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"Schlacht in der Waldbühne" Wie aus einem Stones-Konzert Krawall wurde

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1965 spielten die Rolling Stones in Berlin. Nach dem Konzert war die Waldbühne zerstört.

(Foto: AP)

"Heißer geht's nicht mehr" hieß es, als die Rolling Stones 1965 auf Deutschland-Tour gingen und in der Tat: Bei ihrem berühmt-berüchtigten Auftritt in der Berliner Waldbühne ging es besonders hitzig zu.

Deutschlands Jugendzeitschrift Nr. 1 hatte das Motto schon vorgegeben: "BRAVO bringt die härteste Band der Welt" prangte da in großen Lettern auf Plakaten und Werbezetteln. Gemeint waren natürlich die Rolling Stones. Im Mai 1965 war "(I Can't Get No) Satisfaction" erschienen und hatte das Euphorie-Fass gänzlich zum Überlaufen gebracht. In Großbritannien wurde der Song zum vierten Nr.1-Hit der Band, in den USA gelang es ihr zum ersten Mal, in Deutschland stieg der Song punktgenau zum Tourstart in Münster, am 11. September, in die Hitlisten ein.

Für die BRAVO-Tour, die im Jahr darauf auch die Beatles auf ihrer legendären Blitztournee nach Deutschland bringen sollte, waren fünf Termine angesetzt. Eingerahmt von Shows in Münster und Berlin machte der Rock'n'Roll-Zug in Essen, Hamburg und München Station - im Vorprogramm die Team Beats, die Rackets, die Rivets und Didi und seine ABC-Boys, die Band des späteren Bravo- und Pop-Fotografen Didi Zill. Schon bei der Ankunft von Jagger und Co. in Düsseldorf hatte die Polizei Wasserwerfer aufgeboten, um die mehr als 5000 hysterischen Fans am Flughafen unter Kontrolle zu halten.

Angriff mit Eiern und Äpfeln

In Essen bespielte man die Ernst-Merck-Halle, in München den Zirkus Krone. Es waren jeweils zwei Shows an einem Tag angesetzt. Am 15. September nun also die Waldbühne. Die Nazis hatten dort noch Propaganda-Veranstaltungen und "Thing"-Spiele abgehalten, zwei Dekaden später sollte die Beatmusik hier Geschichte schreiben. Im Vorverkauf kosteten die Tickets sechs bis acht Mark, an der Abendkasse rief man 20 Mark auf. Zuviel für ein paar hundert Fans, die das Gelände schließlich stürmten, um Brian Jones und seine Mannen für lau zu sehen. Sie setzten sich auf reservierte Plätze, das führte zu ersten Reibereien. Die Stimmung war schon zu Beginn kitzelig, die Team Beats bekamen zum Auftakt Eier und faule Äpfel um die Ohren.

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Als schließlich die Rolling Stones gegen 21.30 Uhr mit dem Solomon-Burke-Klassiker "Everybody needs somebody to love", ihr Set begannen, kochte die Stimmung über. Dutzende Zuschauer, unter ihnen Rocker und Normalos, stürmten auf die Bühne. Schlagstock frei war die Parole. Die "Polypen" versuchten, die Fans wieder auf ihre Plätze zu knüppeln. Die Stones hatten umgehend genug und zogen sich wieder in die Garderobe zurück.

Der Atmosphäre diente das nicht gerade. Schließlich kehrte die Band nach kurzer Zeit zurück ins Rampenlicht und spielte eine Handvoll Coversongs - schließlich auch "The Last Time" und natürlich "Satisfaction". Nach nicht einmal einer halben Stunde war der Zauber vorbei. Das Licht ging aus, in der kompletten Finsternis der Waldbühne nahm das Chaos seinen Lauf.

"Heißer geht's nicht mehr"

Jetzt drehten die Zuschauer erst so richtig auf, rissen Bänke aus den Verankerungen, knickten Laternen um. Vier Stunden tobte die Schlacht zwischen den Jugendlichen und der Polizei. Beamte der berittenen Polizei wurden von ihren Pferden gerissen, die überall ausgelegten Bravo-Hefte wurden angezündet und auch in der Stadt gingen die Verwüstungen weiter. Autos wurden demoliert, einige Züge der S-Bahn fahruntauglich zertrümmert und in vielen umliegenden Villen riefen die Besitzer am folgenden Tag zerknirscht beim Glaser an.

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So richtig ernst nimmt die Polizei die Situation an der Waldbühne hier noch nicht.

(Foto: AP)

"Heißer geht's nicht mehr" war einer der Slogans im Vorfeld des Konzerts, ein Spruch, der sich bewahrheiten sollte. "Bindet die Stühle an", hatte die Illustrierte "Quick" gefordert. Genutzt hätte das wohl nur wenig. Am Tag darauf ist von der "Aktion Steinschlag" die Rede, "Die Schlacht in der Waldbühne" titelt die "Bild", ihre Bilanz: Knapp 90 Festnahmen, ebenso viele Verletzte, die zum Teil im Krankenhaus behandelt werden mussten, ein Sachschaden in Höhe von 300.000 D-Mark.

Auch die Musik-Bewegung nahm Schaden, einen immateriellen: Die CDU diskutierte in einer Sitzung wenige Tage später ein generelles Verbot von Beat-Veranstaltungen. In den folgenden Jahren schleuste man vermehrt Undercover-Polizisten unter das jugendliche Konzertpublikum, um aufkommende Ausschreitungen besser abzusehen zu können.

Straftatbestand "Rowdytum"

Beim Nachbarn im Osten ging man die Dinge noch rigoroser an. Die DDR verbot in der Folge fast 50 Beatbands und deren Konzerte. Der Leipziger Beataufstand, eine Demo im Oktober 1965 für die Wiederzulassung der Musik, wurde gewaltsam niedergeschlagen. "Rowdytum" galt in der Folge als Straftat im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat.

Und die Waldbühne, der in Schutt und Asche gelegte Ort des Geschehens? Die wurde erst sieben Jahre danach wieder instand gesetzt. Veranstaltungen gab es in der Folge nur noch vereinzelt. Erst 1980 gab dort Bob Marley wieder ein legendäres Konzert. Im Jahr darauf pachtete Konzertveranstalter Peter Schwenkow die Waldbühne. Mit Künstlern wie Bettina Wegner, Joan Baez, Konstantin Wecker und Roger Chapman wurde der Spielbetrieb wieder aufgenommen.

Die Rolling Stones kehrten 17 Jahre nach den Ereignissen, am 8. Juni 1982, erstmals an den Ort des Geschehens zurück. Die Stimmung bestens, die Waldbühne unversehrt.

Quelle: n-tv.de

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