekam die ganzen Tantiemen. Wir waren völlig blank. Immer mussten wir jemanden um Bier anschnorren. Ich lebte, spielte und schlief in den Klamotten, die ich am Leib trug. Eine Jeans, T-Shirt, ein paar Doc Martens, das war es.

Wann änderte sich das?

Nach drei Jahren etwa, als wir "Machine Gun Etiquette" auf Chiswick Records veröffentlichten. Tatsächlich haben wir Lemmy von Motörhead alles zu verdanken. Brian war raus, ich an die Gitarre gewechselt. Wäre Lemmy nicht eingesprungen, hätten wir die gebuchten Konzerte absagen müssen. Das wäre das sichere Ende von The Damned gewesen. Lemmy hat uns den Arsch gerettet. Wir verdanken ihm sehr viel.

The Damned waren immer etwas anders als der Rest, auch durch die manische Energie, die die Band ausstrahlte. Woher kam dieser Vibe?

Das waren diese unterschiedlichen Charaktere. Brian hatte diese Vision von adrenalin-getriebenem Rock'n'Roll, der dann zu Punkrock wurde. Er wollte einfach nur schnell und aggressiv spielen. Das Personal, das er dafür zusammensuchte, verfügte über große Egos, über Persönlichkeit. Da wurde immer viel gestritten und gekämpft. Wir hatten einfach so viel Energie, die dann in der Musik ihren Ausdruck fand. Statt einander die Fresse einzuhauen, haben wir lieber auf die Instrumente eingedroschen.

Im deutschen Fernsehen sah man The Damned zum ersten Mal bei "Szene 79", angesagt von einem gewissen Thomas Gottschalk.

Oh, daran kann ich mich kaum erinnern. Ich glaube, das war eine Sendung, in der ich meinen Amp zu Klump gehauen habe. Wir waren ein Alptraum damals. (lacht)

In den 80er-Jahren hast du The Damned zwischenzeitlich verlassen und wurdest aus dem Nichts zu einem Solo-Künstler mit Nummer-1-Hits. Wie kam es dazu?

Ich hatte ein paar Songs auf Band, die zuvor abgelehnt worden waren. Nichts, was zu den Damned gepasst hätte. Zu poppig, zu melodisch. Nachts im Studio aufgenommen. Mein Produzent schickte es an ein paar Plattenfirmen und plötzlich hatte ich einen Deal. Dann haben wir das Zeug nochmal in einem richtigen Studio produziert und plötzlich war ich in den Charts. Ich hatte das nicht geplant oder mich danach gesehnt, es passierte einfach. Sehr schräg. Ich saß auf einmal in Limousinen, trat in irgendwelchen Popshows auf und flog um die ganze Welt. Das hielt so vier, fünf Jahre an - und ich hatte eine verdammt gute Zeit. Ich konnte es kaum glauben.

So schillernd die Historie von The Damned ist, wird ihr pophistorischer Einfluss doch oft verkannt. Ärgert dich das?

Es gibt immer wieder irgendwelche Schreiber, die es nicht so ganz verstehen. Wir schauten uns damals die Musik-Industrie an und dachten: Das ist doch alles ein Scherz. Das kann man nicht ernst nehmen. Das Konzept des 'Rockstars' ist ein fucking joke.

Die Leute wiederum dachten, ihr wollt sie sowieso nur verkohlen.

Ganz genau. Und das wollten wir natürlich auch. Ich stelle mich nicht vor eine Kamera und denke, ich sei jetzt der Millionen-Dollar-Mann. Ich verstehe dieses ganze Verhalten nicht, es ärgert mich zutiefst. Wenn ich das sehe, wie Leute in Bands sich für Gottes größte Schöpfung halten, geht mir das dermaßen auf den Keks. Und jene Leute also, die dann Bücher über Musik schreiben, mögen Bands nicht allzusehr, die die Leute hinter den Vorhang schauen lassen und diese ganze Nummer entlarven. Wir haben das Spiel nie mitgespielt.

Anno 2016 spielen The Damned dann zum 40-Jährigen in der ausverkauften Royal Albert Hall, sind plötzlich anerkannt. Erfüllt dich das mit Genugtuung?

Das ist schon merkwürdig, auch wenn ich das nicht so stark empfinde. Ich habe für solche Äußerlichkeiten nicht allzu viel übrig. Zuvor hat man uns vier Jahrzehnte nicht dort spielen lassen, das darf man nicht vergessen. Dabei haben wir uns gar nicht so sehr verändert. Wir saufen vielleicht nicht mehr so viel und sind etwas umgänglicher geworden.

Gab es einen Zeitpunkt, an dem sich der Wind für The Damned gedreht hat?

Ganz ehrlich, ich denke nicht, dass sich wirklich so viel für uns geändert hat. In Großbritannien werden wir so gut wie nie im Radio gespielt, nicht einmal die neuen Songs. TV-Shows buchen uns immer noch nicht. In jedem anderen Land hätte eine Band mit unserer Geschichte sicher einen anderen Status. Im UK ist Punk einfach immer noch eine schmutzige Angelegenheit.

Was ja keine schlechte Sache ist.

Eben. Für mich haut das absolut hin. Ich pfeife auf das Establishment.

Ist "Evil Spirits" ein Abschiedswerk?

Ich glaube nicht. Tatsächlich hört es sich für mich so an, als wäre es ein weiteres Debüt, ein Neuanfang, und ich bin jetzt schon gespannt darauf, wie der Nachfolger klingt.

"Evil Spirits", das neue Studioalbum von The Damned, ist am 13. April bei Spinefarm/Universal Music erschienen.

The Damned live:

17. Mai - Frankfurt, Batschkapp
22. Mai - München, Strom
23. Mai - Berlin, SO 36
25. Mai - Hamburg, Fabrik

Quelle: n-tv.de