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"I kill you before you kill me" Diego Luna und Michael Peña über "Narcos"

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Michael Peña (l) und Diego Luna in Bilbao bei den MTV-Awards.

(Foto: AP)

Es geht um den Aufstieg des Guadalajara-Kartells in den 1980er Jahren, als Félix Gallardo (Diego Luna) Drogenhändler vereinigt, um sein Drogenimperium aufzubauen. Als Agent Kiki Camarena (Michael Peña) mit der ganzen Familie von Kalifornien nach Guadalajara zieht, steht er vor einem schwierigen Einsatz. Es kommt zu einer tragischen Verkettung von Ereignissen, die den Drogenhandel und den Krieg für Jahre verändern wird. "Narcos" war ein absoluter Volltreffer für Netflix - die Serie über die Drogenkriege im Kolumbien der 80er- und 90er-Jahre und den Aufstieg des realen Kokainbarons Pablo Escobar zog Zuschauer und Kritiker gleichermaßen in ihren Bann. Nach drei Staffeln zieht das ganze Setting nun nach Mexiko um - und man darf sagen, dass dies nun mehr einer neuen Serie denn einer vierten Staffel entspricht. Nicht nur der Ort, auch die Schauspieler und die Figuren sind neu. Ob der Zuschauer das goûtiert, wird sich ab heute herausstellen: Am 16. November startet "Narcos: Mexiko". Die Hauptdarsteller treffen sich mit n-tv.de in Bilbao, um über Drogen, Familie und Gewalt zu sprechen. Und darüber, warum so oft der "bad Guy" die meisten Sympathien bekommt.

Michael Peña: Eine Frage vorab: Haben Sie die Folgen schon gesehen? Zumindest die ersten drei?

n-tv.de: Ja, na klar, sonst wüsste ich nicht, worüber ich spreche.

Michael Peña: Gut. Nur, um nichts zu spoilern. Meine Rolle des Kiki Camarena ist ja die eines Helden (lacht). Immerhin handelt es sich um eine Person, die es tatsächlich gab. Als mir die Rolle angeboten wurde, habe ich mir natürlich alle vorherigen Folgen reingezogen, und zwar hintereinander. Jetzt weiß ich, was "binge watching" wirklich bedeutet (lacht)! Ich muss sagen, dass ich danach echt aufgeregt war, Teil dieses Teams zu sein.

Warum?

Michael Peña: Die Art, diese Geschichte zu erzählen, ist einzigartig. Auch, dass so viel Spanisch gesprochen wird, ist großartig und außergewöhnlich. Das wird nicht synchronisiert, oder?

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Nein, alles, was Spanisch ist, bleibt im Original, auch in der deutschen Version. Es gibt Untertitel.

Michael Peña: Tatsächlich ist diese Serie etwas, das ich in dieser Art noch nie zuvor gesehen habe. Ich habe schon in Serien mitgespielt, "NYPD Blue", oder "Emergency Room", aber "Narcos" ist etwas vollkommen anderes. Voller Überraschungen …

Als Sie in die "Narcos"-Welt eingetaucht sind, wie sehr haben Sie die verinnerlicht? Haben Sie sich nicht ständig auf der Straße umgedreht, geguckt, ob jemand Ihnen folgt?

Michael Peña: (lacht) Ja, na klar, man ist schon ein bisschen in einer anderen Welt, aber das geht mir auch so, wenn ich nur ein Buch lese. Aber jetzt konkret bei dem Dreh habe ich mich sehr sicher gefühlt, wir hatten eine Menge Security um uns herum. Wir haben während des Drehs in einer echt schönen Gegend gewohnt, und als meine Frau und mein Sohn mich besucht haben, war alles ganz friedvoll. Das Beste sind übrigens die Taco-Stände, ich liebe diese Tacos. Wenn Sie mal dort sind, gehen Sie immer dahin, wo die längste Schlange ist. Wenn die Einheimischen anstehen, dann heißt das, dass es dort die besten Tacos gibt.

Diego Luna: Zum Thema Sicherheit - ich kann in einigen Ländern auf der Welt eine Knarre kaufen, ganz einfach, indem ich meinen Führerschein zeige. Das ist doch krank!

Wie haben Sie beide sich auf Ihre Rollen vorbereitet?

Michael Peña: Erstmal habe ich versucht, so viel wie möglich über den Mann herauszufinden. Kiki Camarena selbst hat nie ein Interview gegeben. Ich habe immer nur mit Leuten gesprochen, die mit ihm gesprochen haben. Vor allem mit seiner Frau. Ich fand ihn schwer einzuordnen. Er hat anscheinend immerzu nur gearbeitet. Ich habe versucht, mich vollkommen auf ihn einzulassen. Ich konnte manchmal nachts nicht schlafen, weil ich so sehr versucht habe, mich in ihn hineinzuversetzen. Ich habe mich immer wieder gefragt, was ihm im Kopf herumgegangen ist, was sein Antrieb war, seine Motivation, sich so der Sache hinzugeben.

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"Bad guy" im Film, im wahren Leben ein nachdenklicher Typ mit dem Blick fürs große Ganze: Diego Luna.

