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Pop-Punkte und peinliche Pleiten Der Eurovision Song Contest in Zahlen

Wie schlägt sich Deutschland in der Gesamtwertung des größten musikalischen Medienspektakels der Welt? Ein Blick in die Daten aus mehr als sechs Jahrzehnten offenbart skurrile Ergebnisse, kuriose ESC-Details und erstaunliche europäische Vorlieben.

Der größte und aufwändigste Gesangswettbewerb der Menschheit kennt einen klaren Sieger: Über alle Jahre hinweg führt ein kleines Land mit gerade einmal 4,8 Millionen Einwohnern die ewige Gewinnerliste des Eurovision Song Contest (ESC) an. Mit insgesamt sieben Siegen beim Medien- und Musikspektakel der europäischen TV-Stationen gebührt Irland der Ehrentitel des ESC-Rekordgewinners. In den Jahren zwischen 1992 und 1996 konnten die Iren sogar volle vier Mal den ESC für sich entscheiden.

Doch Irlands ESC-Thron wackelt: Der siebte Streich der Iren liegt mittlerweile ganze 23 Jahren zurück und blieb bislang die letzte irische ESC-Sternstunde. Seit dem Triumph von 1996 in Oslo leidet das musikalisch begabte Wunderland schon beinahe chronische ESC-Qualen. Aussicht auf schnelle Besserung gibt es nicht: Im Finale des ESC 2019 sind die Iren gar nicht erst dabei.

Damit könnte Verfolger Schweden in der ESC-Bestenliste ausgleichen. Das Land, das einst Pop-Legenden wie ABBA hervorbrachte, ist mit John Lundvik und "Too Late for Love" in Tel Aviv vertreten. Fun Fact: Rekordzweiter in der ESC-Historie ist mit großem Abstand Großbritannien. Erstaunliche 15 Mal verpasste das Vereinigte Königreich den Sieg nur ganz knapp. Die notorischen Beinahe-Erfolge der Briten beim ESC zählen längst zu den zahlreichen kuriosen Eurovision-Phänomen: Kein anderes Land kommt in der Geschichte des Song Contest auf mehr als vier zweite Plätze.

Ein zweiter Platz war bislang auch das höchste der ESC-Glücksgefühle für Zypern - bei 35 Teilnahmen. Kein Land war öfter dabei, ohne mindestens einmal zu gewinnen. Zum Vergleich: Aserbaidschan triumphierte 2011 bereits bei seiner vierten Teilnahme. Andere ESC-Teilnehmer, wie etwa Deutschland, mussten sehr viel länger auf die Siegerehre warten.

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Erdrutschsiege und ESC-Dramen

Zwei Siege bei 62 Finalteilnahmen: Das ist die bisherige deutsche Bilanz beim Eurovision Song Contest. Kein Land war häufiger bei diesem Wettstreit dabei als Deutschland. Das Ergebnis der deutschen ESC-Beiträge reicht aber nicht für einen Spitzenplatz in der ewigen ESC-Titel-Bestenliste. Dabei war der Premierentriumph durch Nicole 1982 eine echte pophistorische Sensation. Der erste ESC-Platz für "Ein bisschen Frieden" war nämlich laut NDR-Berechnungen der - gemessen an den vergebenen Gesamtpunkten - bis dahin deutlichste Sieg der ESC-Geschichte.

Nicoles Vorsprung auf den zweitplatzierten Avi Toledano aus Israel betrug bis dahin nie erreichte 29,9 Prozentpunkte. Übertroffen wurde der deutsche Spitzenwert erst 27 Jahre später vom Norweger Alexander Rybak. Der sang sich 2009 mit "Fairytale" in die Fanherzen und Rekordbücher. Sein Vorsprung auf Yohanna aus Island: sagenhafte 34,4 Prozentpunkte. Das ist bis heute unerreicht.

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Am knappsten ging es mit Blick auf die Punktewertung im Jahr 1991 zu. Beim ESC in Rom lieferten sich Carola aus Schweden und Amina aus Frankreich ein episches Duell und kamen am Ende jeweils auf 146 Punkte.

Über den Sieg musste EBU-Hauptschiedsrichter Frank Naef entscheiden - und sprach ihn der Schwedin Carola zu, weil sie schlicht mehr 10er-Wertungen erhalten hatte als ihre französische Rivalin. Bei der Höchstwertung hatten Carola und Amina noch mit jeweils vier "Twelve Points" ebenfalls gleichauf gelegen. Zwölf Punkte für Carola gab es in jenem denkwürdigen Jahr übrigens auch aus Deutschland.

