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50 Jahre "Tatort" Happy Birthday, alte Krimi-Hütte

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Bis heute ein Meilenstein: der "Tatort - Reifezeugnis" mit Nastassja Kinski und Klaus Schwarzkopf von 1977.

(Foto: imago images / United Archives)

Hochgejazzt und abgeschrieben, analysiert und belächelt, geguckt, gebangt, gejubelt, gegähnt, aber nie ignoriert: "Tatort", das krimivisuelle Lagerfeuer aus dem vergangenen Jahrtausend, feiert 50. Geburtstag.

"Eine 'Tatort'-Folge von der besseren Sorte", schreibt Michael Schwarze in seiner TV-Kritik, erschienen am 29. März 1977 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Drehbuchautor Herbert Lichtenfeld hätte sich "etwas einfallen lassen", damit es am Schluss nicht kitschig wird, so Schwarze. Regisseur Wolfgang Petersens Krimi lebe nicht von einer "sonderlich ausgeklügelten Geschichte, sondern von den bemerkenswerten Psychogrammen der beteiligten Figuren".

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Götz George schrieb als Horst Schimanski Fernsehgeschichte.

(Foto: imago images/United Archives)

Soweit das Feuilleton. Auf Zuschauerseite geht es um einiges emotionaler zu. Der Grund, natürlich: Nastassja Kinski. Die damals 15-jährige als Schülerin Sina, die ein Verhältnis hat mit ihrem Lehrer, gespielt von Christian Quadflieg, und einen Mitschüler umbringt, aus Angst davor, dass das Ganze auffliegt - "Tatort - Reifezeugnis" war und ist nichts weniger als einer jener kollektiven "Weißt du noch?"-Momente, irgendwo zwischen Mondlandung, Lennons Ermordung und Mauerfall.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Wolfgang Petersen drehte "Das Boot" und ging nach Hollywood, Nasti verzauberte später in Wim Wenders’ "Paris, Texas" und Christian Quadflieg eröffnete eine Praxis als "Landarzt". Kommissar Finke, gespielt vom unvergessenen Klaus Schwarzkopf, ermittelte nur noch ein weiteres Mal, im August 1978. "Himmelfahrt" lautet der Titel der 90. "Tatort"-Folge, ein intensives Rachedrama um ein vergewaltigtes Mädchen, in den Hauptrollen Diether Krebs und Volker Eckstein.

Über 100 Ermittlerteams

In Kiel ermittelt heute Kommissar Borowski an Finkes Stelle. In München haben Batic und Leitmayr allein schon fast so viele Fälle unterm Gürtel (aktuell 84) wie der "Tatort" damals gesamt. 50 Jahre sind vergangen, seit das von Gunther Witte ersonnene Format mit "Taxi nach Leipzig" zum ersten Mal auf Sendung war. 1144 Fälle sind mittlerweile zusammengekommen, damit rangiert die Serie in der Liste der langlebigsten Fernsehserien zwischen der BBC-Produktion "Casualty" und "Pokémon".

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Udo Wachtveitl (l.) und Miroslav Nemec haben als Franz Leitmayr und Ivo Batic bereits 84 Fälle auf dem Buckel.

(Foto: imago images/Mary Evans)

1144 Fälle, in denen mal mehr, mal weniger, im wörtlichen Sinne, "merkwürdige" Dinge passierten. Die "Bild"-Zeitung zählte einst, wie oft Schimmi in einer Folge denn wohl das Wort "Scheiße" gesagt hat. Berti Vogts trug ein Kaninchen durch die Kulisse. In Ludwigshafen verzichtete man schon mal aufs Drehbuch, Til Schweiger hätte selbiges auch gern mit der Titelmelodie gemacht. Leitmayr und Batic schauten in der "Lindenstraße" vorbei, Lena Odenthal wiederum bei den beiden in München. Lindenberg trommelte, Manfred Krug und Charles Brauer sangen. Murot verzaubert, Faber verstört, Lindholm betört.

Über 100 Ermittlerteams und Kommissare versahen und versehen bislang ihren Dienst - 22 Teams sind es aktuell - und bekommen es mal mit eifersüchtigen Ehemännern und größenwahnsinnigen Bankiers, mit einfallsreichen Powerfrauen und ausfällig werdenden Assis, mit korpulenten Karnevalisten, notorischen Naturschützern und chauvinistischen Schlingeln zu tun.

Kann das weg?

Und immer wieder die Frage aller Fragen nach all den Jahren, all den Fällen, den Anschuldigungen und Alibis, den überfrachteten Plots, den pointierten Dialogen, den hochspannenden Täterrätseln, den verkorksten Storylines, den hochaktuellen Geschichten: Wo waren sie gestern Abend zur Tatzeit? Und natürlich: Ist das alles noch zeitgemäß? Ist das noch relevant? Ist das Krimi - oder kann das weg? Und auch wenn sich an dieser Stelle das eine oder andere Mal die Bewertungszahlen unterhalb der 5-Punkte-Grenze bewegen, hölzerne Dialoge, krude Wendungen oder Logiklöcher bemängelt werden: Der "Tatort" gehört einfach dazu. Punkt. Fall gelöst.

Allein der ungläubige Blick ins Fernsehprogramm, wenn am Sonntagabend mal nicht der "Tatort", und auch nicht sein einstiges Ost-Pendant, der "Polizeiruf 110", zur gewohnten Sendezeit läuft, zeigt vor allem eines: Die Serie hat nichts von ihrer mal kontroversen, mal zutiefst unterhaltsamen Strahlkraft als eines der letzten TV-Lagerfeuer der Nation verloren.

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Und wer jetzt im Geiste denkt, "Och, ich guck’ den ja schon lange nicht mehr", dem sei der erste Teil der Jubiläumsdoppelfolge empfohlen - und das nicht nur, weil das Bundesfinanzministerium jetzt sogar eine Sonderbriefmarke mit einer Szene aus dem Vorspann herausgebracht hat, sondern weil "In der Familie", so der Titel der Kombi aus Dortmund und München am 29. November, hochspannendes, brillant inszeniertes, toll gespieltes Entertainment bietet. Wer da nicht einschaltet, sollte ein gutes Alibi in petto haben.

In diesem Sinne: Happy Birthday, lieber "Tatort", auf die nächsten 50 Jahre.

Quelle: ntv.de

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