(Foto: AP)

Diego Luna: Oh je, meine Rolle ist so weit weg von meinem wahren Leben (lacht). Aber das ist es auch, was mich am meisten fasziniert hat. Felix Gallardo ist so klug, aber auch so skrupellos. Und er ist vor allem ein sehr begnadeter Drogendealer (lacht). Er ist nicht plump in seiner Art, er ist ganz ruhig.  Und er ist als Drogendealer recht ungewöhnlich - ein Businessman. Wissen Sie, ich glaube ja, dass das, was wir momentan in Mexiko erleben, die Probleme, die dort herrschen, vor Jahrzehnten bereits angelegt wurden. Ich habe mich sehr viel mit den Problemen auseinandergesetzt, die in den späten Siebzigern und Achtzigern in Mexiko vorherrschend waren.

Wie meinen Sie das?

Diego Luna: Felix Gallardo wollte dazu gehören: Er wollte Hotels besitzen, Restaurants, er hat seine Kleinstadt verlassen, damit er etwas erreicht. Normalerweise bildet ein Drogenhändler ein Imperium um das, was er bereits hat, er bleibt an seinem Ort. Denn er will dort, wo ihn jeder kennt, etwas darstellen. Er spendet dann, um die Kirche zu sanieren und sein Gewissen zu besänftigen. Er will ein riesiges Haus, ein Anwesen, alles nur vom Feinsten - auf dass ihn jeder beneidet, der noch weiß, wie arm er einmal war. Aber mein Gallardo ist in die Stadt gegangen, nach Guadalajara, er wollte dorthin gehören. Und deswegen habe ich den gern gespielt, weil er kein Klischee ist. Ich habe viel über ihn gelesen, mit vielen Leuten gesprochen, die ihn kannten. Ich dachte, so komme ich der Wahrheit näher.

War Gallardo denn so charmant, wie er von Ihnen dargestellt wird?

Diego Luna: (lacht) Ich habe mich entschlossen, ihn so zu spielen. Keine Ahnung, ob er wirklich so war. Er hat die Leute nicht einfach abgeknallt - er hat sie eher totgequatscht (lacht). So wie ein Politiker.

Wie erklären Sie sich eigentlich, dass die Sympathien ganz oft beim Schurken in einer Serie landen?

Michael Peña: Hatten Sie etwa mehr Sympathien für den "bad guy" als für meine Rolle?

Naja, nicht direkt, aber es ist doch oft so …

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"Ich töte dich bevor du mich tötest."

(Foto: Carlos Somonte/Netflix)

Michael Peña: (lacht) Sie wollen, dass der Böse überlebt? Ich weiß ja nicht, was bei Ihnen nicht stimmt!? (lacht) Aber, ich versuch's mal. Ich denke, das liegt daran, dass wir auch die bösen Jungs von Anfang an begleiten. Oft haben die ja auch nichts gehabt, sie wollen sich was aufbauen, sie geraten auf die schiefe Bahn, sie haben es gar nicht so gemeint. Das rechtfertigt nicht, dass man zum Mörder wird, aber man kennt nun ihre Geschichte. Sie wollen auch nur raus aus ihrer Misere. Kriminalität ist oft der Weg aus der Armut. Und wir alle verstehen, dass man da raus will, dass man es für seine Kinder besser haben möchte. Den Autoren gelingt es einfach auch, die Figur so zu erklären, so rüberzubringen, dass man ihnen das abnimmt, dass sie aus reinem Lebenserhaltungstrieb handeln. 'Ich töte dich bevor du mich tötest', eine vertrackte Sache, ein absolutes Chaos. Manchmal geht es mit den Autoren dann durch, so sehr anscheinend, dass Sie nun auf der Seite der bösen Jungs sind (lacht), also ich fass' es nicht … Außerdem liegt das natürlich an Diego, er ist so ein verdammt guter Typ.

Diego Luna: (lacht) Dann hat das ja funktioniert, mit meinem Ansatz. Außerdem muss ich mal sagen: In der Geschichte gibt es keinen ausschließlich guten und ausschließlich schlechten Kerl. Jetzt mal ganz ehrlich: Nicht jeder Kerl im Anzug ist ein guter Mensch. Da sitzen noch immer eine Menge Männer in guten Anzügen in den Regierungen. Nicht nur in Mexiko. So etwas wie Korruption gibt es überall auf der Welt. In allen Schichten der Gesellschaft.

Also ist es hoffnungslos, gegen Korruption zu kämpfen?

Diego Luna: Wenn man der Schlange den Kopf abschlägt, wachsen fünf neue an derselben Stelle nach.

Und was machen wir gegen Korruption? Wem kann man vertrauen?

Michael Peña: Schwierig, kaum zu beantworten. Wem wir vertrauen, müssen wir immer wieder aufs Neue abwägen. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben. Ich würde sagen, 90 Prozent der Menschheit sind gut.

Diego Luna: Das Problem ist, dass jeder jedem etwas schuldet. Da schließt sich immer wieder der Kreis. Das System ist machiavellistisch …

… skrupellos …

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Jeder schuldet jedem etwas ...