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Woher die deutschen ESC-Punkte kommen

"Germany, twelve points!" Das sind die Worte, die jeden deutschen ESC-Fan elektrisieren. Die volle Punktzahlung für den deutschen Beitrag bleibt historisch betrachtet aber eher eine musikalische Rarität. Die Höchstwertung für einen ESC-Interpreten aus Deutschland gab es in der Ära des Zwölf-Punkte-Systems zwischen 1975 und 2015 insgesamt 51 Mal - davon allein 18 Mal für die beiden Sieger-Titel von 1982 und 2010. Sowohl ESC-Siegerin Lena, als auch ihre Vorgängerin Nicole erhielten jeweils neun mal zwölf Punkte aus einem der übrigen Teilnehmerländer.

Am häufigsten zwölf Punkte für Deutschland vergaben dabei die Spanier: Das Land im Südwesten Europas beehrte die Deutschen in insgesamt acht ESC-Ausgaben bei der Auszählung der vergebenen Wertung mit der vollen Punktzahl. Immerhin viermal die Höchstpunktzahl schickten die Niederländer ins Nachbarland, ebenso häufig wie die Dänen. Diesen beiden Ländern hat Deutschland auch seine einzigen Höchstwertungen nach Einführung des 24-Punkte-Systems ab 2016 zu verdanken: Die Traumwertungen gingen 2018 an Michael Schulte.

Deutlich weniger ausgeprägt fällt die Begeistung für ESC-Pop aus Deutschland bei Briten und Franzosen aus. Aus Großbritannien und Frankreich gab es jeweils nur in einem einzelnen Jahr die ESC-Höchstnote für den deutschen Beitrag. Die Briten begeisterten sich - merkwürdigerweise - 1986 für Ingrid Peters "Über die Brücke geh'n", während sich die verzückten Franzosen 1979 zu den Klängen von "Dschingis Khan" zur Bestnote hinreißen ließen.

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Wie schnitt Deutschland in den bisher sechs Jahrzehnten ESC-Geschichte insgesamt ab? Ein Blick auf die Infografik zur Historie des Eurovision Song Contest seit der Erstausgabe des Medien- und Musikspektakels im Jahr 1956 zeigt, dass sich die bundesdeutschen Gesangsleistungen - nach dem Fehlstart des deutschen Duos Freddy Quinn und Walter A. Schmidt beim wertungstechnisch etwas dubiosen Premieren-ESC - bis Anfang der 1980er Jahre auf hohem Niveau halten konnte.

Nur sechs Mal verpasste Deutschland bis zum ESC-Jahr 1983 den Aufstieg in die Top 10. Danach wurde der Eurovision Song Contest für die Deutschen allerdings zur musikalischen Achterbahnfahrt mit wilden Wertungsausschlägen zwischen Halbfinal-K.-o. (1996), Sensationstriumph (2010) und dem Nullnummer-Desaster von 2015 in Wien.

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Die Begeisterung für ESC-Beiträge aus Deutschland ist europaweit alles andere als gleichmäßig verteilt. Aus welchen Regionen Europas Deutschland in welchem Jahr wie viele ESC-Punkte bekam, zeigt der Blick auf die folgende Europakarte. Je stärker die Farbe, desto mehr Punkte vergab das jeweilige Land im ausgewählten Jahr an den deutschen Kandidaten.

Die Datensammlung lädt dazu ein, in die Jahre großer Erfolge und peinlicher Niederlagen zurückzureisen - und nebenbei einprägsame Ohrwürmer aus 63 Jahren ESC-Geschichte wiederzuentdecken. Mit ihrer "Sommermelodie" errangen "Cindy & Bert" beim Song Contest im Jahr 1974 zum Beispiel lediglich drei einzelne Trostpreispunkte aus Belgien, der Schweiz und aus Griechenland.

Sehr viel besser lief es 1980 für Katja Ebstein mit "Theater": Das Stück, das in einigen Radiostationen immer noch als sogenannter Evergreen gespielt wird, reichte damals für einen spektakulären zweiten Platz. Im Jahr darauf landete Lena Valeitis mit "Johnny Blue" beim ESC in Dublin ebenfalls einen unvergessenen Hit. Schlagerstar Guildo Horn erregte 1998 mit "Guildo hat euch lieb" dagegen eher dezenten Beifall in Rumänien wie bei den Briten. Beide ESC-Länder vergaben damals jeweils sechs Punkte für den deutschen Beitrag.

Zwölf Jahre später löste Lena dann im deutschen Super-ESC-Jahr ein wahres Punktefeuerwerk auf der Europakarte aus: Skandinavier, Balten, Spanier, Slowaken, Schweizer und Türken jubelten und verteilten tiefrote Punktewertungen für den deutschen ESC-Beitrag "Satellite".

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Quelle: n-tv.de