(Foto: Netflix)

Diego Luna: … ja, das hört sich so hart an (lacht), aber wenn Ihr Kind krank ist, dann werden Sie nicht denjenigen bescheißen oder ans Messer liefern, der dafür gesorgt hat, dass es ins Krankenhaus gekommen und nun wieder gesund ist.

Wie lebt Kiki Camarenas Familie jetzt eigentlich?

Michael Peña: Seine Frau ist unheimlich stark! In Familien, in denen ein Mitglied Polizist oder Feuerwehrmann oder bei der Armee ist, muss man immer mit dem Schlimmsten rechnen, ich glaube, das gehört zu deren Leben dazu.

Kann eine Serie wie "Narcos" eigentlich etwas Positives für ein Land wie Mexiko erreichen? Die Debatten um eine Mauer zu den USA zum Beispiel lassen fast keine anderen Bilder mehr zu, dabei hat Mexiko ja mehr zu bieten …

Michael Peña: Ich weiß nicht, ob das funktioniert. Mexiko ist vielleicht nur ein Symbol. Es könnte wie bisher Kolumbien sein, es könnte aber vielleicht sogar Kanada sein. Es ist eine amerikanische Serie, die Bedürfnisse weckt. Es gibt natürlich vielfältige Interessen, die diesen Konflikt zwischen den beiden Ländern beenden wollen.

Diego Luna: Das System fällt auseinander. Meiner Meinung nach begann das, als Präsident Calderon (2006-2012) versuchte, den Drogenringen den Krieg anzusagen. Das hatte jedoch zu wenig Struktur, und seitdem herrscht Krieg. Wir verlieren alle in diesem Krieg. Mein Gott, ich erzähle viel zu viel. Aber ich hoffe einfach, dass die Leute wieder anfangen sich Gedanken zu machen. Der nächste, der sich in Deutschland oder Frankreich oder Spanien eine Line Koks in die Nase zieht, sollte darüber nachdenken, dass für sein kurzes Vergnügen andere vielleicht gestorben sind. Es ist doch immer so: Die Aktion eines Einzelnen hat Einfluss auf das Leben von anderen Menschen. Und wenn die Serie, ob sie den Leuten nun gefällt oder nicht, darauf aufmerksam machen kann, dass vieles nicht gut läuft auf unserer Welt, dann hat sie schon viel erreicht.

Sie sehen also noch etwas mehr hinter der Serie?

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Diego Luna: Ja, natürlich, das ist Unterhaltung, aber sie beruht auf wahren Tatsachen. Und es sind Tatsachen, die noch immer einen Einfluss auf die Gesellschaft haben. Wir müssen doch mit dem Strohhalm in unserem Drink anfangen und dann darüber nachdenken, dass Plastik nicht gut ist für uns. Für unsere Gesundheit, für die Umwelt. Aber da der Ozean für die meisten Menschen weit weg ist und sie die Plastikinseln niemals sehen, die so groß wie Kontinente sind, machen sie einfach weiter. Aber wenn sie eines Tages einen Fisch essen, der einen Strohhalm aus Plastik im Magen hat, dann fangen sie vielleicht an, nachzudenken. Tut mir leid, ich kann anscheinend nicht aufhören über diese Themen zu sprechen (lacht). Aber das beantwortet vielleicht Ihre Frage, ob so eine Serie etwas ausrichten kann, oder?

Auf jeden Fall …

Diego Luna: Noch etwas: Mein Land geht durch harte Zeiten, und das hat mehrere Gründe. Zum einen liegt es an der geographischen Lage Mexikos, wir sind die Tür zwischen Nord- und Südamerika, und es liegt daran, dass der Markt wie verrückt wächst. Und zwar überall auf der Welt. Und dann haben wir einen schwerwiegenden Fehler gemacht: wir haben immer nur nach oben geguckt, immer nur in Richtung Norden, also Richtung USA. Wir haben keine wirklichen Verbindungen zu anderen südamerikanischen Ländern, und schon gar nicht nach Europa.

Das kann sich ändern.

Diego Luna: Das hoffe ich doch sehr! Denn so sind wir zu schwach. Dabei haben wir doch mehr gemeinsam als wir denken. Dazu müssen wir uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen. Wir müssen noch viel mehr ins Gespräch kommen.

Zurück zur Serie: Die Protagonisten sind sehr hin- und hergerissen zwischen Familie und Job ...

Michael Peña: … ja, das ist wirklich hart. Kiki will natürlich nie seine Familie verlassen, seine Frau, seine Kinder, er liebt sie wahnsinnig, aber er muss auch diesen Job erledigen, er ist schließlich ein Guter, er hat einen Plan. Wir wissen ja, wie es endet …

Ich weiß gar nicht, ob ich die letzte Folge sehen will ...

Michael Peña: Es ist eine Komödie (lacht).

Diego Luna: Es ist auf jeden Fall keine Doku (lacht).

Mit Michael Peña und Diego Luna sprach Sabine Oelmann

"Narcos: Mexiko" startet am 16.11. auf Netflix.

Quelle: n-tv.de

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